Diskus-Olympiasieger Robert Harting gibt am 11.08.2015 eine Pressekonferenz in Kienbaum (Quelle: dpa)
Inforadio | 16.12.2015 | Interview mit Robert Harting

Interview | Robert Harting über sein 2015 - "Mit mir muss man rechnen"

Diskus-Olympiasieger Robert Harting musste 2015 eine für ihn völlig neue Rolle einnehmen: die des Zuschauers. Während die Konkurrenz bei der Leichtathletik-WM antrat, musste er ein kaputtes Kreuzband pflegen. Dieses Jahr in Passivität habe ihn reifen lassen, sagt der 31-jährige Berliner im rbb-Interview.

Herr Harting, das Jahr 2014 hatten Sie rückblickend mit der Überschrift "Alles außer Sport" betitelt: Studium zu Ende, Sportlotterie an den Start gebracht und eigentlich hat kaum jemand über das Diskuswerfen gesprochen. Jetzt ist 2015 vorbei - wie lautete denn die Überschrift für dieses Jahr?

Es war viel Sport dabei. Aber eigentlich war es wieder ein Jahr für mich als Persönlichkeit. Ich konnte mich in vielen Fragen, die ich mir gestellt habe, ein bisschen finden. Deshalb freue ich mich auch auf das nächste Jahr, weil ich mich persönlich gefestigter fühle und ich mich nicht mehr von meinen eigenen Problemen tangieren lasse.

Vielleicht ein "Jahr der Reflexion"?

"Jahr der Reflexion" passt super. Ich bin ruhiger geworden, muss man fast sagen. Weil ich auch gemerkt habe, dass ich vieles, was mich auch sportpolitisch stört, schlichtweg nicht ändern kann. Man braucht Zeit. Wenn man im Wettkampfalltag steckt, ist man ein bisschen stürmisch. Und weil dieser Alltag durch meine Verletzung ausgeblieben ist, ist alles ein wenig abgerundeter. Ich war natürlich durch die fehlenden Wettkämpfe und die fehlende Saison viel öfter zuhause - hatte auch keinen Stress und deswegen habe ich mich sehr wohlgefühlt dieses Jahr. Das klingt ein wenig widersprüchlich, weil ich Leistungssportler bin, aber es tat mir gut.

Haben Sie vor einem Jahr schon gedacht, dass der Kreuzbandriss vom September Sie die Teilnahme an der Leichtathletik-WM in Peking kosten würde?

Ich hatte schon viele Knie-Operationen vorher und im Anschluss die Reha-Maßnahmen, ich kannte diesen Prozess. Deshalb hatte ich keine Angst, bei der WM im Sommer in Peking nicht starten zu können. Neu waren für mich die Regeln, die man beim Kreuzbandriss einhalten muss. Der Heilungsprozess hat so lange gedauert, dass ich Mitte des Jahres Probleme bekommen habe. Dann stand natürlich fest, dass es kann knapp werden kann mit der WM.

Wie weit sind Sie im Fahrplan?

Der Fahrplan ist so, dass wir die Fitness noch weiter aufbauen. Aufgrund des guten Fitnessstandes vom letztem Jahr habe ich damit relativ wenige Probleme. Dann werden wir versuchen, den Körper stark zu machen, und wenn wir das gemacht haben, machen wir den starken, fitten Körper wieder beweglich. Und wenn er dann wieder beweglich ist, können wir anfangen ihm wieder eine hoch anspruchsvolle Aufgabe zu geben, das ist nämlich das Diskuswerfen an sich. Aber ich bin zuversichtlich, ich mache sehr viele Trainingslager. Von daher mache ich mir keine Gedanken und freue mich.

Sie sagen, Sie hatten 2015 sehr viel Zeit für sich - haben Sie in dieser Zeit denn vielleicht etwas Neues für sich entdeckt?

Also ich konnte mal wieder über gestalterische Sachen nachdenken, was eigentlich auch meine Stärke ist. Ich habe Themen, die lange in der Schublade gelegen haben, angedacht und fertig gemacht. Also wir reden von Sachen wie Tische bauen oder sonst irgendetwas, was Architektur betrifft oder Design.

Bauen Sie denn demnächst auch eine Design-Wiege? Robert Harting will mit über 30 Jahren ja vielleicht auch mal familiär planen?

