
Fußball | Ein Berliner zu Besuch mit Schalke im Olympiastadion - Die Rückkehr der einstigen Diva
Der verlorene Sohn kehrt nach Berlin zurück: Kevin-Prince Boateng ist am Samstag mit Schalke 04 zu Gast bei Hertha BSC. Der einstige "Bad Boy" aus dem Wedding hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Wandlung vollzogen.
"Abschied einer Diva" titelte die Berliner Zeitung im Juli 2007, als sich der Wechsel des damals 20-Jährigen nach England zu Tottenham andeutete. Lucien Favre war da erst frisch Trainer, lange planen konnte er nicht mit Kevin-Prince Boateng. "Wir konzentrieren uns auf Profis, die mit uns in die Zukunft gehen wollen", sagte Hertha-Manager Dieter Hoeneß damals. Boateng war keiner davon.
42 Bundesligaspiele (vier Tore) hatte er zu diesem Zeitpunkt erst hinter sich, doch viele europäische Topvereine waren hinter ihm her. Auch Tottenham, die mehr als 7 Millionen Euro für ihn boten. Am Ende forcierte er gemeinsam mit seinem damaligen Berater Karel van Burik seinen Abschied. Bitter für Hertha, dass damals auch sein Bruder Jérôme (zum HSV), Ashkan Dejagah (Wolfsburg), Malik Fathi und weitere Leistungsträger den Verein verließen. Aus der "Wedding-Gang" blieb Vereinsgewächs Patrick Ebert übrig, der wenige Tage nach dem Wechsel von Boateng mit 1,46 Promille am Steuer erwischt wurde.

In einer Generation mit Özil, Neuer und Hummels
Exzentrisch, egoistisch, technisch brillant, hochbegabt: Alles Worte, die immer wieder im Zusammenhang mit Boateng fielen - und fallen. Legendär eine Szene aus dem Training: Lucien Favre passt den Ball immer wieder zu Boateng, immer härter werden die Schüsse. Boateng nimmt das Leder locker und leicht an, lässt den Ball tanzen. Am Ende ist es Favre, dem der Ball entgleitet.
Exzentrisch und hochbegabt ist Boateng noch heute. Doch zwischen 2007 und 2013 hat er mehrere Entwicklungsstufen genommen: Mal ist er der Underdog in England, wo ihn niemand so richtig kennt, er Krisen durchlebt, sich von Freundin und Kind trennt, Autos und Mützen en masse kauft. Während seiner Leihe in Dortmund fällt er vor allem durch fiese Fouls auf. 2009 wird er aus dem Kader der U21 gestrichen. Offiziell wegen Fitnessproblemen, doch dürfte seine Disziplinlosigkeit eine wichtige Rolle gespielt haben. Oder, wie es Matthias Sammer damals ausdrückt: Boateng hat "Probleme mit der Persönlichkeitsentwicklung". Die U21 (mit Manuel Neuer, Mesut Özil, Sami Khedira, Mats Hummels und Bruder Jerome Boateng) wird Europameister. Kevin-Prince entscheidet sich wenig später für die Nationalmannschaft Ghanas.
Boateng wird nach Portsmouth verkauft, dort kämpft er sich zurück, spielt groß auf, wird zum Leader. Und auch zum Hassobjekt einer ganzen Nation: 15. Mai 2010, FA Cup Finale, 38. Minute: Boateng senst Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack um, der nicht zur WM nach Südafrika reisen kann. "Boateng, der Brutalo-Treter". Dass Ballack zuvor Boateng ins Gesicht geschlagen hat, geht im Trubel fast unter. Aber es zeigt auch, wie es um sein Image bestellt war. Boateng fährt 2010 für Ghana zur WM, wird dort zum Star.

Von der Diva zum Krieger
Das imponiert dem AC Mailand, drei Jahre spielt er in der Serie A. Dort gewinnt er schnell einen Stammplatz, führt die Mannschaft, erzielt viele schöne Tore. Den nächsten Imagewandel vollzieht er am 3. Januar 2013. Bei einem Freundschaftspiel gegen einen Viertligisten wird er rassistisch beleidigt. Er nimmt den Ball in die Hand, zieht sein Trikot aus und marschiert vom Feld. Seine Kollegen begleiten ihn, das Spiel wird abgebrochen. "Ein großer Mann", sagt Italiens Nationaltrainer. Boateng wird zur "Symbolfigur im Kampf gegen Rassismus", er spricht sogar vor den Vereinten Nationen über dieses Thema.
Im Sommer 2013 wechselt er für viele überraschend zu Schalke 04, selbst sein Ex-Trainer Jürgen Klopp schreibt ihm eine SMS mit den Worten "Warum Schalke?!". Einst hatte er die Borussia zu seinem Traumverein erkoren. Nun soll er 04 aus der Krise führen. "Ein Staatsfeind wird erwachsen", "Ein Krieger für Schalke". Dem Boulevard schenkt er weiterhin Schlagzeilen, dafür sorgt auch seine Freundin und Moderatorin Melissa Satta. Noch immer kommt kein Artikel ohne die Autospiegel-Tour mit Kumpel Ebert aus. Aber mittlerweile ist er häufiger der Anführer auf dem Platz als daneben.

