Mann im Bett, vor ihm türmen sich Erkältungsmedikamente, Quelle: dpa

rbb Praxis Service - 'Grippemittel - eine Erfindung der Werbung'

Die Pharmabranche macht gezielt Werbung für zahlreiche freiverkäufliche Medikamente, deren Nutzen oftmals zweifelhaft ist. "Grippemittel gibt es nicht. Das ist eine Erfindung der Werbung.", sagt der Arzneimittelexperte Prof. Gerd Glaeske. rbb PRAXIS sprach mit ihm darüber und warum er vor dem so genannten "Hirndoping" warnt.

Herr Prof. Glaeske, Sie sagen, dass Arzneimittel gegen grippale Infekte eine Erfindung der Werbung sind. Inwiefern und von welchen Präparaten würden Sie grundsätzlich abraten?
Prof. Gerd Glaeske:
Es gibt in der Selbstmedikation keine wirklichen Grippemittel, sondern nur Mittel, mit denen die Symptome eines grippalen Infekts behandelt werden können (so z.B. Schnupfen mit konservierungsfreien Nasensprays, Kopf- und Gliederschmerzen z.B. mit Acetylsalicylsäure als Brausetabletten oder Mucoangin als Lutschtabletten bei Halsschmerzen). Insofern würde ich grundsätzlich von Kombinationsprodukten abraten, mit denen angeblich alle oder viele Symptome gleichzeitig behandelt werden sollen. Beispiele sind Grippodstad C, WickMedinait oder auch Aspririn complex.

Was raten Sie demzufolge alternativ?
Prof. Gerd Glaeske:
Viel trinken, z.B. Tee, sich nicht in Räumen aufhalten, die besonders trockene Luft enthalten oder in denen geraucht wird, bei Halsschmerzen mit kaltem Salbeitee gurgeln, mit heißem Wasserdampf inhalieren, gerne angereichert auch mit ein paar Tropfen Eucalyptus- oder Latschenkieferöl, bei Husten und verschleimten Bronchien ebenfalls viel trinken oder auch Bonbons (möglichst zuckerfrei) lutschen, weil auf diese Weise zäher Schleim verdünnt und besser abgehustet werden kann.

Wie sollte eine gute Beratung in der Apotheke ablaufen?
Prof. Gerd Glaeske:
Es sollte zunächst gefragt werden, ob man das Mittel für sich selber einkauft und welche Arzneimittel sonst noch eingenommen werden müssen. Dann sollte nach den Symptomen gefragt werden, die einen besonders stören. Es sollte auch gefragt werden, wie das Krankheitsgefühl ist, denn es könnte sich ja auch um eine wirkliche Influenza-Grippe handeln, die plötzlich mit hohem Krankheitsgefühlt und hoher Körpertemperatur oder Fieber auftritt. Wenn es sich ausschließlich um einen grippalen Infekt handelt, sollten Mittel wie die genannten angeboten werden, auch als Generika, weil die preisgünstiger sind als so genannte Originalprodukte (z.B. ASS ratiopharm Brausetabletten vs. Aspirin plus Vit C Brausetabletten).

Teetasse und -tüten in einem roten Schal, Quelle: dpa

Woran können Patienten festmachen, dass sie richtig beraten werden, bspw. beim Kauf von Schmerzmitteln?
Prof. Gerd Glaeske:
Das ist nicht immer einfach zu erkennen. Auch bei Schmerzmitteln sollten aber in der Selbstmedikation Mittel mit nur einem Schmerzwirkstoff wie ASS, Paracetamol oder Ibuprofen empfohlen werden. Dazu sollte auf alle Fälle darauf hingewiesen werden, dass von diesen Mittel möglichst nur zehn Tabletten im Monat (unter Berücksichtigung der empfohlenen Tagesdosierung) eingenommen werden sollten. Außerdem muss gefragt werden, ob die Schmerzen, die behandelt werden sollen, bekannt sind und schon einmal aufgetreten sind. Ansonsten sollte empfohlen werden, die Schmerzen durch einen Arzt abklären zu lassen. Bei abschwellenden Nasentropfen sollte auch darauf hingewiesen werden, dass diese nur fünf bis sieben Tage hintereinander angewendet werden sollten, weil die Nase sonst "abhängig" von dem Mittel wird.

Die Pharmabranche macht gezielt Werbung für zahlreiche freiverkäufliche Medikamente, deren Nutzen manchmal zweifelhaft ist. Worauf sollten Verbraucher achten?
Prof. Gerd Glaeske:
Verbraucher sollten sich Rat einholen, bevor sie Arzneimittel ohne Rezept einkaufen. Das Handbuch Rezeptfreie Medikamente der Stiftung Warentest oder die Medikamentendatenbank der Stiftung Warentest bietet Bewertungen für die meistverkauften Mittel an.

Sie warnen auch vor der Verbreitung eines Trends - dem so genannten "Hirndoping" dem Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbessern. Solche Mittel werden in diesem Zusammenhang nicht entsprechend ihrer zugelassenen Indikation eingenommen. Welche Gefahren bestehen?
Prof. Gerd Glaeske:
In diesem Zusammenhang werden typischerweise so genannte Psychostimulanzien eingesetzt (z.B. Ritalin oder Vigil), die besonders stark anregend wirken und damit wach halten und das Schlafbedürfnis unterdrücken. Diese Mittel führen in den meisten Fällen nach relativ kurzer Zeit zur Abhängigkeit, man muss immer mehr Tabletten einnehmen, um die ursprüngliche Wirkung zu erzielen. Dabei ist völlig unklar, ob diese Mittel zu einer geistigen Leistungssteigerung führen. Daher sind die Risiken hoch, der Nutzen ist nicht belegt und die Mittel sind bei Gesunden nur vereinzelt untersucht worden. Das alles zusammengenommen kann zu keinem anderen Ergebnis führen als vom Gebrauch dieser Präparate als Mittel für besseres und schnelleres Denken und Lernen abzuraten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Nadine Bader

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