Hertha BSC-Trainer Pal Dardai mit seinem Team in Belek in der Türkei im Trainingslager (Quelle: dpa)

Dardai im Hertha-Trainingslager - Lieb, laut, leidenschaftlich

Herthas Trainer Pal Dardai ist einer, der bescheiden bleibt - auch nach einer der besten Hinrunden in Herthas Vereinsgeschichte. Erst 2012 hat er selbst die Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Das merkt man ihm an. Bei wichtigen Ballkontakten seiner Elf zucken schon mal seine Beine auf der Trainerbank mit. Doch er kann auch anders. Von Jakob Rüger

Belek ist ein Urlaubsparadies für Touristen. Lange Strände, zahlreiche Luxushotels, Golfplätze. Für all das haben die Fußball-Profis von Hertha BSC keine Zeit. An der türkischen Rivera bereiten sie sich auf die Rückrunde der Bundesliga vor. Die Gegner werden die Alte Dame nicht mehr unterschätzen. Entsprechend akribisch stellt Trainer Pal Dardai sein Team auf die Aufgaben der kommenden Monate ein. 

Ein Trainingslager ist kein Kaffeeklatsch

Trainingslager können ganz schön monoton sein: Aufstehen, Frühstücken, Trainingsplatz. Anschließend Mittagessen, Presserunde und Besuch beim Physio. Danach Training oder Spiel und schließlich Abendessen. Dazwischen Erholung auf dem Zimmer oder ein kurzer Spaziergang. Jeden Tag der gleiche Ablauf. Der Aufenthalt in Belek ist für die Profis von Hertha BSC nicht nur Spaß.

Das Salz in der Suppe sind die Testspiele. Endlich können sie sich messen mit dem Gegner, endlich geschieht etwas Unvorhergesehenes. Am Mittwoch passierte dann wirklich etwas Überraschendes. Das 1:4 gegen Zweitligist Bochum. Ein herber Rückschlag für die Mannschaft. Auf dem Platz standen hauptsächlich Spieler aus der B-Elf - also Kicker, die seit Monaten kein Spiel mehr über 90 Minuten bestritten haben. Trotzdem darf eine solche Niederlage nicht passieren. Der gleichen Meinung war auch Trainer Pal Dardai. Der Ungar nahm seine Spieler zwar in Schutz, doch man merkte noch am Tag danach, dass er angefressen war ob der Leistung seiner Truppe. Mit hängenden Köpfen trabten die elf Spieler am Donnerstag über den Trainingsplatz.

Ein Kumpeltyp, der schon mal laut und böse werden kann

Belek ist auch die Möglichkeit, Dardai mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei merkt man, dass der Ungar noch gar nicht so lange raus ist aus dem Spieleralltag. Erst 2012 hängte er die Schuhe an den Nagel. Heute kickt der 39-Jährige immer noch gern und fleißig mit beim Training. Dabei hat er immer wieder einen frechen Spruch auf den Lippen und ein Lächeln im Gesicht. Doch Dardai kann auch anders: In vielen Momenten steht er nachdenklich an der Seite und beobachtet seine Spieler, dann leitet Co-Trainer Rainer Widmayer die Übungseinheiten. Pal Dardai hat eine interessante Mischung gefunden, die ankommt bei den Spielern. Herthas einziger Winterneuzugang, Sinan Kurt, hat das auch schon beobachtet. Dardai sei ein Kumpeltyp, freundlich und jederzeit ansprechbar. Doch wenn dem Trainer etwas nicht passt, kann er schon mal laut und böse werden, so der 19-Jährige.

Auch bei den Testkicks kommt der Spieler in Dardai durch. Angespannt saß er gegen Mönchengladbach auf seinem Stuhl. Immer wieder krallten sich die Hände in die Armlehne. Angespannt rief er immer wieder Kommentare in Richtung Platz. Fast wirkte es, als zuckten seine Beine leicht mit bei wichtigen Ballkontakten.

