
Fußball | Jahresabschluss beim BVB - Hertha fährt ohne Kraft nach Dortmund
Sieben Siege und 25 Punkte - viel mehr, als man bei Hertha vor der Saison erwarten konnte. Inzwischen sind die Ansprüche gestiegen, und selbst in Dortmund werden die Berliner als gefährlicher Gegner wahrgenommen. Aber Jos Luhukays "gutes Gefühl" könnte sich inzwischen getrübt haben: Stammtorwart Thomas Kraft verletzte sich im Training und fällt aus. Von Sebastian Schneider
Natürlich, es wäre eine fantastische Schlagzeile: "Sprint ersetzt Kraft". Kein anderer Bundesligaverein ist mit so blumig benannten Torhütern gesegnet wie Hertha BSC. Aber es wird am Samstag wohl anders kommen, die Realität hat Farbloseres vor. Der Berliner Stammtorwart Thomas Kraft wird für das Spiel in Dortmund (15.30 Uhr) ausfallen, er hat sich im Training am Knie verletzt. Ersetzen wird ihn nicht - was sprachlich bedauernswert ist - Herthas dritter Keeper Philip Sprint, sondern Marius Gersbeck. Für seinen Namen kann man eben nichts.
Der 18-Jährige Gersbeck wird sein Bundesligadebüt geben, auf der wohl lautesten Bühne der Liga, vor ausverkauften Rängen. Das ist insofern bemerkenswert, als sich der Verein vor wenigen Tagen einen neuen Torwart gekauft hat, um ihn Gersbeck in der Rückrunde vor die Nase zu setzen. "Es wäre blauäugig gewesen" einen 18-Jährigen ins Tor zu stellen, sagte Luhukay. Nun muss er gegen den BVB genau das tun.
Luhukay fordert "Kräfteexplosion"
"Um dieses Spiel gut zu überstehen, brauchen wir eine Kräfteexplosion", sagte Luhukay am Donnerstag, den Wortwitz des Wochenendes nahm er damit unfreiwillig vorweg. Zu diesem Zeitpunkt sprang Thomas Kraft noch fidel im Tor herum. Aber auch ohne ihn kann Hertha gelassen in Dortmund vorspielen. Selbst bei einer Niederlage wäre der Aufsteiger noch im Soll. "25 Punkte sind eine sehr gute Marke, Platz sieben ist sensationell. Wir haben mit der Mannschaft fast das Maximum erreicht", sagte Luhukay.
Weil er als Übungsleiter auch kurz vor Weihnachten nicht zu altväterlich auftreten darf, forderte er für das letzte Spiel des Jahres volle Konzentration von seiner Mannschaft. "Unser Ziel muss es sein, eine Leistung abzurufen, die für Respekt sorgt", sagte Luhukay. Das eröffnet seinen Profis von einem ehrbaren 0-2 bis zu einem dreckigen 1-0-Sieg ausreichend Möglichkeiten, beschwingt in den Weihnachtsurlaub zu gehen.
"Ich bin noch nicht weihnachtsreif."
Respekt haben die Dortmunder bereits jetzt vor einem Berliner Profi: Stürmer Adrian Ramos. Der Kolumbianer spielt die beste Hinrunde seiner Bundesliga-Karriere. Nur der Dortmunder Robert Lewandowski (elf Tore) hat öfter getroffen als Ramos (zehn). Am Samstag könnte er Lewandowski überholen, aber um Jürgen Klopp zu beeindrucken, muss er das nicht. Denn Ramos schießt so ausgezeichnet ins Tor, dass der BVB ihn dem Vernehmen nach gerne verpflichten würde. "Normal, dass man sich mit guten Bundesligaspielern beschäftigt. Wir sind nicht blind und auch nicht blind geworden", gestand Klopp vor dem Spiel.
Die Hertha bedachte er mit einer formvollendet verpackten Kampfansage zum Fest: "Ich bin noch nicht weihnachtsreif", sagte Klopp. Sein Team wirke, als habe es "große Lust auf Fußball". Das wäre dienlich, denn das letzte Heimspiel gegen die Hertha verlor Dortmund mit 1:2.
Berlins Trainer Jos Luhukay muss am Samstag auf die grippekranken Verteidiger John Brooks und Fabian Holland verzichten. Außerdem fehlen noch immer Johannes van den Bergh und Änis Ben-Hatira.
Torwart Marius Gersbeck dürfte sein Gastspiel in Dortmund übrigens als einmaliges Weihnachtsgeschenk verstehen. Im Januar wird er wieder auf den geheizten Ersatzbänken der Bundesliga Platz nehmen und sich dort mutmaßlich in eine warme Decke kuscheln. Auch wenn Stammkeeper Thomas Kraft ausfallen sollte, wird Gersbeck dort sitzen bleiben. Denn Hertha bevorzugt einen erfahreneren Torwart: Neuerwerbung Rune Almenning Jarstein. Ein Norweger, ein Nationalspieler. Ein Name wie ein Monolith.



