Nikolai Krasnikov und Daniil Ivanov 2015 in Berlin (Quelle: Imago/Camera 4)

WM und DM im Eisspeedway - Die hohe Kunst des Schlitterns

Die metallenen Nägel beißen ins Eis und sind wohl das Einzige, was die weltbesten Eisspeedway-Fahrer auf der Bahn hält. In gleich zwei Rennen sammeln sie seit Donnerstag in Berlin wichtige Punkte im Kampf um die WM. Als Favoriten gehen die starken russischen Fahrer an den Start, aber auch der deutsche Nachwuchs will sich den Fans zeigen. Von Viktoria Hackl

Die weltbesten Eisspeedway-Fahrer rasen ab Donnerstag mit ihren Motorrädern über die knapp 400 Meter lange Eisbahn im Horst-Dohm-Eisstadion in Berlin-Wilmersdorf. Beim 43. Eisspeedway erwartet das Publikum nicht nur die Mannschafts-WM, sondern auch ein Wettkampf der Top-Solisten.

Nur fünf solcher Grand Prix-Läufe stehen im weltweiten Rennkalender. Außerdem wird Berlin erneut Schauplatz der Deutschen Meisterschaft - gleich am ersten Tag des Motorsportereignisses soll feststehen, wer diesen Titel mit nach Hause nehmen darf.

Leichte Motoren und hunderte Spikes

Der größte Reiz beim Eisspeedway ist ganz sicher der eisige Untergrund der Bahnen: Motorräder auf dem Glatteis in Schräglage und das alles noch im Oval eines Stadions. Schon auf Kufen würden es wohl die wenigsten Zuschauer schaffen, eine Runde aufrecht zu überstehen.

Die Eisspeedway-Maschinen sind auf die niedrigen Temperaturen und die Glätte der Eisbahnen abgestimmt. Sie sind leicht, haben maximal 70 PS und die Reifen sind mit je etwa 150 Spikes überzogen. Falls es dann doch mal sehr rutschig wird, gibt es für die Sicherheit der Fans Stroh und Schaumstoff - die Eisspeedway-Areale sind rundherum mit Polstern verstehen.

Die eiserne Motorsport-Regel "Wer bremst, verliert" besitzt beim Eisspeedway keine Gültigkeit. Bremsen gibt es bei dem Sport nämlich keine, nur die Wahl zwischen Vollgas oder weniger Vollgas. Die Fahrer beschleunigen am Ende der Geraden auf bis zu 130 Kilometer pro Stunde, ehe sie sich in die Kurve legen und über das Kunsteis rasen. Beim Gas geben bäumen sich ihre Maschinen oft auf die Hinterräder auf. Die fast drei Zentimeter langen Nägel greifen in das Eis und bei Stürzen manchmal leider auch in die Schutzmontur der Fahrer. Fleischwunden gehören zu den häufigsten Verletzungen beim Eisspeedway.

Horst-Dohm-Eisstadion 2015 während der Eisspeedway (Quelle: Imago/Camera 4)
Im Horst-Dohm-Stadion drehen sonst Menschen mit Kufen ihre Runden

Ursprünglich Wintertraining für Motocross

Was heute lautstarker Wintersport ist, startete ursprünglich aus dem Wintertraining verschiedener Motorradwettkämpfe wie Motocross oder dem Sandbahnrennen. Seinen Ursprung hat Eisspeedway in Russland. Hier finden die Sportler die besten natürlichen Trainingsbedingungen, mittlerweile ist Eisspeedway dort – anders als in Deutschland – längst eine Massensportart. Deshalb werden auch die internationalen Wettbewerbe von den russischen Startern dominiert, sie sind nach wie vor so gut wie unschlagbar. Seit 1964 werden Weltmeisterschaften im Eisspeedway gefahren, Deutsche Meisterschaften folgten erst 1994. Da national häufig immer noch Fahrer fehlen, gehen oftmals ausländische Gastfahrer mit an den Start, ohne bewertet zu werden.   

Duell Vater gegen Sohn

Den Auftakt der Eisspeedway-Tage in Berlin bilden am Donnerstag die Deutschen Meisterschaften, die klar bayerisch dominiert sind. Als Favorit geht dabei der 44-jährige Günther Bauer ins Rennen. Er ist amtierender Deutscher Meister und konnte den Titel insgesamt bereits acht Mal gewinnen. Zu seinen größten Konkurrenten zählen Max Niedermaier, Stefan Pletschacher – und sein erst 17-jähriger Sohn Luca, der in Fachkreisen bereits als Newcomer-Sensation gefeiert wird. Zum zweiten Mal treten Vater und Sohn in Berlin im direkten Duell gegeneinander an. "Nun richten wir die Bikes und freuen uns schon auf den Berlin-GP", postete Günther Bauer auf Facebook.  

Und noch ein weiterer beinharter Kämpfer ist in Wilmersdorf dabei: der legendäre Hans Weber, genannt der "Wahnsinnige vom Schliersee". Angeblich hat Weber keine Angst vor Stürzen, eine von vielen Legenden über die "Spidermen" und "Rider", wie die Fahrer auch genannt werden. Frauen werden allerdings nicht darunter sein. Zwar gibt es offiziell keine Geschlechtertrennung, doch sie konnten sich bislang eher selten für die eisigen Sportart erwärmen.  

Die Spikes eines Eisspeedway Motorrad FIM Motul Ice Speedway Gladiators (Quelle: Imago/Sportfotodienst)
Mit diesen Spikes finden die Motorräder Halt im Eis

Sprung auf's Podest

Am Samstag wird es international: Grand Prix fünf und sechs der Saison stehen auf dem Programm. 16 Starter aus sechs Nationen kämpfen um wichtige WM-Punkte. Angeführt wird das Teilnehmerfeld vom WM-Führenden und amtierenden Weltmeister Dmitri Koltakov. Gemeinsam mit seinen Landsleuten Daniil Ivanov, Dmitri Khomitsevich und Igor Kononov geht er als Favorit in die Rennen am Wochenende. Als bester nichtrussischer Starter startet der Österreicher Franz Zorn in die Rennen am Wochenende. Er liegt aktuell auf Rang sechs der WM-Tabelle. Der beste deutsche Starter der WM-Wertung ist Günther Bauer auf dem elften Rang. Im Jahr 2003 fuhr er zum letzten deutschen Podest-Platz bei den Wettbewerben in Berlin.


Vielleicht gibt es eine Überraschung und einer der drei deutschen Starter schafft im Heim- Grand-Prix den Sprung auf das Podest. Spektakulär anzusehen ist es auf jeden Fall, wenn die Motorräder in Wilmersdorf wieder aufs Eis geführt werden.

Beitrag von Viktoria Hackl

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