Bieryoga in Berlin (Quelle: rbb/Brandenburg)

Bieryoga in Berlin - Wenn der Sonnengruß zum Biergruß wird

Nach Yoga bei 40 Grad und Yoga in der Bahn kommt jetzt ein neuer Trend aus Berlin: In einer Neuköllner Kneipe treffen sich einmal im Monat Liebhaber von fernöstlichem Sport und deutscher Braukunst zum Bieryoga - das ist deutschlandweit einmalig. Es geht vor allem um Spaß, ein bisschen pädagogisch ist es aber auch. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Freitagabend, kurz nach halb sieben, in einer Kneipe in Neukölln. Elektronische Musik schallt in Zimmerlautstärke durch einen knapp 30 Quadratmeter großen Raum, das Licht ist gedämpft. Die Stühle und Tische sind an die Seite geräumt, stattdessen liegen Yoga-Matten auf dem Boden. Auf ihnen machen zehn Frauen und ein Mann synchron Übungen - mit einer Bierflasche in der Hand. Dieses ungewöhnliche Accessoire ist gewollt. Hier wird nicht einfach nur Yoga gemacht, sondern Bier-Yoga: die neueste Variation des beliebten fernöstlichen Sports.

Ganz vorne steht Jhula und gibt die Anweisungen. Sie hat den Kurs konzipiert und ist bislang deutschlandweit die Einzige, die Bieryoga-Kurse leitet. "Stellt die Flasche auf Euer rechtes Knie ab, fokussiert die Flasche, macht den Rücken gerade, spürt die Dehnung in den Oberschenkeln, und versucht, die Arme zu dehnen: rechter Arm hinter den Kopf, linker Arm berührt", erklärt die 29-Jährige eine Übung.

Jhula beim Bieryoga in Berlin (Quelle:rbb/Brandenburg)
Jhula ließ sich von einem Festival zum Bieryoga inspirieren.

Jhula heißt eigentlich anders, für ihr Yoga hat sie sich den neuen Namen ausgedacht. Die große, schlanke Frau mit kräftiger Stimme und ansteckendem Lachen arbeitet eigentlich bei einer gemeinnützigen Organisation. Im Ohr trägt sie ein Piercing, ihre blonden Haare sind zu einem Zopf gebunden. Wenn man Jhula so sieht, würde man nicht erwarten, dass sie mal Volkswirtschaftslehre und Statistik studiert hat. Aber man würde auch nicht erwarten, dass jemand mit diesem Studienhintergrund auf die Idee kommt, Bier und Yoga zu verbinden.

Dabei ist Jhula kein Yoga-Laie: Ihre professionelle Yoga-Lehrer-Ausbildung hat sie im vergangenen Jahr in Indien absolviert, fünf Wochen lang. "Viele Menschen nehmen Yoga so ernst", meint sie. "Bier lockert das auf und schlägt eine Brücke zum normalen Leben."

Die Teilnehmer sind jung - und überwiegend weiblich

Auf die Idee, Yoga mit Bier zu verbinden, kam sie durch ein Festival: "Zum ersten Mal habe ich im Programm vom Burning Man Festival, das jedes Jahr in einer Wüste im US-Bundesstaat Nevada stattfindet, davon gelesen", erzählt die 29-Jährige. Hingefahren sei sie aber nicht - "was mich danach die ganze Zeit geärgert hat." Statt in ihrem Ärger zu versinken, ergriff sie einfach selbst die Initiative bei einem anderen Festival: dem Internationalen Kongress der Hedonisten, der Ende Mai 2015 in Mecklenburg-Vorpommern stattfand. "Ich hatte dafür eigentlich kein Ticket und wusste nicht, wie ich an eins komme", erzählt sie. Eine Freundin berichtete ihr, dass die einzige Möglichkeit sei, selbst einen Workshop anzubieten. "Da habe ich in einer Nacht nach ein paar Bieren eine E-Mail geschrieben und das Konzept Bieryoga erfunden. Und am nächsten Tag kam die Antwort, dass ich gerne kommen darf."

Mittlerweile macht Jhula die Yoga-Stunden regelmäßig in einer Kneipe in Berlin-Neukölln. Einzige Voraussetzung, um am Kurs teilnehmen zu können, ist ein Mindestalter von 16 Jahren. So jung ist zwar keiner der Anwesenden, alt kann man die Kursteilnehmer aber auch nicht nennen: die jüngste ist 20, der älteste 36 Jahre. Vor allem Studierende, aber auch ein paar Berufstätige sind dabei.

