Filmstill: "Ferne Liebe", 2016, Regisseur Martin Zeising (Quelle: 11mm Filmfestival/authentic ficiton/traumaweb)
Audio: Inforadio Abseits | 13.03.2016 | Friedrich Rößler

Filmfestival übers Kicken in Berlin - 11 Millimeter für den Fußball

Fußball erzählt nicht nur in der Sportschau spannende Geschichten, sondern kann auch richtig großes Kino. Zu erleben ist das beim Filmfestival "11mm" in Berlin. In diesem Jahr dreht es sich um das politische Engagement mancher Profi-Kicker und ein legendäres Tor. Von Friedrich Rößler

Ein gutes Fußballspiel lebt von Emotionen, von ungewöhnlichen Spielverläufen und von den Protagonisten auf oder neben dem Platz. Bei Filmen gilt dasselbe, auch was die Spiellänge betrifft: in der Regel 90 Minuten. Also scheinen Fußball und Film ein Traumpaar zu bilden, eigentlich ideale Voraussetzungen für eine Liaison. Für die rbb-Filmkritikerin Anna Wollner ist es aber eher eine Hassliebe, die sich in den Jahren der Kinogeschichte entwickelt hat. Bis auf wenige Meilensteine wie "Das Wunder von Bern", "Kick it like Beckham" oder "Deutschland, ein Sommermärchen" habe sich das Genre als Kassengift gezeigt, sagt Wollner. "Das Verhältnis Fußball und Film hat sich zwar mit der besseren Technik verbessert. Es bleibt aber das Inszenierungsproblem des Fußballs: Wie stellen wir das eigentlich dar? Im Film-Olymp angekommen, ist der Fußball bislang nicht."  

Birger Schmidt, Festivalleiter des 11mm Fußballfilmfestivals (Quelle: Birger Schmidt)
Festivalleiter Birger Schmidt sieht qualitative Verbesserungen im Genre Fußballfilm

Tiefer Blick in die Vereinskultur

Birger Schmidt, Leiter des Berliner Fußballfilmfestivals 11 Millimeter, sieht das natürlich etwas anders. Der 51-Jährige hat schon über 1.000 Fußballfilme gesehen. Er kann in diesem Jahr stolz 70 ausgewählte Filme aus 24 Ländern präsentieren. Ihm fällt dabei eine Weiterentwicklung in Quantität, aber vor allem in der Qualität von Fußballfilmen auf. Nach Jahren, in denen die guten Geschichten für Spielfilme fehlten und es schwierig war, fußballspielende Schauspieler oder umgekehrt schauspielernde Fußballer zu finden, sind es jetzt Dokumentationen, die das Angebot bestimmen. "Die Dokumentationen gucken tief in die sozio-kulturellen Bereiche eines Landes, einer Stadt oder eines Vereins hinein. Ich denke, dass macht die hohe Qualität dieser Filme aus", sagt Schmidt.

Das Ergebnis ist nicht immer top

Fußballdokumentationen wagen nicht nur den Blick hinter die Kulissen der Hochglanzprodukte Bundesliga, Champions League oder Europa- und Weltmeisterschaft. Sie schaffen es auch, dem Zuschauer Einsichten in Welten zu gewähren, die er sonst nicht entdecken könnte.

Der typische Fußballfilm - egal ob nun Dokumentar- oder Spielfilm - handelt eher abseits des Platzes. Wer über 90 Minuten Spielszenen mit Ball am Fuß, Fehlpässen, Kopfballduellen oder Standardsituationen sehen möchte, schaut sich lieber Live-Übertragungen an. Reine Kinogänger, die nicht mit der Materie Fußball vertraut sind, empfinden solche Bilder anderthalb Stunden lang eher als Zumutung, denn als Unterhaltung.

So verwundert es kaum, dass in den USA, wo Soccer immer noch weit hinter Foot-, Base- und Basketball zurückliegt, kaum Fußballfilme produziert werden. Filme wie "Kiss the Coach" mit Gerald Butler verdienen kaum die Bezeichnung Fußballfilm, sagt Kritikerin Anna Wollner. Unfreiwillig komisch wirken dann auch Hollywoodproduktionen wie "Escape to Victory - Flucht oder Sieg" mit Stars wie Michael Caine, Sylvester Stallone und Pelé: Bei diesem Nachkriegsfilm von 1981 agieren zwar Hollywoodstars und gute Fußballspieler, trotz bombastischen Aufgebots und historischem Hintergrund wirkt das Ergebnis unglaubwürdig und floppt an den Kinokassen.

Mittlerweile kooperiert das Berliner Fußballfilmfestival mit sechs europäischen Standorten und einem in Brasilien. Dabei fing 2004 alles ganz klein an. Beim ersten Festival zeigten Birger Schmidt und Co. mit Unterstützung des British Council insgesamt elf Filme, zu einer Vorstellung kamen nur sechs Zuschauer. Mittlerweile werden bei "11 mm" über 70 Filme aus aller Welt gezeigt. Viele davon feiern hier ihre Welt- oder Deutschland-Premiere, "Ferne Liebe" vom Berliner Regisseur Martin Zeising sogar beides.

"Ferne Liebe" begleitet zugezogene Berliner, die in Sportkneipen oder bei Auswärtsfahrten ihre Liebe zum mitgebrachten Verein ausleben. Ein typisches Berlin Phänomen. "Zweikämpfer" von Mehdi Benhadj-Djilali gibt während des Filmfestivals auch seine Berlinpremiere und beschäftigt sich mit vertragslosen Fußballspielern, die sich in einem Trainingscamp der Spielergewerkschaft fit halten und sich so möglichen Arbeitgebern präsentieren können.

Dank dieser Vielfalt bietet sich für die Festivalbesucher erneut ein Blick in die große und kleine Welt des Fußballs. Die Schwerpunkte in diesem Jahr: 50 Jahre Wembley-Tor, EM-Gastgeber Frankreich und die Vernetzung mit anderen internationalen Fußballfilmfestivals.

Schätze der Fußballfilmgeschichte auch online

Neben Filmen und Regisseuren erscheinen auch ehemalige und aktuelle Fußballhelden beim Festival: Die Besucher können weit weg vom Stadion Naldo vom VfL Wolfsburg, Deutschlands Fußballerin des Jahres Célia Sasic oder Teile der deutschen Mannschaft von 1966 treffen. Auch in der Jury tummeln sich alte Bekannte, wie beispielsweise Thomas Berthold, Fußball-Weltmeister von 1990.

Mittlerweile laufen Fußballfilme nicht nur bei Festivals, in Programmkinos oder im DVD-Spieler. Das Internet beheimatet viele kleine und große Schätze der Fußballfilmgeschichte, gerade auf YouTube finden sich viele Beispiele. Das zeigt, wie die Nachfrage an Fußballfilmen in den letzten Jahren gestiegen ist und auch das Angebot verlässt langsam das Nischendasein, denn das aktuelle Programmheft von "11 mm" ist doppelt so dick, wie noch vor fünf Jahren. Wenn der Trend weiter anhält, dann kommt der große Fußball-Spielfilm vielleicht bald aus Europa oder Deutschland.

Beitrag von Friedrich Rößler

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