Kinder mit bunten Luftballons; Quelle: rbb/Dipl. sc. pol. Henning Vierck

rbb PRAXIS Interview - Was ist eigentlich Glück?

Um das herauszufinden hat die rbb PRAXIS mit Kerstin Taubenheim, Erziehungswissenschaftlerin und Glückspädagogin, gesprochen. Taubenheim leitet eine Glücksschule in Berlin und bietet "Wege zum Glück" als Seminarthema an:

rbb PRAXIS: Frau Taubenheim, was ist Glück für Sie?
Ich fühle mich glücklich, wenn ich Dinge tue, die mir Spaß machen. Dazu gehört, Freunde und Familie um mich zu haben, in die Sauna zu gehen, mich zu bewegen. Ich bin glücklich, wenn ich in eine Sache vertieft bin, wenn ich am richtigen Ort zur richtigen Zeit bin, wenn ich etwas durch mein leidenschaftliches Engagement bewegen kann, meine Arbeit gut mache, wenn ich herzlich lachen kann.

rbb PRAXIS: Empfindet Glück nicht jeder anders?
Glück ist ein Moment, und nur im Glück der Fülle streckt es sich auf das ganze Leben aus. Glück ist subjektiv. Fakt ist aber, dass die Hormone, die im Körper ausgeschüttet werden, bei allen Menschen ähnlich sind. Natürlich kommt es auch auf die genetische Komponente an und darauf, ob jemand raucht, kifft, trinkt oder andere Drogen zu sich nimmt. Wer Drogen nimmt, "stumpft auch in seinem Glücksempfinden ab", denn die Hormonausschüttung verändert sich zum Negativen. Um sich wieder wohl zu fühlen, muss man erneut Drogen einwerfen.

rbb PRAXIS: Was sagt die Wissenschaft zu dem Begriff Glück?
Wissenschaftlich meint Glück Wohlbefinden, Zufriedenheit, Lebensqualität. Das schließt auch die Gesundheit und Lebensfreude mit ein, je nach Studie. Der zeitgenössische Philosoph Wilhelm Schmidt unterscheidet drei Glücksarten: das Zufallsglück, das Wohlfühlglück und das Glück der Fülle. Das Zufallsglück kommt bekanntlich von oben, das Wohlfühlglück steht für Genuss, das Leben im Hier und Jetzt, Freunde, beruflicher Erfolg. Damit ist alles gemeint, was uns wohlfühlen lässt.

rbb PRAXIS: Was vermitteln Sie in Ihrer Glückschule?
Meine Seminare richten sich an Menschen, die interessiert sind, mehr vom Glück zu erfahren und die Lust haben, ihr Leben ein Stück weit in Richtung Glück zu verändern. In der Glücksschule lernen die Teilnehmer, dass es glücksbringende Verhaltenweisen gibt und wie sie diese im Alltag anwenden können. Es gibt zahlreiche Anregungen und Ideen, das eigene Glück zu finden. Dazu bedienen wir uns der Glückswissenschaft, der positiven Psychologie, der Neurologie und der Philosophie. Unter anderem vermittele ich, wie Glück im Gehirn und im Körper entsteht. Berührungen sind zum Beispiel für unser Überleben wichtig. Jede zärtliche Umarmung macht uns weniger ängstlich. Durch Berührungen werden Glückshormone ausgeschüttet. Eine Studie zeigt, dass Patienten, die jeden Tag in der Visite vom Arzt an der Hand berührt werden, viermal schneller genesen, als die aus der Kontrollgruppe. Das Wissen darüber, dass Berührung im Körper Glück auslöst und Schmerzen lindert, versetzt die Teilnehmer in die Lage, dem Unglück praktisch entgegenzuwirken.

