Audio: Inforadio | 24.02.2016 | Jens-Christian Gußmann

Interview | DHB-Vize und Füchsemanager Bob Hanning - "Das Schlimmste, was man tun kann, ist Konfliktmeidung"

Als Vizepräsident des Deutschen Handballsbundes hat er großen Anteil am Europameistertitel - und trotzdem sind einige im Verband nicht gut auf ihn zu sprechen. Im rbb-Interview spricht Bob Hanning über seine Affinität zu Napoleon, alte Zöpfe und seine Vorliebe für gutes Essen in Berlin.

Herr Hanning, in Ihrem Pass steht Hans Robert Hanning. Die Welt kennt und nennt Sie aber nur "Bob". Wer hat Sie zuletzt Robert genannt?

Mein Vater sagt immer wieder das Wort "Robert". Alle anderen tatsächlich nur: "Bob". Das liegt ein bisschen daran, dass meine Eltern Robert Zimmermann alias Bob Dylan so verehrt haben. Daher kommt "Bob" als Vorname immer wieder oft vor. Ich muss nur aufpassen, wenn Flüge gebucht werden.  Dann darf da nur der richtige Name "Robert" stehen. Ich bin schon mal nach Amerika nicht in die Maschine gekommen, weil da versehentlich "Bob" stand.

Sie sind in Essen groß geworden, mit Blick auf den Handball-Tempel Grugahalle. Sind Sie deshalb so früh Handballer geworden?

So richtig groß geworden bin ich ja nicht, nur 1,68. Aber ich bin zumindest dort aufgewachsen und hab in der Tat immer auf die Grugahalle schauen dürfen. Da hat der TUSEM Essen gespielt - damals ein ganz erfolgreicher Handballverein. Da wird man natürlich automatisch als Jugendlicher auch mit hingezogen, dort war meine erste Station als Spieler.

Sie sind gebürtiger Essener, seit 2005 in Berlin, inzwischen bekennender Berliner - unter anderem, weil Sie 2011 den Verdienstorden des Landes bekommen haben?

Auf den Verdienstorden, das kann ich an der Stelle ruhig sagen, bin ich wirklich extrem stolz. Und wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einem Bundesverdienstkreuz und einem Orden der Stadt Berlin: Ich würde mich immer für den Orden meiner Stadt entscheiden. Ich fand das ganz toll, dass soziales Engagement und Jugendarbeit als ganzheitliches Projekt der Füchse so bewertet worden sind. Ich versuche dem Anspruch, den ein solcher Orden auch mit sich bringt, jeden Tag gerecht zu werden.

Wenn man Sie googelt, ist der zweite Treffer "Hanning Napoleon". Ist das noch ein Image, das Sie pflegen oder ist das schon längst abgelegt?

Das ist längst abgelegt. Aber an dem war ich natürlich selbst schuld. Nicht nur aufgrund der Größe. Ich erinnere mich noch sehr sehr gut: Der HSV hatte mir damals ein sehr sehr gutes Angebot gemacht. Sie waren damals wirtschaftlich schon sehr stark gebeutelt. Die Mannschaft war Tabellenletzter und alle schlugen auf sie ein. Und dann hab ich mich in einem Napoleon-Kostüm ablichten lassen als Trainer. Wenn man das macht, müsste man natürlich die Folgen für die Jahre danach berücksichtigen. Das habe ich damals nicht getan, weil ich der Meinung war: Es ist gut, wenn du jetzt alles auf dich lenkst und den Druck von der Mannschaft weghältst. Und das war grundsätzlich eine richtige Entscheidung für die Mannschaft, denn wir haben uns dann auch Richtung Europa vom letzten Platz aus entwickelt. Aber für mich war das keine ganz so gute Idee.

Vor kurzem wurde die deutsche Handballnationallmannschaft mit ihnen als Vizepräsident des DHB Europameister. Das müssten mittlerweile alle Spieler, alle Beteiligten wirklich realisiert haben. Wann kam dieser Moment bei Ihnen?

Das war natürlich mit einem unheimlich großen Kraftakt verbunden. Jeder, der sich im Handball auskennt, weiß ja auch, dass eine große Geschichte davor lag, die auch sehr sehr viel Kraft gekostet hat. Dann ging es erstmal darum, eine Feier zu organisieren in unserer Max-Schmeling-Halle, in unserem Fuchsbau. Über drei Millionen haben's gesehen, zehntausend waren in der Halle. Da ist man euphorisiert, ohne es richtig wahrzunehmen. Jetzt ist man in so einer Phase, wo man in so ein kleines Loch reinfällt. Es ist ganz interessant, sich selbst zu beobachten. So ganz richtig realisiert habe ich es nicht.

