
Basketball | Alba empfängt FC Bayern - Zurück in die Zukunft
Lange Jahre war Alba Berlin so etwas wie der FC Bayern des Basketballs. Dann brachte Uli Hoeneß den Profibasketball nach München – und nach nur zwei Jahren Bundesliga haben die Bayern Berlin überholt. Am Sonntag nun empfängt Alba den ungeschlagenen Tabellenführer, vor ausverkauftem Haus. Es gibt dabei keine Geheimnisse – vier Alba-Stammspieler der vergangenen Saison spielen jetzt im roten Trikot. Von Sebastian Schneider
Das mit dem Zeugwart hätte vielleicht nicht auch noch sein müssen. Neun Jahre lang hatte Eicke Marx den Profis von Alba Berlin zur Seite gestanden, er reichte ihnen Handtücher und wusch ihre Trikots. Nun tut er das in München. Unheimlich, es scheint, als habe der FC Bayern keine Gelegenheit versäumt, sich bei seinem Drei-Jahres-Plan zur Meisterschaft bei den Berlinern zu bedienen. Marx bringt die Getränke, Cheftrainer Svetislav Pesic dirigiert die Spieler auf dem Parkett, sein Sohn und Vorgesetzter, Sportdirektor Marko Pesic, hat sie eingekauft.
Wenn die Bayern am Sonntag (15 Uhr) zum Top-Spiel des Wochenendes in die Arena am Ostbahnhof kommen, können sie dafür ihr Navigationsgerät zuhause lassen. Trainerlegende Pesic gewann mit Alba vier Meisterschaften, sein Sohn Marko spielte acht Jahre in Berlin. Das ist lange her. Mit Deon Thompson, Heiko Schaffartzik, Nihad Djedovic und Yassin Idbihi aber wechselten vier Alba-Stammspieler auf einen Schlag im vergangenen Sommer nach München. Routinier Pesic trainiert nun den mit Abstand besten Kader der Bundesliga, in dieser Saison sind die Bayern ungeschlagener Tabellenführer. Für die stolzen Berliner, die sich in ihren besten Jahren gern selbst als "FC Bayern des Basketballs" sahen, muss das wie eine Provokation wirken.

Doppelt so hoher Etat
"Die sind bei ihren Transfers null Risiko eingegangen, die neuen Spieler haben auf europäischem Top-Niveau schon alle Schlachten geschlagen", ätzte Alba-Manager Marco Baldi im Sommer, die Einkaufspolitik der Münchner sei "relativ einfallslos". Bayern-Präsident Uli Hoeneß ist ein leidenschaftlicher Basketballfan, 2010 ging er das Projekt Bundesliga-Basketball an, wie er es im Fußball gewohnt war: Gründlich und ehrgeizig. Schließlich leisten sich auch Real Madrid und der FC Barcelona Basketballteams, sie spielen in Europas Spitze.
Hoeneß holte den damaligen Bundestrainer Dirk Bauermann und mehrere Nationalspieler in sein mittelmäßiges Zweitliga-Team. Drei Jahre später spielt Bayern um den deutschen Titel, die Münchner haben mit geschätzten 13 Millionen Euro den höchsten Etat der Liga - Berlin muss mit 6,7 Millionen Euro pro Jahr auskommen. Die "Einfallslosigkeit" der Bayern könnte sich Alba längst nicht mehr leisten. Triumphe wie im Pokalfinale der vergangenen Saison dürften in Berlin deshalb seltener werden.
Zu bescheiden aber müssen die Berliner am Sonntag nicht sein - zuhause sind sie in der Liga noch ungeschlagen, Coach Sasa Obradovic hat seine neu formierte, junge Mannschaft erstaunlich schnell in den Griff bekommen. "Die Chancen sind ausgeglichen", sagte Obradovic. Er hat in Berlin unter Svetislav Pesic gespielt, er kennt dessen Idee von Basketball. "Wir haben alle Informationen. Ich habe einen Plan, wie wir sie stoppen können, aber den müssen wir auf's Parkett bringen", sagte Obradovic.
Beliebteres Feindbild als Quakenbrück oder Bremerhaven
Die Halle wird am Sonntag voll werden, der Verein rechnet mit 14.000 Fans. Sie dürften die gegnerischen Spieler eher großzügig mit Buhrufen und Pfiffen versehen - der übermächtige FC Bayern ist auch im Basketball das beliebtere Feindbild als Quakenbrück oder Bremerhaven. Alba verteilt trotzdem vorsichtshalber noch Klatschpappen und spezielle Plastikröhren, mit denen die Fans Krach machen sollen. Manager Marco Baldi sieht die ausverkaufte Halle aber nicht nur als Vorteil: "Es ist eine Riesengefahr, dass wir in so einer aufgeladenen Atmosphäre zu ungestüm spielen", sagte Baldi.
Entscheidend ist die Frage, ob es Albas vergleichsweise unerfahrene Flügelspieler schaffen, bei Ballverlusten schnell auf die Verteidigung umzuschalten, bei "Fast Breaks" sind die Münchner kaum zu stoppen. Aber auch bei Distanzwürfen sind die Bayern stärker: Heiko Schaffartzik und Lucca Staiger, noch ein Ex-Berliner, wurden extra dafür geholt, beide treffen im Schnitt mehr als die Hälfte ihrer Dreier.
Ein Mann aber könnte Alba am Sonntag besonders wehtun: Nihad Djedovic. In Berlin ließ der 23-Jährige sein riesiges Talent oft nur erahnen, zu schwankend waren seine Leistungen in der vergangenen Saison. Seit seinem Wechsel nach München aber hat sich Djedovic deutlich gesteigert. Mit 13,5 Punkten pro Spiel ist er der beste Schütze des Teams, er hat seine Trefferquote von der Dreierlinie fast verdoppelt.

Der beste Monolith der Liga
Und selbst wenn Obradovics Spieler ihren Job machen und die Flügel überlisten, wartet unter dem Korb immer noch John Bryant. Ein bleicher Mann mit rötlichen Haaren, er scheint sich über das Feld zu schleppen, zweimal schon wurde er zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt. Bryant ist ein starker Rebounder und guter Schütze, ein 127 Kilo schwerer Monolith. Albas Center Jonas Wohlfarth-Bottermann wird es mit ihm zu tun bekommen, er muss Bryant aus der Zone schieben. Allein: Er wiegt 22 Kilo weniger. Es wird kompliziert.
Die Hoffnung könnte deshalb auf Albas einzigem Mann mit Insiderkenntnissen liegen. Der gebürtige Berliner Jan Jagla spionierte zwei Jahre lang in München, im Sommer wechselte er zurück in seine Heimatstadt. Mitgekommen ist seine Frau Ivana - die Tochter von Bayern-Coach Pesic. Das Spiel am Sonntag sei für ihn keine normale Begegnung, ließ Jagla ausrichten.