Als Spieler war Dardai ein eisenharter Sechser

Es ist eine Leidenschaft, die der im ungarischen Pécs geborene Dardai an seine Spieler weitergeben will. Gegen Mönchengladbach brach es in der 85. Minute aus ihm heraus. Nach einem Foul an Sebastian Langkamp sprang er auf und rief: "Könnt ihr nicht austeilen, Männer? Ihr schluckt alles runter!" Da war er wieder, der ehemalige Spieler. Dardai war ein Arbeiter. Kompromisslos zu sich und zu seinen Gegnern. Ein eisenharter Sechser, einer der sich nichts hat gefallen lassen in 15 Jahren bei Hertha. So sagt Dardai stolz zu einer der besten Hinrunden der Vereinsgeschichte: "Einige enge Spiele haben wir gewonnen, weil wir gekämpft, gekratzt und gebissen haben. Wir haben aber auch Spielphilosophie und Spielkultur entwickelt." Kampf und spielerische Klasse, das ist die Handschrift, die Dardai seiner Mannschaft in rund einem Jahr verpasst hat. Nun steht Hertha völlig überraschend auf einem Champions-League-Platz. Das alles sei nicht allein sein Verdienst, versichert Dardai. Er ist eben ein Teamspieler. Die Bescheidenheit nimmt man ihm ab.

Hertha BSC - Torhüter Rune Jarstein im Trainingslager im türkischen Belek (Quelle: dpa)
Hertha-Torhüter Rune Jarstein im Trainingslager in Belek

Doch auch Pal Dardai hat mit den täglichen Problemen des Trainingsalltags zu kämpfen. Plötzlich gehen der Mannschaft die Torhüter aus. Die Nummer eins, Thomas Kraft, hat noch immer kein richtiges Spiel bestritten. Die verletzte Schulter schmerzt weiterhin. Der dritte Torwart, Sascha Burchert, patzte bei der heftigen Niederlage gegen Bochum und hat Oberschenkelprobleme. Eigengewächs Marius Gersbeck wurde zu Drittligist Chemnitz ausgeliehen. Plötzlich ist nur der norwegische Nationaltorwart Rune Jarstein fit. Der 31-Jährige dürfte zum Rückrundenstart am 23. Januar gegen Augsburg im Tor stehen.

Ein Trainer kennt keine freien Tage

Immerhin Thomas Kraft wirkt im Training wieder mit. Zur Erleichterung von Dardai, der so immerhin zwei Torhüter für ein Trainingsspielchen auf dem Kleinfeld hatte. Überhaupt wird viel mit dem Ball trainiert. Es geht um sauberes Kurzpassspiel, Balleroberung und Ballsicherheit. Das Trainerteam hat Hertha Ballbesitzfußball verordnet. So könne bei einer Führung in den letzten zehn Minuten auch mal der Ball und damit der Gegner laufen gelassen werden, erklärt Innenverteidiger Sebastian Langkamp.

Der 27-Jährige freute sich am Donnerstag wie seine Kollegen über einen freien Nachmittag. Die Spieler sollten den Kopf frei bekommen, auch einmal aus dem monotonen Trainingslageralltag ausbrechen. Die Stimmung war am Donnerstag entsprechend gut, auch weil das Wetter mitspielte. 15 Grad, blauer Himmel und Sonnenschein. So zog es einige Profis an den Strand. Eine Gruppe um Kapitän Fabian Lustenberger trieb sich auf einem der zahlreichen Golfplätze herum und feilte am Handicap. Andere hatten genug vom Sport und besuchten die Geschäfte der Altstadt von Belek. Während sich seine Spieler amüsierten, ging für Pal Dardai die Arbeit weiter. Ein Trainer kennt eben keine freien Tage. Nicht einmal im Urlaubsparadies Belek, wo der Strand nur einen Katzensprung entfernt ist.

Beitrag von Jakob Rüger

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