Frühchen in einem Inkubator im Städt. Klinikum Brandenburg, Quelle: dpa

- Wie sich Frühgeburten verhindern lassen

Rund 64.000 Kinder kommen jedes Jahr zu früh auf die Welt. Viele Frühgeburten sind schicksalhaft. Einige lassen sich aber auch vermeiden.

"Zwillinge in der 23. Woche entbunden", "Weltweit leichtester Junge geboren", "Jüngstes Frühchen Europas aus Klinik entlassen" – Presse-Schlagzeilen wie diese sorgen regelmäßig für Aufsehen. Tatsächlich sind diese Kinder Einzelschicksale, geboren in der 22. oder 23. Schwangerschaftswoche und an der Grenze zur Lebensfähigkeit. In Deutschland betrifft das etwa hundert Babys im Jahr. Abgesehen von solch dramatischen, plötzlich auftretenden Frühgeburten entscheidet häufig der Arzt über den Zeitpunkt der Geburt: "Rund ein Drittel der Fälle sind von uns Medizinern gewollt", erklärt Klaus Vetter, emeritierter Chefarzt der Frauenklinik des Vivantes Klinikums in Berlin-Neukölln. "Wenn die Mutter in Gefahr ist oder das Baby im Mutterleib schlecht versorgt ist, holen wir das Kind früher auf die Welt."

Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen, gerechnet vom ersten Tag der letzten Periode. Von einer Frühgeburt sprechen die Ärzte, wenn das Baby vor dem Ende der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. "Diese Definition von der Weltgesundheitsorganisation WHO ist vor allem eine formaljuristische Grenze, die unabhängig vom Gewicht ist und keine biologischen Gründe hat“, erklärt Vetter. Eine weiterer wichtiger Zeitpunkt: die 32. Schwangerschaftswoche. Alle davor geborenen Kinder sind "frühe Frühgeborene" und wiegen meist unter 1.500 Gramm. Vier Wochen früher – also um die 28. Schwangerschaftswoche – gelten die Kinder als "sehr früh geboren" und bringen oft weniger als 1.000 Gramm auf die Waage. Noch jüngere Kinder sind extrem früh Geborene. Etwa 8.000 bis 10.000 Babys erblicken jährlich vor der 32. Schwangerschaftswoche das Licht der Welt.
Keime wichtigster Grund für Frühgeburten
Der häufigste Grund für Frühgeburten sind unerkannte Infektionen. Sie sorgen für 40 Prozent der Fälle. Die Erreger steigen entweder über die Scheide Richtung Gebärmutter auf. "Diese Keime können zum verfrühten Blasensprung führen, wenn der Schleimpfropf den Muttermund nicht richtig verschließt", sagt Vetter. Frauenärzte und Hebammen empfehlen den werdenden Müttern, mit einem speziellen Testhandschuhe ihren vaginalen pH-Wert zu bestimmen. Verfärbt sich das Testpapier des Handschuhs, sollten die werdenden Mütter einen Arzttermin vereinbaren und sich behandeln lassen – bevor es zur Vaginalinfektion oder gar zur Frühgeburt kommt.

Viel häufiger seien allerdings unerkannte Harnwegsinfekte die Erregerquelle, so Vetter. Die erhöhten Hormonkonzentrationen während der Schwangerschaft führen dazu, dass sich die Harnleiter erweitern, und Keime leichter aus der Blase in die Nieren gelangen. Von dort streuen sie auf dem Blutweg in die Plazenta. Deshalb, so Vetter, sei es wichtig, Harnblaseninfektionen in der Schwangerschaft konsequent zu behandeln – auch dann, wenn sie den Frauen noch keine Beschwerden bereiten. Deshalb kontrolliert der Arzt bei jeder Vorsorge-Untersuchung während der Schwangerschaft den Urin. Das wiederum könnte eine Erklärung dafür sein, dass die Teilnahme an der Schwangerenvorsorge Frühgeburten vorbeugt: In einer Untersuchung lag der Anteil an Frühgeburten von Frauen, die regelmäßig zur Vorsorge gingen, bei zwei Prozent. Bei Schwangeren, die diese seltener in Anspruch nahmen, war die Rate mit 15 Prozent deutlich erhöht.

Doch nicht nur Erreger aus der Beckenregion sind gefährlich. Heute weiß man auch, dass Keime aus dem Mund das Frühgeburtsrisiko erhöhen können. Die Bakterien sollen das Immunsystem dazu anregen, Entzündungseiweiße zu produzieren, die wiederum den Geburtszeitpunkt beeinflussen. "Frauen mit Kinderwunsch lassen sich am besten vor Eintritt der Schwangerschaft zahnärztlich sanieren", empfiehlt deshalb Vetter. Im Jahr 2010 publizierten Wissenschaftler der Universität von Pennsylvania, Philadelphia, eine Studie, in der eine Parodontose-Behandlung das Frühgeburtsrisiko deutlich senkte, wenn die Behandlung konsequent bis zum Ende durchgeführt wurde.
Füße auf einer Waage, Quelle: dpa
Das Gewicht normalisieren, Diabetes vorbeugen
Ein weiterer Risikofaktor, den jede Schwangere selbst beeinflussen kann: das Gewicht. Dicke Frauen bringen einer Vielzahl von Studien zufolge ihre Kinder häufiger frühzeitig zur Welt. Mit steigendem Körpergewicht steigt auch das Risiko für eine Frühgeburt. Eine Meta-Analyse mit 84 Studien und über einer Millionen Schwangeren konnte zeigen, dass übergewichtige Schwangere zu einem Drittel und adipöse Schwangere zu mehr als zwei Dritteln häufiger vor der 37. Schwangerschaftswoche entbanden. Übergewicht und Adipositas werden anhand des BMI unterschieden: Mit einem BMI zwischen 25 und 30 ist man übergewichtig, bei Werten über 30 adipös – also krankhaft übergewichtig.

Ein weiterer Risikofaktor für ein vorzeitiges Ende der Schwangerschaft, der im engen Zusammenhang mit den Körpergewicht steht: ein Schwangerschaftsdiabetes. Er wird bei fast vier Prozent aller werdenden Mütter in Deutschland diagnostiziert. Der Schwangerschaftsdiabetes steigert nicht nur die Gefahr für eine Frühgeburt, sondern auch für Bluthochdruck und Harnwegsinfekte – beides selbst Risikofaktoren für eine Frühgeburt.  Seit März 2012 zahlen die Krankenkassen den Zuckertest als Routineuntersuchung in der Schwangerschaft. Entdeckt der Arzt dabei einen Schwangerschaftsdiabetes, genügt in 85 Prozent aller Fälle eine vollwertige, gesunde Ernährung, in 15 Prozent der Fälle muss zusätzlich Insulin gegeben werden.

Ebenfalls bekannte Risikofaktoren sind Stress, das Alter der werdenden Mutter, der zunehmende Anteil der Mehrlingsgeburten, sowie Nikotin- und Alkoholkonsum. Dass der Verzicht auf das Rauchen Frühgeburten verhindert, berichtet eine im Frühjahr 2012 veröffentlichte schottische Studie. Der Anteil der Raucherinnen unter den Gebärenden war seit dem Antirauchergesetz im Jahr 2006 von 25 Prozent auf 19 Prozent gesunken. Parallel dazu sank auch die Zahl der Frühgeburten mehr als zehn Prozent.

Text: Constanze Löffler

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