Archivbild: Trainerassistent Zahirat Juseinov «Hassan» (Welcome United Babelsberg) brüllt am 23.08.2015 in Potsdam (Brandenburg) beim Spiel Fußball Lok Potsdam II - Welcome United Babelsberg an der Außenlinie. Die drohende Abschiebung des Co-Trainers des Vorzeige-Flüchtlingsprojekts «Welcome United» ist für Brandenburgs Ministerpräsident Woidke (SPD) menschlich und im Zusammenhang der Flüchtlings-Integration nicht nachvollziehbar. (Quelle: dpa)

Von Abschiebung bedrohter Mazedonier Juseinov - "Welcome United"-Trainer kommt vor Härtefallkommission

Zahirat Juseinov ist Co-Trainer bei "Welcome United" des SV Babelsberg 03, der ersten Flüchtlings-Fußballmannschaft Deutschlands. In wenigen Tagen soll er nach Mazedonien abgeschoben werden. Doch nun kann er Hoffnung schöpfen: Sein Fall soll vor die Härtefallkommission - und prominente Fürsprecher haben sich zu Wort gemeldet.

In den Fall des von Abschiebung bedrohten Fußballtrainers Zahirat Juseinov der Flüchtlingsmannschaft "Welcome United" kommt Bewegung. Bei der beim Innenministerium angesiedelten Härtefallkommission für abgelehnte Asylbewerber sei ein entsprechender Antrag Zahirat Juseinov eingegangen, bestätigte am Montag Ministeriumssprecher Ingo Decker in Potsdam. Die zehnköpfige Kommission werde sich in einer ihrer nächsten Sitzungen mit dem Fall
des Mazedoniers und seiner Familie beschäftigen.

Laut Ministerium erhalten im Regelfall Abschiebefälle, die in der Härtefallkommission behandelt werden, eine Duldung und damit einen zeitweiligen Schutz vor Abschiebung. In dem Gremium sind neben Kommunen, Kreisen und dem Ministerium auch Wohlfahrtsverbände, Kirchen und Flüchtlingsorganisationen vertreten. Die Härtefallkommission beschäftigt sich nur auf Antrag eines Mitglieds mit einem Individualschicksal. Im Fall von Juseinov und seiner Familie soll ein Kirchenvertreter den Antrag gestellt haben.

Zahirat Juseinov gemeinsam mit seiner Tochter (Quelle: dpa)
Zahirat "Hassan" Juseinov möchte mit seiner Familie in Deutschland bleiben

Weiteres Beratungsgespräch bei der Potsdamer Ausländerbehörde

Aus der Stadtverwaltung Potsdam hieß es, derzeit werde der Sachverhalt geprüft und verschiedene Möglichkeiten würden ausgelotet. Eine Garantie für ein Bleiberecht für den Mazedonier gebe es aber nicht.

Am Dienstag soll es ein weiteres Gespräch bei der Ausländerbehörde geben. Dabei geht es laut dem Sprecher der Stadt, Jan Brunzlow, darum, noch einmal alle Möglichkeiten auszuloten. "Es gibt die Möglichkeit, über die gut integrierten Kinder den Aufenthaltsstatus zu gewähren", sagte er dem rbb. "Damit könnte die Familie hierbleiben." Bei dem Treffen am Dienstag handle es sich aber um ein reines Beratungsgespräch.

Woidke setzte sich persönlich ein

Zuvor hatte Brandenburgs Regierungschef Dietmar Woidke (SPD) klar gemacht, dass die drohende Abschiebung des Co-Trainers des Vorzeige-Flüchtlingsprojekts "Welcome United" für ihn menschlich und im Zusammenhang der Flüchtlings-Integration nicht nachvollziehbar sei. Er hatte sich deshalb mit Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) in Verbindung gesetzt.

"Jemand, der fünfeinhalb Jahre hier lebt, voll integriert ist und zudem seit Jahren Brücken für Flüchtlinge baut, den dürfen wir nicht abschieben. Das wäre widersinnig", sagte Woidke am Samstag im rbb-Fernsehen am Rand des "Brandenburg Balls" der Wirtschaft in Potsdam. Bei dieser Veranstaltung wurden Spendengelder unter anderem für "Welcome United" gesammelt. Woidke nannte die Flüchtlingsmannschaft dabei "ein tolles Beispiel, wie Integration über den Sport funktionieren kann".

Juseinov soll mit Zwang abgeschoben werden

Juseinov lebt mit seiner Familie seit 2010 in Potsdam. Der Vater von vier Kindern hat ein festes Anstellungsverhältnis – jedoch lediglich einen Duldungsstatus. Nach Angaben des Fußball-Regionalligisten SV Babelsberg 03 soll er sich bis Dienstag entscheiden, ob er das Land freiwillig verlässt. Andernfalls will ihn die zuständige Behörde zusammen mit seiner Familie mit Zwang abschieben. 

Das Flüchtlingsteam war von Anhängern des Fußball-Regionalligisten SV Babelsberg 03 zusammen  mit dem Verein im Sommer 2015 gegründet worden. Als erster Verein Deutschlands hatte der SV Babelsgerg damit eine Mannschaft in seine Vereinsstrukturen integriert, die ausschließlich aus Flüchtlingen besteht. In kürzester Zeit hatten sich mehr als 60 Flüchtlinge angemeldet. Das Team spielt inzwischen in der Kreisliga im regulären Spielbetrieb.

Die Mannschaft erfährt von verschiedenen Seiten Zuspruch:  Sie wird von Schauspieler und Erfolgsproduzent Til Schweiger unterstützt. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gehört zu den Befürwortern.

Petition "Hassan bleibt"

Als Reaktion auf die drohende Abschiebung startete Babelsberg 03 die Onlinepetition "Hassan bleibt" für Zahirat "Hassan" Juseinov. Bis Dienstagmorgen hatte sie 2.630 Unterschriften. "Wenn Hassan gehen müsste, wird uns das Herz rausgerissen", betonte Vereinschef Archibald Horlitz. Der Mitbegründer von "Welcome United" Thoralf Höntze sagte am Dienstag dem rbb, es gehe den Unterstützern nicht darum, eine "Extrawurst" gebraten zu bekommen. Er halte es aber - wie Dietmar Woidke - in Zeiten fehlender Arbeitskräfte eine Abschiebung Hassans für das falsche Signal, so Hintze bei Radioeins. Damit sage man den Menschen, die neu angekommen sind, dass die ganze Integration nichts bringe: "Weil nach fünf Jahren wirst du eh abgeschoben".

Seitdem ihm und seiner Familie die Abschiebung droht, hat Juseinov kein Auge mehr zu getan. "Wir wissen nicht mehr ein oder aus. In Mazedonien haben wir kein Haus, keine Arbeit, nichts", so der Co-Trainer. Der Zuspruch von Ministerpräsident Woidke sei "echter Seelenbalsam", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Die rechtlichen Regelungen, die für die drohende Abschiebung von Zahirat Juseinov verantwortlich sind, kritisierte Ministerpräsident Woidke im rbb: Dass Menschen abgeschoben werden sollen, weil sie aus sogenannten sicheren Drittstaaten kommen, sei "leider momentan die rechtliche Realität in Deutschland, an der kommen wir erst mal nicht vorbei". Hier brauche es aber eine Weiterentwicklung angesichts der Aufgabe viele Menschen zu integrieren.  

mit Informationen von Anne Demmer

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