
rbb Praxis Interview -
Die gute Nachricht zuerst: Im letzten Jahrzehnt gibt es fast ein Fünftel weniger Menschen, die sich neu mit HIV infizierten. Dennoch geben Experten keine Entwarnung: Jedes Jahr erliegen rund 1,7 Millionen Menschen ihrer Aidserkrankung.
In den vergangenen Jahren gab es revolutionäre Entwicklungen in der Forschung und Behandlung von HIV und Aids. Vor allem seit Mitte der 1990er Jahre verzeichnen wir deutlich bessere virologische Erfolge. Das bedeutet: Mithilfe der neuen und modernen Medikamente lässt sich das HI-Virus offensichtlich effektiv in seiner Vermehrung im Körper hemmen – die Viruslast im Blut sinkt dabei unter die Nachweisgrenze.
Wie merken die Patienten das?
Im Vergleich zu früher fühlen sie sich wohler unter Therapie. Denn sie vertragen die zugelassenen Medikamente besser als früher, haben weniger Nebenwirkungen und können ein nahezu normales Leben führen. Rund zwei Drittel der Patienten, und hier vor allem die jungen Menschen mit HIV, gehen hierzulande normal arbeiten. Sie sind dabei im Durchschnitt auch nicht häufiger krankgeschrieben als andere Arbeitnehmer.
Wie behandeln Sie die HI-Infizierten?
Standard ist nach wie vor eine Kombinationstherapie aus drei Arzneien, die sogenannte Tripletherapie. Sie bekämpfen die Viren im Körper auf unterschiedlichen Wegen. Bei erfolgreicher Therapie werden so kaum noch bzw. keine Viren gebildet. Im Einzelfall profitieren die Patienten aber auch von nur zwei Medikamenten. Insgesamt stehen uns heute mehr als 20 sogenannte antiretrovirale Medikamente zur Verfügung und sechs Kombinationspräparate. Mit dieser Auswahl können wir unseren Patienten heute in der Regel eine gut verträgliche HIV-Therapie individuell anbieten.
Welche Nebenwirkungen haben die Medikamente?
Grundsätzlich ist die Kombinationstherapie bei HIV eine bestimmte Form der Chemotherapie. Schaut man sich die Nebenwirkungen an, kann die Tripletherapie also auch auf gesunde Zellen wirken und das bleibt nicht ohne Folgen. Da die Therapie bisher jedoch lebenslang erfolgen muss, bestimmen vor allem die mittel- und langfristigen Nebenwirkungen darüber, ob die Behandlung erfolgreich ist. Schluckt ein Patient beispielsweise seit etwa zehn Jahren Tabletten, können die Niere, die Knochen ebenso wie die Leber Schaden nehmen. Dennoch treten die Nebenwirkungen heute deutlich seltener auf als noch vor vielen Jahren. Die HIV-Therapie macht die Infizierten also insgesamt auf keinen Fall kränker.
Gibt es auch kurzfristige Nebenwirkungen?
Die HIV-Arzneien können auch kurz nach Therapiebeginn Nebenwirkungen wie Schwindel, Durchfall, Müdigkeit oder Gelenkbeschwerden nach sich ziehen. Diese Nebenwirkungen verschwinden in der Regel nach etwa zwei bis vier Wochen. Die bessere Lebensqualität wird aber durch die langfristige Verträglichkeit erzielt.
"Wir brauchen einen noch aufgeklärteren, respektvolleren und offeneren Umgang mit Menschen mit HIV"
Richtig, etwa jeder dritte Betroffene kommt erst zur Behandlung, wenn die Erkrankung bereits ausgebrochen ist. Teils, weil er nicht ahnt, dass er überhaupt infiziert ist, teils aber auch, weil er zwar die Gefahr kennt, sich aber "zu gut" fühlt und deshalb keinen Test macht. Wir gehen derzeit von 2800 bis 3000 Neuinfektionen pro Jahr aus, bei jedem zweiten liegt der Infektionszeitpunkt geschätzt jedoch länger zurück.
Für die Therapie aber ist wichtig, dass sie möglichst früh begonnen werden sollte?
Genau, zahlreiche Studien haben gezeigt: Wenn HIV-Infizierte früh genug getestet und behandelt werden, dann bestehen fast keine Unterschiede in der Lebenserwartung zu Menschen ohne Virusinfektion. Auch Folgeerkrankungen stellen sich umso seltener ein, je eher die antiretrovirale Behandlung begonnen wird. Früh genug behandelt besteht also trotz HI-Infektion heute die Chance, genauso alt zu werden wie Menschen ohne Infektion.
