
-
Rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden unter chronischen Schmerzen. Für die Patienten und ihre Angehörigen ist es besonders belastend, wenn keine Ursache gefunden wird. rbb Praxis sprach darüber mit Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin.
Herr Dr. Müller-Schwefe, Sie kritisieren, dass unser Gesundheitssystem ein "Nocebo" für Schmerzpatienten ist. Warum?
Ein Nocebo ist eine Substanz oder Maßnahme, die nichts nützt, sondern Schaden anrichtet. Eine systembedingte sprachlose Drei-Minuten-Medizin und Monotherapien wirken bei Schmerzpatienten als Nocebo und gehören sicherlich zu den Hauptgründen fortschreitender Chronifizierungsprozesse. Oftmals machen Patienten mit chronischen Schmerzen negative Erfahrungen. Ihre Schmerzen werden nicht ernst genommen und das führt dazu, dass die körpereigene Schmerzkontrolle beeinträchtigt wird.
Schmerzpatienten haben oft eine Odyssee an Arztbesuchen hinter sich. Was raten Sie Betroffenen?
Der wichtigste Rat aus meiner Sicht: Bestehen Sie darauf, ernst genommen zu werden. D.h. wenn ein Arzt Ihre Schmerzen nicht ernst nimmt, sollten Sie mit ihm als Arzt nicht mehr weiter verhandeln, sondern einen suchen, der die Schmerzen wirklich ernst nimmt und sich darum bemüht, Sie zu verstehen. Es gibt eine zu empfehlende Anlaufstelle - das ist die Deutsche Schmerzliga. Die hat ein Auskunftstelefon und ein Verzeichnis mit wohnortnahen Adressen von Ärzten und Psychologen, die sich in einzelnen Bereichen der Schmerzmedizin oder allumfassend in dem Bereich auskennen: (Tel 0700-37 5375 375).
Ein weiterer Rat ist: Wenn man mit chronischen Schmerzen zu einem Arzt geht und nicht wirklich von Kopf bis Fuß untersucht wird, sollte man bei dem Arzt nicht weiter Zeit verlieren. Auch wenn man beispielsweise Kopfschmerzen hat, muss man bis zum Fuß untersucht werden und wenn man Kreuzschmerzen hat, muss auch die Halswirbelsäule untersucht werden.
Wie wichtig ist es für Therapieerfolge, dass Schmerzpatienten eine frühzeitige Behandlung erhalten?
Das ist ganz entscheidend. Alle chronischen Schmerzen haben irgendwann mal als akute Schmerzen angefangen. Und wären sie effektiv frühzeitig behandelt worden, dann wären diese Patienten keine Patienten mit chronischen Schmerzen geworden. Wir wissen aus Rückenschmerzprogrammen, dass die Zeit das eigentlich Entscheidende ist, damit Schmerzpatienten eine Chance haben, ins Leben zurückzukehren. Bei Rückenschmerzen gibt es Zahlen, die zeigen: Wenn jemand drei Monate lang arbeitsunfähig war wegen Rückenschmerzen, gehen nur noch 30 Prozent innerhalb von zwei Jahren überhaupt wieder zum Arbeiten. Dagegen hat ein Behandlungsmodell, bei dem die Patienten bereits nach vier Wochen Arbeitsunfähigkeit an einem Intensivprogramm teilgenommen haben, gezeigt, dass 87 Prozent nach vier bis acht Wochen Therapie wieder arbeiten gehen konnten. Es kommt also sehr darauf an, keine Zeit zu vertrödeln.
Welche Rolle spielt die Entstehung des so genannten Schmerzgedächtnisses?
Wenn immer wieder schmerzhafte Informationen auftreten, dann ändert sich die Steuerstruktur der Nervenzellen, die diese Informationen verarbeiten. Das fängt schon im Rückenmark an und geht im Hirnstamm und auch in der Hirnrinde weiter. Und dann reichen am Ende geringe Reize dafür aus, dass diese Nervenzellen explodieren und dem Körper signalisieren, das ist Schmerz. Die Entstehung des Schmerzgedächtnisses zu vermeiden, ist also entscheidend.
Inwiefern kann auch eine Beeinträchtigung der körpereigenen Schmerzkontrolle eine Rolle spielen?
Wir haben von Geburt an verschiedene Schmerzkontrollsysteme. Die arbeiten mit Endorphinen - mit körpereigenen Morphinen - die am Rückenmark und auch da, wo Entzündungen entstehen, andocken. Wir haben Kontrollbahnen, die vom Gehirn ins Rückenmark absteigen und mit Botenstoffen wie Noradrenalin arbeiten, um die Weiterleitung von vor allem brennenden, prickelnden Schmerzen zu verhindern. Diese Systeme arbeiten permanent. Wenn ein Reiz kommt, wird sofort ein Gegenreiz ausgelöst. Es werden nur wichtige Signale durchgelassen und andere werden abgebremst. Ansonsten würde das zentrale Nervensystem mit Informationen überrannt. Bei Schmerzpatienten ist die Schmerzkontrolle häufig gestört. Zum einen, weil der permanente Schmerzreiz das ganze Nervensystem permanent aktiviert hält. Zum anderen sind auch psycho-soziale Faktoren von Bedeutung. Negative Erfahrungen, Verlust sozialer Kontakte und Isolierung, aber auch Überforderung und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen können die Schmerzkontrolle beeinträchtigen und dazu führen, dass diese Systeme nicht mehr gut aktiviert werden.
Welches sind die häufigsten Schmerzen, unter denen Patienten in Deutschland leiden?
Am häufigsten sind Rücken- und Kopfschmerzen. 90 Prozent aller Deutschen haben irgendwann einmal in ihrem Leben Rückenschmerzen. Tägliche Rückenschmerzen haben etwa 1,8 Millionen Menschen in Deutschland. Bei den Kopfschmerzen sind es häufig Spannungskopfschmerzen oder Migräne, die Probleme bereiten. Auch Nervenschmerzen spielen eine Rolle. Nervenschmerzen sind Schmerzen, bei denen der Schmerz nicht mehr signalisiert, dass es irgendwo am Körper eine Störung oder Verletzung gibt. Sondern die Nerven werden selber durch eine Störung zur Ursache von Schmerzen.
Von 19. bis 22. März findet der Interdisziplinären Schmerz- und Palliativkongress 2014 statt. Welche Themen werden im Zentrum stehen?
Es gibt neue Entwicklungen, die vor allem die Verbesserung der körpereigenen Schmerzkontrolle zum Ziel haben. Es sind neue Medikamente in der Mache, die körpereigene Systeme beeinflussen und damit Schmerzkontrolle verbessern. Ich hoffe, dass diese in ein bis zwei Jahren verfügbar sein werden. Vor allem wird aber im Zentrum stehen, mehr Berufsgruppen in die Schmerzkontrolle und -behandlung einzubeziehen. Deshalb schulen wir Apotheker, weil wir glauben, dass die Beratungsfunktion in Apotheken bisher unterschätzt wird. Auch für Physiotherapeuten bieten wir eine Schmerztherapie-Ausbildung an, weil auch diese häufig Schmerzpatienten in Behandlung haben und spezielle Kenntnisse benötigen.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Müller-Schwefe!
Das Gespräch führte Nadine Bader.