Dazu gehören natürlich auch andere Personen. Meine Freundin ist auch Sportlerin, da ist es natürlich immer schwer, das für beide Geschlechter gleich zu planen. Aber das ist bei uns auch Thema, und wir werden uns da entspannt Zeit lassen. Im Diskuswerfen ist es leider so, dass man drei, vier Jahre auf einem guten Niveau durchziehen muss, damit sich im Körper was absetzt, was man nicht mehr verliert. Und das muss Julia [die Diskuswerferin Julia Fischer, die Red.] mindestens noch ein zwei Jahre hinbekommen.

Das Jahr 2015 war nicht nur für Sie persönlich ein sehr einschneidendes, sondern auch für die Leichtathletik. Die ARD-Doku "Geheimsache Doping" hat systematischen Betrug in Russland aufgedeckt. Die Russen wurden von internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?

Ich habe mich ehrlich gesagt gefreut. Das wird jetzt viele wundern. Aber eigentlich ist es ein Sieg. Man muss das als Triumph sehen für den Journalismus - aber auch für die Athleten. Wir Athleten wussten schon lange, wer uns betrügt. Wir sehen das an der Haut, am Verhalten, an der Bewegung. Die Zuschauer werden natürlich einen Vertrauensverlust erfahren haben, weil die Leichtathletik einmal mehr nicht den Weg in den gesunden, fairen Sport hinbekommt. Das ist wie beim Aktienkurs, wenn das Vertrauen erschüttert ist. Letzten Endes ist es auch ein Problem von Großverbänden: fehlende Transparenz, Unehrlichkeit. Das ist eine andere Welt.

Glauben Sie, dass es möglich ist, den Sport wieder so sauber zu kriegen, dass die Menschen wieder Vertrauen haben?

Ich glaube daran, dass die Athleten zu 80 Prozent sauber sind. Das heißt also acht von zehn Sportlern - und zwei tricksen eben. Das ist aber nicht die Schuld der Sportler, insbesondere nicht die Schuld der Sportler, die nicht betrügen. In vielen Fällen gehören dazu die deutschen Athleten und auch meine Wenigkeit. Da muss der Zuschauer auch ein wenig Selektion einstreuen und sich auf die Seite derjenigen stellen, die nicht betrügen, sondern betrogen werden. Es ist also eher eine Bildungs-, Einstellungs- und Überzeugungsfrage, die der Sport leisten muss. Das Problem ist leider nur, dass Großverbände weltumspannend sind, und es gibt einfach in der ganzen Welt eine unterschiedliche Definition von Betrug. […] Ich sage nicht, dass die russischen Athleten dumm sind. Sie beschäftigen sich nur ganz anders mit dem Thema, genau wie die Bevölkerung. Daran sieht man, wie weit eine Bevölkerung in der Lage ist zu reflektieren. In vielen Ländern steht die Flagge weit über der Moral. Die Athleten, die stört das auch massiv. Es muss eine Weltdefinition von Betrug geben. Und die gibt es ja mit der Weltantidoping-Organisation. Aber die Vergehen gegen diese politische Ebene werden nicht geahndet. Ab einer gewissen Ebene sind die Funktionäre gleich. […]

Nächstes Jahr finden die Olympischen Spiele in Rio statt. Wenn Sie darauf schauen, woran glauben Sie?

Also rein sportlich glaube ich natürlich, dass ich in Schuss sein werde. Mit mir muss man rechnen. Gleichwohl bin ich nicht der, der gejagt werden muss, das ist natürlich eine attraktive Situation für mich. Denn ich kann auch gut jagen. Das habe ich über die Jahre auch ein bisschen vermisst. Ich freue mich natürlich, wenn die Weltspitze aus dem letzten Jahr jetzt verunsichert ist, was ich so kann. Ich freue mich tierisch auf das sportliche Messen. Auf den Grundwert des Sports, der ist wieder in mein Interessensfeld gerückt. Ich hoffe, dass sich da ein bisschen was mitnehmen lässt.

2014 was das Jahr ohne Sport, 2015 das Jahr der Reflexion, was müsste dann 2016 sein?

2016 müsste eigentlich die Wiederauferstehung, Wiedererkennung und so etwas sein. Da freue ich mich schon drauf.

Das Gespräch mit Robert Harting führte Corinna Fröschke. Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Interviews für Inforadio, das Gespräch in voller Länge können Sie im Audio oben im Beitragsfoto hören.

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