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Kinder leiden häufig unter Kopfschmerzen und Migräne. Doch oft werden sie unzureichend behandelt. Kein Wunder, denn viele Ärzte sind bei der Gabe von Schmerzmedikamenten bei Kindern verunsichert. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Wien zeigt, dass es bislang noch zu wenige wissenschaftlich saubere Studien zur medikamentösen Therapie bei Kindern gibt.
In den vergangenen 40 Jahren ist die Anzahl von Kindern und Jugendlichen mit Migräne stetig gestiegen. "Die Zahlen sind alarmierend", sagt Yasar Wöber-Bingöl, Leiterin der Kopfschmerzambulanz für Kinder und Jugendliche an der Universität Wien. Fast alle Kinder klagen bis zum Ende der Grundschulzeit mindestens einmal über einen Brummschädel. Jedes zweite hat schon einmal Spannungskopfschmerzen gehabt, bis zu 12 Prozent der Jungen und Mädchen sind von Migräne betroffen. Der Rest sind Mischformen und Kopfschmerzen im Rahmen von Infekten.
Wöber-Bingöl fühlt sich durch die steigenden Zahlen alarmiert: 2Die Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren sehr verändert2, so die Kinderkopfschmerzexpertin. "Die zunehmend technologisierte Welt der Kinder und die vermehrten Belastungen in Schule und Familie fordern ihren Tribut."
Stress in der Familie oder Überforderung in der Schule gelten als Triggerreize der Migräne, Faktoren also, welche einen Migräneanfall begünstigen. Lebensmittel gehören normalerweise nicht dazu. Doch Triggerfaktoren allein reichen beim gesunden Kind nicht, um das heftige Kopfweh auszulösen. "Die Migräne ist eine angeborene Erkrankung“, sagt der Kieler Kopfschmerzexperte Hartmut Göbel. Erst wenn veränderte Gene und Triggerfaktoren zusammenkommen, entsteht die Migräne.
Göbel und seine Kollegen entdeckten vor wenigen Jahren ein Gen, dass bei Migränepatienten defekt ist. Es steuert den Energiehaushalt der Zellen. "Ist der Energieverbrauch in den Nervenzellen infolge von Stress erhöht, kann durch das kaputte Gen nicht ausreichend ‚Stoff’ nachgeliefert werden“, erklärt Göbel. "Dadurch wird eine Migräneattacke wahrscheinlicher." Wöber-Bingöls Arbeitsgruppe wiederum entdeckte ein Gen aus dem Dopaminstoffwechsel, das vor Migräne schützt.
Trotz steigender Zahlen blieb der Kopfschmerz im Kindesalter lange unbeachtet. Erst 1988 nahm die International Headache Society (IHS) Kopfschmerz und Migräne bei Kindern überhaupt in ihre Klassifikation auf. Seit 2004 unterscheiden die Experten endlich auch zwischen kindlicher Migräne und Erwachsenenformen. Die Migräne bei Kindern ist als wiederkehrender, pochender oder hämmernder Kopfschmerz definiert, der mit und ohne Aura eine Stunde bis drei Tage andauert.
Zu Beginn weinen jüngere Kinder häufig, rollen sich zusammen, klagen über Übelkeit und Bauchweh und erbrechen. „Oft schlafen sie während einer Schmerzepisode ein, schlummern über Stunden tief und fest und wachen wieder schmerzfrei auf“, so Wöber-Bingöl. Mit zunehmendem Alter sind sie häufiger lärm-, licht- und geruchsempfindlich.
Nicht nur die Symptomatik verändert sich mit dem Alter, auch die Therapie ist altersabhängig. Kinder bis zum sechsten Lebensjahr legt man normerweise in einen abgedunkelten Raum; Schmerzmedikamente sind selten erforderlich. "Der Schlaf ist die Behandlung“, erklärt Wöber-Bingöl. Kennen die Kinder die Auslöser der Schmerzattacken, können sie ihr Leben entsprechend umstellen. "Ich spreche viel mit den Kindern, gebe ihnen Alltagstipps und Ratschläge, wie sie ihren Alltag ruhiger gestalten können."
Sind die Kinder älter und klagen häufiger über Schmerzen, schickt die Ärztin die Heranwachsenden zur Gruppentherapie mit anderen Leidgeplagten. Hier lernen die Kinder, schmerzauslösende Faktoren zu erkennen und Entspannungstechniken anzuwenden. "Sie sollen Pausen einlegen statt ständig aktiv zu sein“, sagt die Wiener Kinderkopfschmerzspezialistin. Durch derartige Programme lernen die Kinder und Jugendlichen am besten, mit ihrer Migräne zu leben.
Treten Attacken auf, bekommen ältere Kinder Medikamente. Sie sollten während der ersten 30 bis 60 Minuten des Anfalls und in der nächsthöheren Dosis gegeben werden, die für das jeweilige Alter empfohlen ist. "Ibuprofen wirkt besonders gut, auch Paracetamol hilft. Aspirin sollten nur Kinder bekommen, die 12 Jahre und älter sind“, empfiehlt Wöber-Bingöl.
Für eine Publikation, welche die Wissenschaftlerin erst Mitte April 2013 im Fachmagazin "Paediatric drugs" veröffentlichte, durchforstete die Wiener Ärztin Dutzende Medikamentenstudien zur Behandlung der kindlichen Migräne. Nur wenige entsprächen den wissenschaftlichen Standards. Doch bei der Wahl der Behandlung kommt der Expertin auch ihre klinische Erfahrung zugute: Wöber-Bingöl hat über die Jahre mehr als 10.000 Migräne-Kinder betreut.
Trotz neuartiger, zum Teil medikamentenfreier Therapiemethoden werden Kinder mit Migräne und chronischen Kopfschmerzen zögerlich behandelt, bedauert die Spezialistin. Weil zu wenige Pädiater einschlägige Therapieprogramme kennen – und viele Eltern das Interesse am Kopfschmerz verlieren, sobald schwere Erkrankungen wie ein Hirntumor oder eine Epilepsie als Ursache ausgeschlossen sind.
"Mitunter dauert es schmerzreiche Jahre, bis die Kinder bei mir in der Kopfschmerz-Ambulanz auftauchen." Der Leidensdruck ist dann schon groß, und meist sind durch viele Ausfallstunden schulische Probleme entstanden. Je länger mit der Erstbehandlung gewartet würde, desto häufiger litten die betroffenen Kinder auch als Erwachsene unter Migräne, so Wöber-Bingöl, Sie rät deshalb zur frühen und konsequenten Therapie.
Text von Constanze Löffler


