Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, im Hauptberuf Polizeibeamtin, und ihr Anwalt Thomas Summerer, vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe (Quelle: dpa)

Grundsatzentscheidung über Zuständigkeit erwartet - BGH fällt Urteil im Fall Pechstein erst im Juni

Die Spannung steigt: Der Bundesgerichtshof will das Urteil im Fall Claudia Pechstein erst am 7. Juni verkünden. Wegen ihrer Dopingsperre 2009 hat die Eisschnellläuferin den Weltverband auf fünf Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Sollte sie vor dem Zivilgericht Recht bekommen, hätte dies massive Konsequenzen für die Sportgerichtsbarkeit.

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat das Urteil im Revisionsverfahren zwischen Claudia Pechstein und dem Welt-Eislaufverband (ISU) auf den 7. Juni vertagt. Das sagte die Richterin, BGH-Präsidentin Bettina Limperg, am Dienstag in der Verhandlung vor dem zuständigen Kartellsenat.

Welche Seite Recht bekommen wird, ist nach Einschätzung von Beobachtern noch völlig offen: "Der Senat hat noch gar nichts rausgelassen, wohin er tendiert", sagte der Sportrechtler Michael Lehner der Nachrichtenagentur dpa. Es gebe weiter Hoffnung, dass die Entscheidung zugunsten der Sportgerichtsbarkeit ausfallen könnte. Die "größeren Argumente" habe es aber für die Pechstein-Seite gegeben, fügte Lehner hinzu.

Für den Fall, dass der BGH gegen sie entscheidet, hat sich die fünfmalige Olympiasiegerin bereits gewappnet: "Ich kenne meine Optionen, die da sind: das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof. Der Kampf ist für mich in keinem Fall am 8. März zu Ende", sagte sie der Tageszeitung "Die Welt" (Dienstagsausgabe).

Jahrelanger Kampf gegen die Sportgerichtsbarkeit

Seitdem die Berlinerin 2009 vom Welt-Eislaufverband (ISU) zu einer zweijährigen Dopingsperre verurteilt worden war, führt sie einen hartnäckigen Kampf um Gerechtigkeit und Schadensersatz. Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der die gesamte internationale Sportgerichtsbarkeit ins Wanken bringen könnte.

Sollte Pechstein, die im Hauptberuf als Polizeibeamtin arbeitet und noch bis zu den Winterspielen 2018 in Pyeongchang weiterlaufen will, den Kampf gegen die ISU gewinnen, würde ein Präzedenzfall geschaffen, der die Sportgerichte gänzlich in Frage stellen würde. Dann nämlich hätte jeder Sportler das Recht, in einem Streit mit seinem Verband auch vor ein ordentliches Gericht zu ziehen.

Pechsteins BGH-Anwalt Gottfried Hammer verdeutlichte in der mehr als zweistündigen Verhandlung, dass sich seine Mandantin nicht generell gegen die Idee internationaler Schiedsgerichte wende. Aber ein Schiedsgericht müsse "sich an den Maßstäben aller Rechtsordnungen messen lassen, von denen es anerkannt werden will". Entscheidend sei, ob die Klägerin freiwillig gehandelt habe, als sie sich dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) unterworfen habe. Hingegen argumentierte ISU-Anwalt Reiner Hall in der Verhandlung: "Die Klägerin hat sich sehenden Auges auf die Athletenvereinbarung eingelassen."

Pechstein fordert von der ISU fünf Millionen Euro

In dem Verfahren geht es neben der Frage, ob Athleten bei Streitigkeiten mit ihrem Verband auch vor zivilen Gerichten klagen können, auch um viel Geld. Wegen der erlittenen Einnahmeverluste, der Nichtteilnahme an den Spielen in Vancouver 2010 und der Rufschädigung, die sie aushalten musste, hat Pechstein die ISU auf insgesamt fünf Millionen Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld verklagt. Nach den Prozessen vor dem Landgericht und dem Oberlandesgericht wird der Streit seit Dienstag vor dem Bundesgerichtshof fortgesetzt. Der BGH muss darüber entscheiden, ob er die Revision der ISU zulässt oder nicht.

Claudia Pechstein bei der Mehrkampf-Weltmeisterschaft im März 2016 in Berlin (Quelle: imago/Camera 4)
Claudia Pechstein, fünfmalige Olympiasiegerin, kämpft um ihr Recht.

Schiedsvereinbarung mit der ISU laut Gericht unwirksam

Wird die Beschwerde der ISU zurückgewiesen, muss der Fall vor dem Oberlandesgericht München (OLG) neu aufgerollt werden. Das OLG hatte Anfang 2015 die Schadensersatzklage von Pechstein zugelassen. Rechtshistorische Bedeutung könnte dabei vor allem die Begründung erlangen, die das OLG für seine Entscheidung anführte: einen Verstoß der ISU gegen das Kartellrecht sowie strukturelle Defizite beim Internationalen Sportgerichtshof.

Wie das OLG ausführte, ist die Schieds- oder Athletenvereinbarung, die Pechstein im Januar 2009 bei der ISU unterschrieben hatte und um die es nun auch vor dem BGH geht, unwirksam. Der Klägerin, so die Münchner Richter, stehe der Weg vor ein ordentliches Gericht offen.

