Collage - oben links: Englandfans jubeln bei einem Länderspiel gegen Deutschland am 13.05.1972 (QUelle: imago/Colorsport), oben rechts: Die englische (vorne) und die deutsche Nationalmannschaft beim Hitlergruß vor einem Länderspiel am 14.05.1938 in Berlin (Quelle: dpa), unten links: Der deutsche Nationaltorhüter Willibald Kreß bei einer Faustabwehr während eines Länderspiels gegen England am 10.05.1930 in Berlin. (Quelle: dpa), unten rechts: U-Bahnhof Westphalweg in Berlin zwischen Hauseingängen (Quelle: imago/Martin Schulz)

Fußball | Rückblick: Deutschland vs. England in Berlin - Hühnerleiter, Hitlergruß und fehlende Spieler

Wembley-Tor, Jahrhundertspiel, umgekehrtes Wembley-Tor: Kaum eine Begegnung ist so reich an Anekdoten wie die zwischen England und Deutschland. 33 Spiele haben beide Mannschaften bisher gegeneinander gemacht, zwölf Mal hat Deutschland gewonnen, 15 Mal verloren. Oft war der Schauplatz Berlin - mit skurrilen Anekdoten.

Das erste Spiel gegen England

U-Bahnhof Westphalweg (Quelle: imago/Michael Schulz)

Ihr erstes internationales Spiel überhaupt verloren die Amateure der sogenannten "Bundesauswahl" 1908 gegen die Schweiz. 15 Tage später, am 20. April 1908 folgt das erste Heimspiel einer deutschen Nationalmannschaft - gegen eine englische Amateurauswahl (weswegen der englische Verband FA und die FIFA das nicht als offizielles Spiel werten).

Ort des Geschehens: Mariendorf, Eisenacher Straße, alter Viktoria-Platz, heute eine Tennisanlage. Das erste Heimspiel des DFB findet streng genommen gar nicht in Berlin statt, weil Mariendorf erst 1920 eingemeindet wird - Brandenburg rules!

Das Fußballmagazin "11 Freunde" hat sich vor einigen Jahren auf Stadion-Spurensuche begeben. 6.000 Leute schauen an diesem Ostermontag zu, wie Deutschland mit 1:5 verliert. Laut "Mariendorfer Zeitung" hätten alle Deutschen "sehr mangelhaft" gespielt, ausgerechnet die Berliner Verteidiger dagegen "hervorragend". Gelobt wird auch der Berliner Torhüter Paul Eichelmann (Union 92). Duschen gibt es offenbar nicht, die Spieler müssen über eine Hühnerleiter zu den Waschschüsseln klettern.

Immerhin: 1899 hatte eine deutsche Auswahl gegen englische Amateure in Cambridge noch mit 2:13 verloren.

Das erste Unentschieden

14. April 1911: Wieder ein Länderspiel, wieder in Mariendorf, dieses Mal auf dem Union-Platz an der Rathausstraße am U-Bahnhof Ullsteinstraße. Endstand: ein überraschendes 2:2 vor 10.000 Zuschauern. Beide Tore schießt der Linksaußen Ernst Möller, der an jenem Tag auch sein erstes Länderspiel macht.

Erneute Niederlage auf dem Viktoria-Platz

21. März 1913: Beide Teams messen sich erneut auf dem Viktoria-Platz in Mariendorf – England gewinnt 3:0. Laut DFB schauen 17.000 Menschen zu. Der Engländer Vivian Woodward trifft zum 2:0, 1908 hatte er gegen Deutschland bereits doppelt getroffen. Der DFB hat ein Einsehen: Mariendorf ist als Austragungsort künftig verbrannt.

Das erste "richtige" Länderspiel

Deutscher Nationaltorhüter Willibald Kreß 1930 gegen England (Quelle: Picture-Alliance / ASA)

Am 10. Mai 1930 findet das von allen Seiten anerkannte erste offizielle Länderspiel zwischen England und Deutschland statt, denn auch der Gegner kommt mit einer richtigen A-Nationalmannschaft. Schauplatz: Das Deutsche Stadion, Vorgänger des heutigen Olympiastadions. Für dessen Bau wurde das erst 1913 errichtete Rund schon 1934 wieder abgerissen. 33.000 Menschen passten dort rein.

Der Bus der Deutschen hat eine Panne, die Spieler müssen ins Taxi umsteigen, bei der Nationalhymne stehen nur die Engländer auf dem Rasen. Das Spiel wird später angepfiffen.

Endstand: ein sensationelles 3:3. Dreifach-Torschütze ist der aus Sachsen stammende Richard Hofmann, ein erster kleiner Wunderstürmer, der in einigen Länderspielen zuvor bereits je drei Tore geschossen hatte. "König Richard" nennen sie ihn auch deswegen.

Das wiederholt er am heutigen Tag auch gegen England. Selbst der Gegner lobt ihn als besten Mittelstürmer der Welt – und das, obwohl er kurz vorher bei einem Unfall ein Ohr verloren hatte und Gleichgewichtsprobleme hat. Der favorisierte Gast kann erst kurz vor Ende der Partie eine Niederlage abwenden.