Und wie wichtig ist die Nationalmannschaft in dem Zusammenhang? Eine Lokomotive für die Sportart Handball?

Das war der Beweggrund, weshalb ich diesen Job als DHB-Vizepräsident angenommen habe. Die Nationalmannschaft ist das Leuchtturmprojekt einer Sportart. Wenn der Adler fliegt im Handball, dann sitzen Millionen Menschen vor dem Fernseher und wollen das aktiv sehen und teilhaben. Wenn das dann erfolgreich ist, dann gucken noch mehr Millionen zu. Und das wiederum hilft natürlich auch der Handballbundesliga, wenn die Sportart in den Fokus rückt. Eine erfolgreiche Nationalmannschaft ist deshalb ein wichtiger Faktor für die Bundesliga.

Konnten sie Füchse Berlin denn jetzt Sponsoren gewinnen, die sich vorher nie für Handball interessiert haben?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass die anderen 17 Vereine in der Liga das können und nur wir nicht. Vielleicht ist das ein bisschen stadtspezifisch. Persönlich verurteile ich das ein bisschen: Die Menschen wollen auf der einen Seite Nachhaltigkeit, sie wollen Jugendarbeit, sie wollen sportlichen Erfolg. All das bieten ja die Füchse mit dem Gewinn des DHB-Pokals, eines Europapokals und des Weltpokals. Wir haben 20 Spieler ausgebildet, die mittlerweile in der ersten und zweiten Bundesliga in Deutschland spielen.

Wir haben acht deutsche Meisterschaften, wir haben Jugendmeisterschaften, wir haben eine ganzheitliche Ausbildung für die Kinder. Nicht nur Handball, auch mit Benimmkursen, auch mal mit Arbeit bei der Müllabfuhr, um zu wissen, was eigentlich leben heißt, wenn man an einer Eliteschule sein darf. Und bei uns führt das nicht zwangsläufig dazu, dass wir das, was die anderen haben, auch kriegen. Vielleicht haben wir auch nur ein schlechtes Management.

Sie gelten als recht streitbar, haben nicht überall Freunde im DHB. Sehen Sie den Gewinn der Europameisterschaft nun als Bestätigung dafür, was ich in den zweieinhalb Jahren gemacht haben?

Von der Grundsituation ist es so, dass Dinge gemacht werden mussten. Und das alte Zöpfe abgeschnitten werden mussten, um einfach was Neues zu gestalten. Dass man sich damit keine Freude macht, das war mir von Anfang an klar. Meine Aufgabe war, den Verband im Leistungssport zu Strukturen zu führen, die erfolgreich sein können. So, dass nicht einige wenige etwas davon haben, sondern der Handball als Ganzes.

Denn wenn ich Verbandsarbeit mache, habe die Verantwortung für alle Nationalmannschaften sowie für 800.000 Mitglieder. Das Schlimmste, was man tun kann, ist Konfliktmeidung und verdeckte Kommunikation. Das sind Dinge, die mir überhaupt nicht liegen. Ich bin lieber geradeaus und ehrlich. Das führt nicht dazu, dass man mehr Freunde kriegt, aber es führt dazu, dass man erfolgreich sein kann und dass jeder weiß, woran man bei mir auch ist. Und diese Geradlinigkeit und diese Authentizität habe ich mir immer erhalten. Ich mache diesen Job nicht für mein persönliches Geltungsbedürfnis, sondern ich mache diesen Job, weil ich meine Sportart liebe.

Sie führen ein 24/7 Handballleben: Sie sind Füchsemanager, Sie sind DHB Vizepräsident und dann auch noch Jugendtrainer bei den Füchsen, im Moment haben Sie die B-Jugend. Wie entspannt Bob Hanning?

Bei der Jugendarbeit. Die größte Entspannung ist, wenn du in glückliche Augen guckst, wenn du eine Mannschaft oder junge Menschen hast, die sich im Ganzen entwickeln wollen. Wenn du siehst, wie sie es dann schaffen, irgendwann auf Augenhöhe mit dir ihre Ziele und ihre Aufgabenstellungen durchzusetzen. Das ist das, was unglaublich Freude macht. Wenn ich in der Halle stehe, gibt es nichts anderes, was mich noch interessieren könnte. Sonst gehe ich noch gerne gut essen. Das kann man in Berlin ja sowohl auf Sterneniveau, als aber auch in vielen schönen Restaurants, die nicht so bekannt sind.

Mit Bob Hanning sprach Jens-Christian Gussmann für Inforadio. Dieser Text ist ein Auszug des Interviews, das Sie im Audio oben im Beitrag hören können.

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