Antibiotika (Quelle: rbb)

Antibiotikum zu oft die falsche Therapie - Weniger ist mehr

In diesen Tagen sind die Praxen voll triefender Nasen und kratziger Stimmen. Die Patienten hoffen, schnell wieder fit zu werden, etwa mit einem Antibiotikum. Vor mehr als fünfzig Jahren glaubten amerikanische Gesundheitspolitiker, dank der Antibiotika seien die Infektionskrankheiten bald ausgerottet. Doch seit Mitte der Achtziger steigt ihre Anzahl wieder.

Eine Ursache für die Zunahme von Infektionskrankheiten sind die immer weniger wirksamen Antibiotika. Der Umgang mit ihnen erfordert mehr Fingerspitzengefühl – sowohl von den Ärzten als auch den Patienten. So verschreiben immer noch viele Mediziner Antibiotika bei viralen Infektionen, obwohl die Präparate nur gegen Bakterien wirken.

Antibiotika gehören zu den am meisten verschriebenen Medikamenten. Wie häufig die Bakterienkiller geschluckt werden, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Analyse vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (ZI). Demnach haben im Jahr 2010 rund 22 Millionen Patienten mindestens einmal Antibiotika verordnet bekommen. Das entspricht jedem dritten gesetzlich krankenversicherten Deutschen. Mehr als die Hälfte davon verschreiben Allgemeinmediziner und Hausärzte.

Kinder und alte Menschen bekommen besonders häufig Antibiotika

Auffällig ist, dass erstens im Westen mehr Antibiotika verordnet werden als im Nord-Osten Deutschlands. Zweitens verordnen Ärzte die Tabletten vor allem besonders betagten Menschen über 90 Jahre und Kindern unter 15 Jahren besonders häufig.

Bei Kindern werden sogar immer mehr Antibiotika verschrieben, selbst wenn sie bei der Erkrankung nicht nötig sind. So zeigt eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse, dass Kinder immer häufiger bei Mittelohrentzündungen antibiotisch behandelt werden. Einer eigenen Datenauswertung der TK zufolge haben demnach 26 Prozent mehr der Medikamente innerhalb von zwei Jahren erhalten.

Bei einigen Krankheiten kann man jedoch nicht auf die Behandlung mit Antibiotika verzichten. Zu den bakteriologischen Notfällen, die zu einer sofortigen Therapie drängen, gehören:
• der Verdacht auf eine Hirnhautentzündung,
• eine Nabelentzündung bei Neugeborenen,
• Gelenkentzündungen nach Punktion,
• Fieber unklarer Ursache bei Erwachsenen über mehrere Wochen und bei Kindern nach 48 Stunden.

Etliche Erreger gegen fast alle Antibiotika resistent

Doch nicht nur bei Patienten werden für gewöhnlich zu oft Antibiotika eingesetzt. Auch in der Tierhaltung ist ihr Einsatz immer noch problematisch. Denn Experten zufolge erhöht der zunehmende Einsatz nicht nur die Resistenzbildung. Auch die Rückstände und Abbauprodukte der Medikamente finden sich in Fleisch, Milch und Eiern wieder.

Das Problem an dem flächendeckenden Einsatz der Antibiotika: Immer mehr Keime werden durch den schlampigen Umgang mit Antibiotika zunehmend unempfindlicher. Denn die Bakterien haben einzig ein Ziel: Sie wollen überleben. Dafür tauschen sie hilfreiche Gene untereinander oder profitieren vom spontanen Umbau ihres Erbmaterials. Seit Mitte der Achtziger hat die Antibiotika-Empfindlichkeit bei fast allen Erregern deutlich abgenommen.

Die Gründe für die Resistenzen sind vielfältig: Ärzte in Praxis und Klinik wenden bis zu 70 Prozent der Antibiotika falsch an. Sie missachten einfachste Hygieneregeln wie Händewaschen. Zunehmend mehr Patienten haben auch eine geschwächte Abwehrlage: durch Chemotherapie, Organtransplantationen oder Zuckerkrankheit. So sind mittlerweile etliche Erreger gegen fast alle Antibiotika resistent. Jedes Jahr gibt es bis zu 800.000 so genannte nosokomiale Infektionen. So nennen Experten Infektionen, die sich die Patienten im Krankenhaus zuziehen.

Ein Geschäft, das sich für die Pharmafirmen nicht lohnt

Zwar arbeitet die Forschung seit Jahrzehnten an möglichen neuen Antibiotika. Die Anzahl der zugelassenen Produkte ist in den letzten Jahren dennoch zunehmend gesunken. Da die Erreger immer schneller Wege finden, dagegen unempfindlich zu werden, sind die neuen Präparate zeitlich nur begrenzt zu gebrauchen. Ein Geschäft also, das sich für die Pharmaindustrie wenig lohnt, so dass weltweit nur noch wenige Firmen an der Entwicklung neuer Antibiotika arbeiten.

Text: Beate Wagner