
rbb Praxis Interview -
Schmerzmedikamente über Jahre eingenommen, können die Nieren schädigen. rbb Praxis-Autorin Ursula Stamm sprach mit Dr. Cosima Pohle, Internistin und Fachärztin für Nierenerkrankungen, leitende Ärztin im KfH-Nierenzentrum in Berlin-Charlottenburg.
Wie viele Menschen in Ihrer Praxis brauchen eine Nierenwäsche (Dialyse), weil sie zu viele Schmerzmedikamente eingenommen haben?
Wir haben im Moment etwa 150 Patienten in unserer Praxis, die auf eine Dialyse angewiesen sind, weil ihre Nieren nicht mehr arbeiten. Bei zehn von ihnen ist dies nachweislich allein durch Schmerzmedikamente ausgelöst worden. Bei vielen anderen Patienten ist es allerdings so, dass ein Diabetes oder ein Blutdruck vorliegen, die die Niere sowieso schon geschädigt haben. Wenn die dann jahrelang Schmerzmedikamente eingenommen haben, dann kann man natürlich nicht sagen, dass es allein durch die Tabletten ausgelöst worden ist.
Welche Schmerzmedikamente sind besonders gefährlich für die Niere?
Das sind vor allem Kombinationspräparate, in denen mehrere Wirkstoffe enthalten sind. In den 50er Jahren gab es eine regelrechte Welle von Medikamentenvergiftungen durch Schmerzmittel, die den Wirkstoff Phenacetin enthielten und die rezeptfrei in der Apotheke erhältlich waren. In den 80er Jahren wurden phenatecinhaltige Medikamente dann vom Markt genommen und seitdem sind die durch Kombinationspräparate verursachten Nierenschädigungen deutlich zurückgegangen. Es gibt sie allerdings immer noch. Die Kombinationspräparate sind deshalb so gefährlich, weil mehrere Wirkstoffe kombiniert werden, um den schmerzlindernden Effekt zu erhöhen. Damit erhöht man aber gleichzeitig auch immer die Gefahr von unerwünschten Nebenwirkungen. Außerdem weiß man bei Kombinationspräparaten, die zum Beispiel Paracetamol, Acetylsalicylsäure und Coffein enthalten, nicht genau, welcher Wirkstoff nun tatsächlich für die schmerzlinderunde Wirkung verantwortlich ist.
Gibt es auch "ungefährliche" Schmerzmedikamente?
Es gibt Schmerzmedikamente, die weniger stark die Niere schädigen, etwa Tabletten mit den Wirkstoffen Paracetamol oder Novaminsulfon. Dafür haben diese Präparate aber andere Nebenwirkungen. Paracetamol etwa kann die Leber schädigen und bei Kindern (von Müttern, die während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen haben) zu Asthma führen. Außerdem wird auch Paracetamol zum Teil über die Niere abgebaut. Novaminsulfon kann die Bildung von weißen Blutkörperchen hemmen, was zu einer gefährlichen Abwehrschwäche des Körpers führen kann. Diese Nebenwirkung (Agranulozytose) ist allerdings sehr selten. Bei starken Schmerzen kommen auch Opiate zum Einsatz, die die Niere nicht schädigen. Aber auch diese Wirkstoffgruppe hat Nebenwirkungen wie Verstopfung und Müdigkeit.
Was können Schmerzpatienten dann überhaupt noch einnehmen?
Man muss sagen, dass Menschen, die durch übermäßigen Medikamentenkonsum an die Dialyse gekommen sind, über Jahre hohe Dosen an Schmerzmedikamenten eingenommen haben. Wer sich an die Regel hält, nicht mehr als drei Tage hintereinander und an nicht mehr als zehn Tagen im Monat Schmerzmittel einzunehmen, der ist schon ganz gut beraten. Menschen, die allerdings durch Diabetes oder Bluthochdruck schon eine Nierenvorschädigung haben, sollten mit Schmerzmitteln eher noch zurückhaltender sein. Eine "sichere Dosis" gibt es also nicht. Wichtig ist es, die Ursache des Schmerzes herauszufinden und möglichst direkt zu therapieren. Dann braucht man auch weniger Schmerzmittel. Dafür haben aber viele Menschen keine Zeit oder auch Geduld. Sie greifen dann lieber zu einer Tablette und gewöhnen sich auch an diesen Umgang mit den Schmerzen.
Woran merke ich denn überhaupt eine Schädigung meiner Niere durch Schmerzmedikamente?
Ähnlich wie Bluthochdruck tut eine Nierenschädigung nicht weh. Das ist auch das Tückische. Unter Kopfschmerzen leidet jemand und nimmt jahrelang Schmerzmittel. Die dadurch möglicherweise entstandene Nierenschädigung bleibt lange unbemerkt. Erst, wenn mehr als die Hälfte des Nierengewebes zerstört ist, verändern sich überhaupt die Laborwerte. Viele wähnen sich daher in falscher Sicherheit, wenn sie bei ihrem Hausarzt regelmäßig ein „großes Blutbild“ machen lassen und die Nierenwerte in Ordnung scheinen. Viele Patienten erzählen ihrem Hausarzt auch gar nicht, dass sie regelmäßig rezeptfreie Schmerzmittel einnehmen. Wenn dann noch zusätzlich die vom Arzt verschriebenen hinzukommen, kann es sehr schnell zu viel werden. Da hilft letztlich nur eine ehrliche Bestandsaufnahme und auch den Mut, seinen Arzt darauf anzusprechen.
Das Gespräch führte Ursula Stamm.