Bieryoga in Berlin (Quelle:rbb/Brandenburg)
"Glücklicher Betrunkener" in echter Kneipen-Atmosphäre.

"Ich merke das Bier mehr als das Yoga"

Dem Klischee zum Trotz, dass Bier ein reines Männergetränk sei, gibt es weit mehr Teilnehmerinnen als Teilnehmer: Zehn Frauen stehen nur einem einzigen Mann gegenüber. "Witzig" findet die 20-jährige Clara Lehmann die Yoga-Stunde. "Ich habe noch nie vorher Yoga gemacht, und Biertrinken finde ich super", erzählt die 20-jährige Studentin. "Jetzt bin ich entspannt und es gab Bier, was will man mehr?"

Der 35-jährige Jannes zieht nach seiner ersten Bieryoga-Stunde ein gemischtes Fazit: "Bier trinken ist okay, Yoga machen auch, aber beides zusammen eher schwierig. Also zumindest, nachdem die ersten 30 Minuten vorbei sind." Spaß gemacht habe es ihm aber auf jeden Fall. "Ich merke das Bier mehr als das Yoga", meint dagegen die 20-jährige Finja Wilke und lacht. "Vielleicht aber auch, weil ich die Übungen nicht so gut machen konnte – der Einfluss des Bieres und die Konzentration aufs Bier waren wohl zu stark."

Die Übungen heißen "Biergruß, "Bierbank" oder "Glücklicher Betrunkener auf einem Festival"

Während der Stunde schauen immer wieder Menschen von der Straße in den Raum, bleiben stehen oder machen gar Fotos. Es wirkt, als wollten manche sich dieses Spektakel bloß nicht entgehen lassen. Auch im Raum selbst führt die Kombination von Bier und Yoga immer wieder zu lautem Gelächter. Das liegt zum einen an den mal mehr und mal weniger kreativen Namen für die verschiedenen Yoga-Positionen: Aus dem Sonnengruß, einer bekannten Standard-Übung im Yoga, wird der Biergruß. Die Happy-Baby-Position nennt sich beim Bieryoga "Glücklicher Betrunkener auf einem Festival".

Zum anderen liegt die große Freude aber auch am Alkoholkonsum selbst: Nach etwa einer halben Stunde gibt es die erste Übung, für die eine der zwei Bierflaschen möglichst schon leer sein muss. Als nach 45 Minuten dann die Balance-Übungen kommen, ist auch Jhula nicht mehr ganz so sicher auf den Beinen. "Damit ihr seht, was Alkohol mit Eurem Gleichgewichtsgefühl macht", begründet sie, warum ausgerechnet solche Übungen erst so spät kommen.

Bieryoga soll auch für den Umgang mit Alkohol sensibilisieren

Aber so lustig und zum Schmunzeln Bieryoga einerseits ist, so sehr besteht natürlich auch die Gefahr, dass der Alkoholkonsum verharmlost werden könnte. Schließlich raten Experten davon ab, Sport mit Alkohol zu kombinieren. "Das Schöne ist, dass man relativ achtsam Bier trinkt, wenn man dabei Yoga macht", versucht Jhula zu beruhigen. Sie wolle den Alkohol nicht verharmlosen, sondern ganz im Gegenteil ihre Schüler sogar ein bisschen dafür sensibilisieren: "Wir nehmen beides, Yoga und Bier, ernst. Es soll Spaß machen, aber ist mehr als nur ein Witz."

Sie macht schon am Anfang der Yoga-Stunde klar: Wer keine Lust auf eine Übung hat, wird zu nichts gezwungen. Niemand müsse irgendwem etwas beweisen, weder beim Yoga noch beim Biertrinken. Damit soll so etwas wie Leistungsdruck gar nicht erst entstehen. "Ihr sollt Euch wohlfühlen, das ist die Hauptsache", sagt Jhula ihren Schülern während der Stunde.

Man könnte also sagen: sie nehmen es ernst, aber nicht bier-ernst bei den Berliner Bier-Yoga-Kursen. Das merkt man auch am Ende der Stunde: Statt das berühmte "Om" zu singen, heißt es "Prost" - mit ganz langem "o". Danach ist der Kurs vorbei, die Teilnehmer entschwinden ins beginnende Wochenende. Jhula hat rote Wangen – ob vom Yoga oder vom Alkohol, kann auch sie nur schwer sagen: "Ich finde Bieryoga schon relativ fordernd, und es ist auch körperlich anstrengend", meint sie. "Außerdem bin ich jetzt relativ entspannt und relativ betrunken. Das sind doch gute Voraussetzungen, um ins Wochenende zu starten!"

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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