Das erste Spiel im Olympiastadion

Deutsche und englische Nationalmannschaft beim Hitlergruß 1938 (Quelle: Picture-Alliance / ASA)

14. Mai 1938: Zwei Jahre nach der Eröffnung des Olympiastadions findet hier die erste Partie zwischen England und Deutschland statt. Das Team von Trainer Sepp Herberger verliert deutlich mit 3:6. Über 100.000 Zuschauer sind dabei. Der Skandal des Spieles: Auch die englischen Spieler zeigen den Hitlergruß.

Auf dem Platz wirbelt und trifft auch ein gewisser Stanley Matthews, der später von der Queen zum "Sir" geadelt werden sollte (aber nicht wegen seiner Leistung in dieser Partie). Sein letztes Länderspiel absolviert er im Alter von 50 Jahren, heute gilt er als einer der größten englischen Fußballer aller Zeiten.

Wieder nichts zu holen

Fritz Walter (l.) und englische Spieler 1956 im Olympiastadion (Quelle: imago/Otto Krschak)

Am 23. Mai 1956 sind die Engländer wieder zu Gast in Berlin, wieder messen sich beide Mannschaften im Olympiastadion. Rund 100.000 Zuschauer müssen zusehen, wie die Gäste dem amtierenden Weltmeister (1954, Wunder von Bern) kaum eine Chance lassen. Das Team von Trainer Sepp Herberger unterliegt mit 1:3. Erst 1968 werden die Deutschen ein Spiel gegen England gewinnen (1:0 in Hannover). Einen deutschen Wunderstürmer wie 1930 mit Richard Hofmann gibt es nicht, die Toptalente spielen dieses Mal für England. Die drei Torschützen sind 20, 22 und 23 ahre alt. "Sie haben Deutschland gezeigt, wie es gemacht wird", titelt die Daily Mail.

Der bemerkenswerteste Spieler im deutschen Team: Robert Schlienz. Nach einem Autounfall 1948 musste ihm der linke Arm amputiert werden; er bestritt drei Länderspiele und fast 400 Spiele für den VfB Stuttgart.

England-Fans im Olympiastadion 1972 (Quelle: imago/Colorsport)

Die erste Nullnummer

1972: Vor vier Jahren gewannen die Deutschen erstmals überhaupt gegen England, wenige Tage vor dem Spiel im Mai gelang im Hinspiel der EM-Qualifikation der erste Sieg im altehrwürdigen Wembley: 3:1 spielte das Team rund um Beckenbauer, Breitner, Netzer und Hoeneß die Engländer fast an die Wand.

Darum hofften die Fans im Berliner Olympiastadion, dass es zu einer glanzvollen Wiederholung kommt. Doch daraus wird nichts. 0:0, Ballgeschiebe. Keine Höhepunkte. Pfiffe des Publikums gegen beide Mannschaften. Das deutsche Team wird wenige Wochen später Europameister - mit überragendem Fußball, von dem an diesem Abend aber nichts zu sehen ist.

Das englische Team fällt in ein tiefes Loch. Und die Engländer lassen sich viele, viele Jahre nicht mehr in der Hauptstadt blicken.

Die Rückkehr

Mannschaftsvorstellung zum Freundschaftsspiel zwischen England (li.) und Deutschland 2008 (Quelle: imago/Bernd Müller)

Erst am 19. November 2008 kehren die "Three Lions" ins Olympiastadion zurück, in der Zwischenzeit ist viel passiert:

  • Deutschlands Elfmeter schoss England bei der EM 1996 (in England) aus dem Turnier (Southgate scheitert an Köpke). Die Deutschen wurden dort auch noch Europameister (Golden Goal Bierhoff).
  • Im Jahr 2000 wurde das alte Wembley-Stadion geschlossen, Deutschland siegte im letzten Spiel mit 1:0 (Fernschuss-Hammer von Didi Hamann aus 32 Metern; nicht gehalten von David Seaman). "Hamann schwang die Abriss-Birne für Wembley", schrieb eine Boulevardzeitung.
  • Ein Jahr später brachte England die Abrissbirne in Form von Michael Owen mit: Mit 1:5 ging die deutsche Elf in München unter, Owen traf dreifach.

Nun, 2008, gab es also einiges aufzuarbeiten. Die DFB-Elf konnte sich für die Schmach von München aber nicht revanchieren, 74.000 Zuschauer sehen eine 1:2-Pleite.

Das ausgefallene Spiel

Viel Ärger gibt es auch um ein Spiel, das gar nicht stattgefunden hat. Am 20. April 1994 soll eigentlich in Hamburg ein Testspiel gegen England stattfinden. Die Stadt bemerkt, dass der Geburtstag von Adolf Hitler nicht der beste Termin ist - Ausschreitungen von Rechtsradikalen und Autonomen wurden befürchtet. Daraufhin bewirbt sich Berlin. Bürgermeister Eberhard Diepgen sagt, dass das "kein besonderer Tag" sei.

Doch: Gewaltbereite Rechtsextremisten aus Deutschland und England planten eine "Schlacht mit Linken und Ausländern", schreibt der "Spiegel". Nachdem sich Autonome zu einem Anschlag auf die Geschäftsstelle des Berliner Fußball-Verbandes bekannten und die englische Presse das Thema ausschlachtete, sagt der englische Verband zwei Wochen vor dem Spiel ab.

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