rbb PRAXIS: Wie läuft der Unterricht ab?
Wir beschäftigen uns zum Beispiel mit Dankbarkeit. Meiner Erfahrung nach tun Jugendliche sich oft schwerer als ältere Menschen damit, manchmal ist es im Unterricht das erste Mal, dass sie sich mit diesem Thema beschäftigen. Die Jugendlichen überlegen intensiv, wofür und wem sie dankbar sind. Dies verbinden wir mit ersten Meditationserfahrungen. Die Kinder bekommen die Hausaufgabe, bis zum nächsten Unterricht täglich drei Dinge aufzuschreiben, für die sie dankbar sind. Und sie üben sich zu Hause darin, das Gefühl von Dankbarkeit zu spüren. Im Unterricht schreiben sie außerdem einen Dankbarkeitsbrief an eine Person, der sie dankbar sind. Sie beschreiben darin genau, wann ihnen die betroffene Person geholfen hat und warum das so wichtig für sie war. Als Hausaufgabe lesen sie den Brief dem Adressaten vor. Beide Personen werden dann eine Verbundenheit spüren und ihre Beziehung wird enger. So profitiert auch das Umfeld der Schüler von dem Glücksunterrichts.

rbb PRAXIS: Was nehmen die Schüler mit nach Hause?
Die Schüler sind nach einem Schuljahr Glück in der Lage, sich Ziele zu setzen und diese zu verwirklichen. Sie wissen, wie ihr Gehirn funktioniert und wie sie sich Glücksmomente zuführen können. Sie entwickeln idealerweise ein Interesse für ein Hobby. Sie wissen, wie sie das Zufallsglück beflügeln können und können dies nutzen. Sie haben erste Meditationserfahrungen. Die Jugendlichen nehmen viele Tipps mit in den Alltag, wie zum Beispiel den Dankbarkeitsbrief. So tragen sie das Glück auch nach Hause.

rbb PRAXIS: Wann sollte man mit der Vermittlung von Glück beginnen?
So früh wie möglich. Vieles, was Lehrer den Kindern im Unterricht mitgeben, sind Samen. Einige Samen gehen erst später auf, aber dann sind sie umso wertvoller. Wenn Jugendliche keine Lust auf das Fach haben, ist Glück also schwer zu vermitteln, kann aber im Nachhinein noch Wirkung zeigen. Jugendliche haben mehr Vorbehalte als Kinder. Wenn Kinder hören, dass ich Glück unterrichte, wollen sie immer gleich mitmachen. Dann frage ich "Was ist denn für Dich Glück" und die Antwort ist meistens "Spielen!". Und das ist es. Glück ist Entwicklung und für Kinder ist dies eben Spiel. Die Urform von Glück ist Spiel!

rbb PRAXIS: Wie jung sind Ihre kleinsten, wie alt Ihre größten Schüler?
Ich halte Seminare für Kinder und Jugendlichen innerhalb und außerhalb der Schule. Hauptsächlich gebe ich aber Seminare für Erwachsene. Zudem habe ich eine Glückspädagogik für Kinder und Kleinkinder entwickelt, die ich in Vorträgen und Seminaren in Erzieherschulen weitergebe und dort diskutiere. Grundsätzlich unterrichte ich alle Altersklassen, meine älteste Seminarteilnehmerin ist 88 Jahre alt. Die Erzieher, die meine Seminare besuchen, arbeiten am eigenen Glück und ich schule sie in der Weise, dass sie die Glücksfähigkeit der Kleinsten nicht zerstören, sondern fördern. Die Erzieher haben mich immer wieder ermuntert, eine Kindertagesstätte zu gründen, in der diese Glückspädagogik Anwendung findet. Nun ist es bald soweit. Mit einer Kollegin habe ich den Träger grün und glücklich GmbH gegründet, nun suchen wir noch Förderer und Räumlichkeiten.

rbb PRAXIS: Brauchen wir Glück als ständiges Fach in der Schule?
Unbedingt. Je früher wir mit dem Fach Glück anfangen, desto besser. Alle Eltern sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen, um ihren Kindern Glück als Ressource mit auf den Weg geben zu können. Dies wäre die optimale Voraussetzung, dann würde das Kind am Modell lernen und müsste sich Glück nicht später kognitiv aneignen. Automatisch würde es im Erwachsenenalter glücksbringende Verhaltensweisen an den Tag legen. Ein ständiges Fach könnte dem Kind zu positiven Emotionen verhelfen. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn im Elternhaus keine herzliche, warme und angenehme Atmosphäre herrscht. Zudem wirkt es positiv auf die Gesundheit und beugt Depressionen vor.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Beate Wagner.