
rbb PRAXIS Interview -
In Deutschland wird der Statistik zufolge fast jedes zehnte Kind zu früh geboren. Damit kommen mehr als 60.000 Babys im Jahr mindestens zwei Wochen vor dem Geburtstermin zur Welt. rbb PRAXIS hat mit Dr. med. Beatrix Schmidt über die Situation von Frühgeborenen in Deutschland gesprochen. Sie ist Chefärztin der Neugeborenen-Station am St. Joseph Krankenhaus in Berlin-Tempelhof.
rbb PRAXIS: Frau Dr. Schmidt, wann genau nennt man Neugeborene Frühchen?
Dr. Schmidt: Normalerweise dauert eine Schwangerschaft 40 Wochen. Alle Kinder, die vor der vollendeten 36. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, sind Frühgeborene. Alle vor der vollendeten 32. Woche geborenen Kinder sind frühe Frühchen.
rbb PRAXIS: Welche Chance haben Frühchen zu überleben?
Dr. Schmidt: Hierzulande werden alle Kinder ab der 24. Schwangerschaftswoche mit medizinischen Maßnahmen unterstützt, damit sie gesund überleben. Ihre Chancen zu Überleben sind gut; sie sind jedoch anfälliger für Infekte und Komplikationen.
rbb PRAXIS: Es schaffen aber auch jüngere Kinder. Erinnern wir uns an Frieda aus Fulda, die bei ihrer Geburt im November 2010 gerade einmal 21 Wochen und 5 Tage alt war. Sie gilt heute als gesund, auch wenn die Angst vor Folgeschäden bei ihren Eltern gegenwärtig ist.
Dr. Schmidt: Sicherlich, aber das sind Ausnahmen. Es gibt Kinder, die in der 22. Schwangerschaftswoche leblos geboren werden und solche, die sehr munter zur Welt kommen. Zwischen der 22. und 24. Schwangerschaftswoche befinden wir uns in Deutschland rechtlich in einer Grauzone. Auch die Leitlinie für die Behandlung von "Frühgeburten an der Grenze zur Lebensfähigkeit" drückt sich hier schwammig aus: ‚Dank der Intensivmedizin können diese Kinder zwar kurz- oder langfristig überleben, unter Umständen aber mit erheblichem Leiden.’ Deshalb muss man in solchen Fällen das Vorgehen gemeinsam mit den Eltern abwägen.
rbb PRAXIS: Leben um jeden Preis – wie treffen Sie als Ärztin Ihre Entscheidungen im Alltag?
Dr. Schmidt: Im Team und gemeinsam mit den Eltern. Mit ihnen muss vor der Geburt intensiv gesprochen werden.
rbb PRAXIS: Der Film, den die rbb PRAXIS in ihrer kommenden Sendung am 10. Oktober zeigt, begleitet auch ein Zwillingspärchen, das zu früh geboren wurde. Der eine Zwillingsjunge entwickelt sich sehr gut, der andere hat schwerwiegende Darmprobleme. Wie kommen solche Unterschiede bei ein und derselben Geburt zustande?
Dr. Schmidt: In diesem Fall waren das zweieiige Zwillinge, die sich genetisch genauso ähneln oder unterscheiden wie Geschwister, zwischen denen mehrere Jahre Altersunterschied liegen. Nach der Geburt waren beiden den Umwelteinflüssen ausgeliefert. Warum der eine Zwilling eine schwere Infektion erlitten hat und der andere nicht, können wir im Nachhinein nicht mehr feststellen.
rbb PRAXIS: Selbst wenn die frühgeborenen Kinder als gesund entlassen werden, drohen ihnen später gesundheitliche Probleme. Oft haben sie Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, leiden vermehrt unter Atemwegserkrankungen und Allergien. Wie gehen Sie mit diesem Wissen den Eltern gegenüber um?
Dr. Schmidt: Wir versorgen die Kinder so, dass sie einen bestmöglichen Start haben. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass der nicht nur mit Hightech-Medizin besser gelingt, sondern auch durch die Nähe der Eltern. Haben frühgeborene Kinder eine gute Bindung zu ihnen, fühlen sie sich geborgen und geliebt, entwickelt sich auch ihr Gehirn besser, sie haben seltener Infektionen und andere Komplikationen. Wir bieten deshalb auch für schwerkranke Neugeborene "Rooming in" an und bestärken die Eltern darin, ihre Kinder auf der Intensivstation so früh wie möglich selbst zu versorgen. Denn wenn sie die Angst vor den Apparaturen verlieren, gelingt es ihnen leichter und schneller, ihr Kind anzunehmen.
rbb PRAXIS: Die Tendenz für Frühgeburten steigt. Gibt es dafür triftige Gründe?
Dr. Schmidt: Gemäß der Deutschen Gesellschaft für Neonatologie und intensivmedizinische Pädiatrie ist die Anzahl der Frühgeborenen im letzten Jahr stabil geblieben. Dass Kinder zu früh geboren werden, dafür gibt es Gründe: Zum einen, wenn die Mütter sehr jung oder älter sind. In den vergangenen Jahren hat das Alter der Erstgebärenden stetig zugenommen, so dass auch das Risiko für eine Frühgeburt steigt. Aber auch Übergewicht, Rauchen oder Bluthochdruck gehören zu den Auslösern.
rbb PRAXIS: Wie sieht die Zukunft der Neonatologie aus?
Dr. Schmidt: Die Neonatologie ist eine noch junge ärztliche Disziplin. Seitdem es sie gibt, trotzen wir der Natur immer jüngere Kinder ab. Als ich vor 20 Jahren als junge Ärztin in das Fachgebiet einstieg, habe ich mit meinem Chef noch darüber diskutiert, ob wir ein Kind mit 26 Wochen versorgen. Seitdem hat sich viel getan; Beatmung, Ernährung und Medikamente verbessern sich stetig. Diese Entwicklung wird weitergehen, auch wenn wir wegen der völlig unzureichenden Organreife bei noch jüngeren Kindern anders vorgehen müssen. Schon heute forschen Wissenschaftler daran, ob man die Kinder statt in einen Brutkasten in einer Art Fruchtwasser heranwachsen lässt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Constanze Löffler.