Was bedeutet eine frühzeitige Behandlung konkret?
Frühzeitig ist nicht immer im zeitlichen Sinne zu verstehen, sondern bezieht sich auf die sogenannten Helferzellen. Sie haben eine wichtige Steuerfunktion bei der menschlichen Immun-Abwehr und zeigen an, wie stark das Immunsystem schon geschädigt ist. Normal sind mindestens 500 bis 600 Helferzellen (oder auch CD4-Zellen) pro Mikroliter Blut. Je weniger Helferzellen im Blut schwimmen, desto anfälliger wird der Körper für bestimmte Infektionen. Ab 350 Helferzellen und weniger beginnen wir daher spätestens mit der Therapie.
HIV-Patienten sind heute also chronisch Kranke. Vernachlässigen sie ähnlich wie Diabetes- oder Bluthochdruckpatienten auch mal die Therapie?
Wir sehen in unserem Bereich, dass die Therapietreue bei unseren Patienten extrem gut ausgeprägt ist, sie folgen der Therapieempfehlung also gewissenhaft und regelmäßig. Denn jeder Infizierte, der die Behandlung beginnt, weiß: Wenn er die Tabletten nicht wie erforderlich täglich einnimmt, sondern unregelmäßig, kommt es zu Resistenzen.
Was bedeutet Resistenz?
Dass das Virus gegen das Medikament unempfindlich geworden ist und dann entweder nicht mehr oder nur noch in höherer Dosierung wirkt. Nicht selten muss die Therapie dann umgestellt werden auf ältere, bisweilen schlechter verträgliche Arzneimittel. Und das will kein Patient.
Mit welchen Vorurteilen haben HIV-Infizierte heute noch zu kämpfen?
Leider gibt es nach wie vor viel Stigmatisierung, Kriminalisierung und Ausgrenzung. Der Grund dafür sind meist Ängste der Nachbarn, Kollegen, Freunde oder Befürchtungen des Arbeitgebers, die Leistungsfähigkeit könnte nachlassen. Oft wird ihnen auch einfach Schuld zugeschoben, beispielsweise beim Thema Übertragung beim Sex. Der Infizierte wird oft allein verantwortlich gemacht für die HIV-Übertragung, zum Sex gehören aber immer zwei. Meist wissen bei diesen HIV-Übertragungen die Menschen nicht, dass sie HIV-positiv sind.
Die meisten Betroffenen verheimlichen ihre Infektion daher nach wie vor?
Das kommt darauf an, wie und wo sie leben. Natürlich gibt es gesellschaftliche Kreise, in denen mit HIV toleranter umgegangen wird als in anderen. Dennoch trauen sich die meisten Betroffenen beispielsweise nicht, sich ihrem Arbeitgeber gegenüber zu offenbaren – auch wenn es hierzulande bis auf einzelne Berufsfelder (Chirurg!) keinen Beruf gibt, wo die Infektion zu einem Berufsverbot führen würde.
Was muss sich Ihrer Meinung in Deutschland noch ändern?
Wir brauchen einen noch aufgeklärteren, respektvolleren und offeneren Umgang mit Menschen mit HIV, damit diese besser mit ihrer Erkrankung leben können und sich integriert fühlen. Große Versorgungsprobleme sehe ich vor allem noch für ältere Infizierte. Da gibt es bisher noch viel zu wenige spezielle Angebote, zum Beispiel beim Thema Betreuungs- und Wohnmöglichkeiten. Zudem sieht der Gesetzgeber eine HIV-Infektion bis heute nicht als rehabilitationsfähige Erkrankung an, da gibt es noch Nachbesserungsbedarf.
Wird die Erkrankung denn zukünftig heilbar sein?
Das sehe ich kurzfristig nicht. Zum einen steckt die Forschung zum Thema Impfung aus meiner Sicht nach wie vor immer noch in den Kinderschuhen. Zum anderen müssen wir sagen: Es hat zwar bemerkenswerte Fortschritte in der Grundlagenforschung und bei den Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahrzehnten gegeben. Eine Heilung aber ist aus meiner Sicht dennoch leider nicht kurzfristig in Sicht.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Beate Wagner.