An die Entscheidung des CAS, der die Dopingsperre als letzte Instanz der Sportgerichtsbarkeit bestätigt hatte, seien deutsche Gerichte nicht gebunden. Insbesondere kritisierten die Richter, dass der CAS nahezu ausnahmslos von Verbänden und Funktionären besetzt sei und Sportler kein Mitspracherecht hätten. Und auch über den Dopingstreit sei noch nicht entschieden.

Der Fall Claudia Pechstein

  • 2009

  • 2010

  • 2011

  • 2012

  • 2013

  • 2014

  • 2015

  • 2016

Pechstein-Anwalt: Sportler müssen sich Gericht aussuchen können

Pechsteins Anwalt Thomas Summerer feierte den Spruch des Münchner Gerichts als wegweisenden Erfolg: "Ich bin stolz auf das Urteil des OLG, weil sich erstmals ein deutsches Gericht eingehend mit dem Profisport und mit Schiedsvereinbarungen befasst hat", sagte Summerer damals. Dem Sportler müsse ein Wahlrecht gewährt werden, "ob er sich den Sportgerichten unterwirft, oder ob er ein staatliches Gericht anrufen darf. Dieses Wahlrecht haben wir jetzt durchgesetzt und im Grunde muss sich der Internationale Sportgerichtshof (CAS) genau überlegen, ob er sich reformiert."

Auch der Anwalt Mark Orth, Experte für Sportkartellrecht, sieht den CAS in der Pflicht: "Falls die Sportverbände ihre Schiedsordnungen dahingehend anpassen sollten, dass der Sportler zwischen staatlichen Gerichten und Sportschiedsgerichten wählen kann, so würde endlich auch ein Anreiz zur Verbesserung der Sportschiedsgerichte geschaffen", sagte Orth am Montag dem Sportinformationsdienst.

Dopingsperre ohne positive Dopingprobe

Im Kern geht es im Streit zwischen Pechstein und dem Weltverband noch immer um die zweijährige Dopingsperre, die die ISU 2009 gegen Pechstein verhängt hatte. Damit hatte der Verband die Berlinerin nicht nur zwei Jahre von allen internationalen Wettkämpfen, sondern auch von den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver ausgeschlossen - wegen eines Dopingverdachts, der nie bewiesen werden konnte.

Mehrmals hat die Ausnahmeathletin sogar Selbstanzeige erstattet, um die internationale Sportgerichtsbarkeit sowie den deutschen und den internationalen Verband aus der Reserve zu locken. Denn der Vorwurf des Blutdopings stützte sich lediglich auf Indizien - ein Umstand, auf den sich Pechstein noch heute beruft. Dass der Anteil frischer roter Blutkörperchen (Retikulozyten) bei Messungen immer wieder über den Grenzwerten liegt, habe nichts mit Doping zu tun, sondern sei auf eine erblich bedingte Blutanomalie zurückzuführen.

Im März 2010 wurde dies auch durch ein medizinisches Gutachten bestätigt, das die Eisschnellläuferin selbst in Auftrag gegeben hatte, doch erst im Februar 2011, nach Ablauf der zweijährigen Sperre, konnte sie wieder starten. "Bei mir gibt es keinen Beweis. Weder eine positive Probe, noch eine Substanz im Blut oder Urin wurden bei mir festgestellt, und das ist der Unterschied zu allen anderen wirklichen Dopingfällen", sagte Pechstein vor den Olympischen Spielen in Sotschi.

Oberster deutscher Sportfunktionär entschuldigt sich

Doch es dauerte noch ein weiteres Jahr, bevor Pechstein vor dem Oberlandesgericht München ihren bislang größten juristischen Erfolg feiern konnte. Denn das Gericht ließ ihre Schadenersatzklage gegen den Eisschnellauf-Weltverband zu. Da der Verband umgehend in Revision gegangen ist, muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden.

Die Experten-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) steht inzwischen auf der Seite von Pechstein. Nach dem Münchner Urteil hatte sie erklärt, dass aufgrund aller verfügbaren Informationen im Fall Pechstein "ein Doping-Nachweis nicht geführt werden kann". DOSB-Präsident Alfons Hörmann musste Abbitte leisten - und entschuldigte sich bei Pechstein.

Pechstein: "Ich laufe auch mit 50 noch"

Ungeachtet des Rechtsstreits mit der ISU, setzt die Berlinerin auch ihren Dauerlauf auf den internationalen Eisbahnen fort. Am Sonntag musste sie dabei ihrem Alter allerdings Tribut zollen: Bei den Mehrkampf-Weltmeisterschaften auf ihrer Hausbahn in Berlin verpasste die 44-Jährige das Finale der besten acht Läuferinnen über die 5.000 Meter. Zu gerne hätte sie es auf ihrer Paradestrecke noch einmal allen gezeigt, doch auch der am Samstag erzielte siebte Platz über die 3.000 Meter war zu wenig, um die mäßigen Zeiten über 500 und 1.500 Meter auszugleichen.

Den Titel sicherte sich bereits zum vierten Mal Martina Sablikova. Die Tschechin ist 15 Jahre jünger als Pechstein - dennoch denkt die fünfmalige Olympiasiegerin nicht ans Aufhören: "Ich laufe auch mit 50 noch", sagte die Berlinerin der "Bild am Sonntag."

Keine läuft und gewinnt so oft wie sie

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