Fußball-Projekt in Lategansvlei - Union-Fan baut "Alte Försterei 2" in Südafrika
Die Anhänger des Zweitligisten 1. FC Union Berlin gelten als treue Fans. Einer von ihnen ist Dario Urbanski, der vor 18 Jahren nach Südafrika ausgewandert ist. Nach der Fußball-WM 2010 kam ihm die Idee, ein Union-Stadion in seinem afrikanischen Dorf aufzubauen - die "Alte Försterei 2". Dank der Hilfe aus Berlin ist daraus mittlerweile ein Sozialprojekt geworden. Von Björn Tritschler
"Eisern" ruft Dario Urbanski in die Runde. "Union" brüllen ihm 40 Kinder zurück und stürmen auf ihn zu. Wenn der gebürtige Potsdamer die Grundschule von Lategansvlei besucht, ist immer was los. Deutsch steht bei den sechs- bis zwölf-Jährigen zwar nicht auf dem Schulplan, Union aber schon. Dafür sorgt Dario.
"Angefangen hat alles, als wir 2007 die Grundschule unterstützt haben. Wir haben Patenschaften organisiert, Schulmittel gestellt. Und irgendwann nach der Weltmeisterschaft kam die Idee von der Alten Försterei 2 dazu", so Dario Urbanski. Die Idee - und dabei schmunzelt der Fußball-Narr - klingt so absurd, dass nur ein Union-Fan daran denken kann, sie in die Tat umzusetzen.

Den Einwohnern etwas zurückgeben
Vor 18 Jahren zog der gelernte Kellner mit seiner kompletten Familie nach Südafrika. Papa Urbanski wollte sein Hobby zum Beruf machen und eine Straußenfarm kaufen. Das fand Dario großartig. Seine Frau war auch einverstanden, also ging es los ins Abenteuer.
Mittlerweile leben sie recht gut von der Zucht und von Touristen. "Wir haben uns hier prächtig eingelebt und wurden toll von allen Einwohnern empfangen. Irgendwann war es aber Zeit, auch etwas zurückzugeben, als Dankeschön an die Gemeinschaft, an die armen Leute hier", sagt Urbanski. Da hatte Urbanskis Fußball-Stunde geschlagen.
Angestachelt von der WM 2010 in Südafrika bolzten die Kinder auf den steinigen Schotterstraßen. Denn in der Steinwüste Klein Karoo gibt es weit und breit kein Fußballplatz. Also räumten Dario und die Dorfbewohner auf seiner Farm kurzerhand Steine zur Seite und planierten einen Schotterplatz. Aus Spaß nannte er es "Alte Försterei 2" und erzählte Geschichten aus Köpenick. 400 Kilometer östlich von Kappstadt, mitten in einer steinigen Einöde.

Union-Fans in Berlin sammelten Spenden
Union-Fans aus Deutschland, die auf der Farm Urlaub machten, fanden die Idee mit der "Alten Försterei 2" toll und schrieben zu Hause im Stadion-Heft darüber. Was dann passierte, kann Dario Urbanski bis heute kaum glauben: "In Köpenick hat eine unfassbare Sammelaktion begonnen, da kommen mir immer noch die Tränen vor Freude." Mehr als 18.000 Euro sammelten Unionfans - für Mutterboden, für Wasser- und Stromleitungen, für Rasensamen und Dünger, für Toiletten, Klärgrube und Umkleidekabine. Also packte Dario wieder zusammen mit den Dorfbewohnern an.
Drei Schulen nutzen seinen Platz mitlerweile für den Sport, es ist lebhaft auf dem Feld. Kinder kreischen, bolzen, Väter übernehmen das Training, geben Anweisungen. Aus Dario Urbanskis Liebe zu Union ist ein richtiges Sozialprojekt geworden - mit handfester Berliner Hilfe.
Bei der Eröffnungsfeier für die "Alte Försterei 2" sind sogar Fans aus Berlin da. Mario Bachmann hat extra eine riesige Fußballtasche voller Trikots, Schuhen und Bällen dabei. "Ich habe mir zum 50. Geburtstag von meinen Freunden Geschenke für Darios Kinder aus Lategansvlei gewünscht. Ich habe doch alles und die hier haben nichts", sagt Bachmann. "Dabei ist so ein Kinderlächeln viel mehr Wert als die 50. Krawatte im Kleiderschrank." Wie ein Wespenschwarm fallen die Kleinen über die Tasche her, ziehen schwarze, gelbe, rosafarbene Fußballschuhe raus. Und rote Trikots, auf denen "Marios Team" draufsteht. Jetzt lächeln alle.

Es geht um mehr als nur Fußball
Ein kleines schmächtiges Mädchen greift ein neongrünes Paar und dreht sich zu Mario Bachmann um: "Dankie", sagt die zwölfjährige Sameullina Fertuin auf Afrikaans. Danke. Und nimmt ihn, den fast zwei Meter großen Mann, in den Arm. Ein schönes Geburtstageschenk. Als die Tränen auf den Wangen getrocknet sind, erzählt sie, wie toll sie das Projekt findet, endlich haben sie einen richtigen Platz und eine sinnvolle Beschäftigung. "Es hält uns von Problemen ab, die wir auf der Straße bekommen. Es ist toll, dass jemand an uns glaubt."
Auch der Wirtschaftsrat von Union unterstützt das Projekt finanziell. Joachim Gericke, der Schatzmeister, überreicht in der Schule einen Scheck. Denn es geht um mehr als nur Fußball. "Die Kinder kommen weg von der Straße, machen keinen Unsinn. Und die Väter geben Training oder gucken zu, trinken aber nicht", sagt Dario Urbanski.
Im Fan-Forum des Vereins listet Urbanski alle Ausgaben genau auf. Jeder soll sehen, sagt er, was mit seinem Geld in Südafrika passiert. Transparenz und Ehrlichkeit ist ihm wichtig, Union ist schließlich Teil seiner Familie. Und wie heißt es in Fan-Kreisen gerne: Wir gehen heute nicht zum Fußball, wir gehen zu Union. Und das kann eben auch knapp 10.000 Kilometer von Köpenick entfernt sein. Wenn 62 Kinder einen Platz zum Spielen gefunden haben - in der "Alten Försterei 2".



