Patient und Besucher mit Migrationshintergrund (Quelle: rbb

- Wenn die neue Heimat krank macht

Migranten sind mitunter anders krank als Deutsche. Das gilt auch für psychische Erkrankungen. Die Arbeitsgruppe "Migration“ vom Vivantes-Klinikum Am Urban kümmert sich darum, dass Migranten die notwendige Hilfe erhalten – und schult das medizinische Personal für einen sensiblen Umgang mit ihnen. rbb Praxis hat mit Dr. Guido Pliska gesprochen. Er ist Oberarzt der Psychiatrie und leitet die Arbeitsgruppe.

Herr Dr. Pliska, warum haben Sie die Arbeitsgruppe gegründet?

Zum einen interessiere ich mich persönlich für die Besonderheiten der transkulturellen Psychiatrie. Zum anderen habe ich gemerkt, dass es einen großen Bedarf für die spezielle Betreuung von Patienten mit Migranten-Hintergrund gibt. Immerhin ist ein Viertel unserer psychiatrischen Patienten nicht deutscher Herkunft. Unser Ziel ist es, dass diese Menschen besser versorgt werden.

Was ist das Problem bei der Versorgung?

Untersuchungen zeigen, dass Migranten häufiger eine falsche Diagnose bekommen. Das liegt zum einen an der Sprachbarriere, denn der Arzt erfragt viele Dinge, um zur Diagnose zu kommen. Dabei entstehen viele Missverständnisse. Zum anderen zeigen die Patienten auch andere Symptome, als wir es gewohnt sind. Beispielsweise berichten Patienten aus dem arabischen Raum häufiger über Halluzinationen. Bei uns schließt man da leicht auf ein Delirium durch übermäßigen Alkoholgenuss oder einen Entzug. Bei Migranten aus dieser Region kann das aber auch ein Zeichen für eine Belastungsreaktion oder eine Depression sein.

Was können Sie für diese Menschen tun?

Wir organisieren Mitarbeiter-Fortbildungen, um sie für die Besonderheiten von Krankheit und Gesundheit in anderen Kulturen zu sensibilisieren. Für die Patienten besorgen wir Dolmetscher, reden mit Angehörigen, beraten viel.

Auf welche Probleme stoßen Migranten, wenn sie in Deutschland krank sind?

Sie werden schnell in Schubladen gesteckt. Beispielsweise glaubt man von Migranten, dass sie oft somatisieren, also psychische Probleme haben, die sie hinter körperlichen Beschwerden verbergen. Das mag zwar häufig stimmen, birgt aber auch die Gefahr, dass der Arzt bei unzureichender Diagnostik eine schwere körperliche Erkrankung übersieht.

Sind Migranten anders krank als Deutsche?

Migranten haben prinzipiell die gleichen Erkrankungen wie wir auch. Sie zeigen aber teilweise andere Beschwerden, als wir es gewohnt sind. Deshalb brauchen wir dringend mehr muttersprachliche Therapeuten und fachlich geschulte Dolmetscher. Bislang ist die Bezahlung von Dolmetschleistungen durch die Krankenkassen nicht ausreichend geregelt.

Immer wieder hört man, dass (junge) Migranten eine erhöhte Suizidrate haben. Woran liegt das?

Studien kommen hier zu widersprüchlichen Ergebnissen. Mir ist eine Untersuchung bekannt, die bestätigt, dass sich junge Türkinnen häufiger suizidieren als der Durchschnitt ihrer Altersgruppe. Aktuell untersucht eine Arbeitsgruppe der Charité, ob das wirklich stimmt. Grundsätzlich kann man sagen, dass Migranten die Suizidrate aus ihrem Heimatland mitbringen: In Russland liegt sie höher als beispielsweise in den südlichen Ländern Europas.

Sind Migranten häufiger psychisch krank?

Auch hier ist sich die Wissenschaft nicht einig: Migration ist zwar an sich ein Risikofaktor für psychische Störungen. Weitere bekannte Risikofaktoren sind Sprachprobleme, Arbeitslosigkeit, geringere Bildung und schlechte Wohnverhältnisse. Dafür sind Migranten häufiger in eine Familie integriert, was vor Störungen schützen kann. Als gesichert gilt, das Migranten überdurchschnittlich oft sehr spät einen Arzt aufsuchen. Gründe dafür sind beispielsweise Scham und Unwissenheit.

Welche Aufgaben kommen zukünftig auf Sie zu?

Ein zunehmendes Thema sind Migranten, die in Deutschland alt werden. 2030 werden wir doppelt so viele Migranten über 65 Jahre haben wie heute. Dann kommen typische gerontopsychiatrische Erkrankungen wie Demenzen auch bei Migranten vermehrt auf uns zu. Darauf müssen wir uns einstellen und neue Versorgungstrukturen schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch

Das Gespräch führte Constanze Löffler.

Service

Dr. med. Guido Pliska

Psychiater und Oberarzt
Vivantes, Klinikum am Urban
Dieffenbachstr. 1
10967 Berlin
E-Mail: guido.pliska@vivantes.de