Fußball mit Flüchtlingen (Quelle: Champions ohne Grenzen)

Carolin Gaffron zum 1. Berliner Flüchtlings-Sport Kongress - "Kontakte knüpfen und einfach mal rauskommen"

Einen nicht unerheblichen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen leistet der Sport. Doch viele Flüchtlinge stehen vor scheinbar unüberwindbaren Hürden, wenn sie einem Sportverein beitreten wollen. Das soll sich ändern. Am Freitag findet der 1. Berliner Flüchtlings-Sport Kongress statt. Organisiert wurde er von Champions ohne Grenzen, einem Verein, der sich in Berlin und Brandenburg für Flüchtlinge einsetzt - auch mit Sportprojekten.

Frau Gaffron, Sie sind Projektleiterin und Trainerin bei Champions ohne Grenzen. Warum ist Ihrer Erfahrung nach Sport so wichtig für Flüchtlinge und was kann er für die Integration leisten?

Sport ist natürlich eine super Abwechslung zu ihrem oft tristen Alltag. Und die Menschen können durch den Sport Kontakte knüpfen, Deutsch sprechen, einfach mal rauskommen. Ich habe auf jeden Fall den Eindruck, dass sich das Vernetzen, das Zusammentreffen in einer Gruppe, auch der Kontakt zu Spielern, die keinen Fluchthintergrund haben, positiv bemerkbar macht. Viele Flüchtlinge gehen zur Schule, besuchen Sprachkurse, arbeiten, sind aktiv. Sport kann viel für Flüchtlinge machen und ihren psychischen und physischen Zustand verbessern.

Was sollte sich ändern?

Viele Vereine haben diese Thematik noch gar nicht so auf dem Schirm. Und das, obwohl es mittlerweile über 40 Flüchtlingsheime in Berlin gibt, und bei fast jedem Sportverein um die Ecke ein Heim ist. Wir wollen die Vereine aufklären aber auch dafür sensibilisieren, den ersten Schritt zu machen, in die Flüchtlingsheime zu gehen und zu erklären: Hallo, wir haben dieses Angebot zu bestimmten Trainingszeiten. Wir wollen den Vereinen zeigen, dass in den Heimen Menschen leben, die zwar eine schlimme Geschichte hinter sich haben, aber ganz normal in einen Sportverein integriert werden können. Deswegen wird es im Anschluss an den Kongress eine "Berliner Erklärung" geben, die alle Teilnehmer unterzeichnen können, und in der wir aufzeigen, wie die Sportvereine Flüchtlingen helfen können.

Warum ist der 1. Berliner Flüchtlings-Sport-Kongress notwendig?

Wir haben schon bei Champions ohne Grenzen mitgekriegt, dass es für diejenigen, die häufiger trainieren und etwas leistungsorientierter am Wochenende spielen wollen, oftmals schwierig ist, in einen Verein zu kommen. Deswegen wollen wir auf dem Kongress Flüchtlinge, Vereine, Willkommensinitiativen, Heime, Behörden und Entscheidungsträger zusammenbringen und gemeinsam überlegen, wie man Flüchtlinge stärker in den Breitensport integrieren und Zugangsbarrieren reduzieren kann.

Carolin Gaffron, Projektleiterin und Trainerin bei Champions ohne Grenzen (Quelle: Luise Gaffron)
Carolin Gaffron - selbst eine begeisterte Fußballspielerin

Auf welche Schwierigkeiten stoßen Flüchtlinge, wenn sie einem Verein beitreten wollen?

Viele Flüchtlinge wissen gar nicht, dass es in Deutschland zum Beispiel flächendeckend Fußballvereine gibt und man einfach Mitglied werden kann. In ihren Herkunftsländern wird Fußball eher in der Schule oder auf der Straße gekickt, gerade bei den Breitensportarten sind die Vereine meist nur für den Profibereich zuständig. Wenn sie dann in Berlin tatsächlich bei einem Verein anfragen, gibt es häufig Sprachbarrieren, oder das Training findet in einer anderen Altersklasse statt. Das entmutigt natürlich. Wenn ein Flüchtling außerdem nur eine halbjährige Aufenthaltsgenehmigung oder eine befristete Duldung hat, kann es problematisch werden, einen Spielerpass zu erhalten, der ja eine bestimmte Bearbeitungszeit voraussetzt. Man muss eine Meldebescheinigung haben, der Beitritt kostet Geld. Das sind alles wichtige Aspekte, die wir auf dem Kongress diskutieren wollen.

Was kann die Politik tun, um Integration per Sport zu fördern?

Wichtig wäre es, mehr Platzzeiten zu haben und ähnliche Projekte wie Champions ohne Grenzen zu fördern. Wir bieten ein offenes Sporttraining an, die Zugangshürden sind niedrig. Bei uns treffen Flüchtlinge auf Menschen mit ähnlichen Schicksalen und einer ähnlichen Lebenssituation. Doch für weitere Projekte braucht man auch mehr Platzzeiten und das ist schwierig, das muss sportpolitisch entschieden werden.

Wie ist im Vorfeld die Resonanz auf den Kongress?

Es haben sich natürlich die sieben oder acht Vereine in Berlin angemeldet, die generell offen sind für gesellschaftliche Diskriminierungsformen. Aber es haben sich auch andere Vereine angemeldet, die zum Teil in der Nähe von größeren Heimen sind. Insgesamt hat der Kongress etwa 130 bis 140 Teilnehmer.

Was wünschen Sie sich vom Kongress, was soll er leisten?

Es wäre super, wenn sich ein Netzwerk bilden könnte, sich Projekte entwickeln würden, wenn man in weiteren Austausch bleibt. Und wenn es eine Resonanz seitens der Vereine gibt, dass sie selbst aktiv werden und in Heime gehen wollen, um ihr Angebot vorzustellen. Und natürlich würden wir uns wünschen, dass sich auch die fünf großen Profivereine in Berlin dazu bekennen, dass Flüchtlinge zu uns gehören, und das auch nach außen tragen.

Beitrag von Ula Brunner

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