Berliner Olympiastadion vor dem Länderspiel Deutschland vs England Deutschland (Quelle: imago/Avanti)

Berliner Olympiastadion steht unter Stimmungskiller-Verdacht - Wenn der zwölfte Mann schweigt

Ostkurvenflair im gesamten Berliner Olympiastadion - das passiert so gut wie nie. Den Beweis lieferte das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und England: Es wirkte, als ob die Schweigeminute für die Brüsseler Terroropfer 90 Minuten dauerte. Doch auch beim Spiel gegen Italien am Dienstag lief es nicht besser - und es gab noch mehr Spott. Von Anke Fink

Das Olympiastadion hat es nicht leicht dieser Tage. Erst will Hertha-Manager Michael Preetz nicht mehr dort spielen, weil ihm zu wenige Fans zu den Bundesligaspielen kommen. Dann ist die Bude beim Freundschaftsspiel Deutschland-England am Karsamstag gerappelt voll, und trotzdem kommt keine Stimmung auf. Das ist Wasser auf die Mühlen der Olympiastadion-Kritiker, die sagen, es sei zu groß, es ziehe wie Hechtsuppe und außerdem störten die Leichtathletik-Bahnen zwischen Publikum und Rasen.

Die Diskussion um eine eigene Arena führt der Club, der seit der Bundesliga-Gründung in den 60er Jahren im Olympiastadion spielt, schon seit vielen Jahren. Trotzdem ist nie etwas daraus geworden. Hertha kickt weiter im Olympiastadion, das zur Fußball WM im eigenen Land für fast 300 Millionen Euro saniert wurde. Obwohl das Team um Pal Dardai aktuell eine überragende Saison spielt und auf Champions-League-Kurs ist, kamen zu den Heimspielen bislang im Schnitt nur 45.614 Zuschauer.

Das Stadion muss bei Hertha gegen Schalke voll sein

Hertha-Offensivspieler Alexander Baumjohann hat jetzt aber das Stadion in Schutz genommen und die Berliner wegen ihres mangelnden Interesses als Schuldige ausgemacht. In einem Interview mit der "Bild"-Zeitung sagte er: "Es kann nicht sein, dass wie gegen Schalke beim Spiel Dritter gegen Vierter das Stadion nicht voll ist. Oder dass wie gegen Ingolstadt nur 40.000 kommen. Das ist für mich erschreckend, liegt auch nicht am Stadion".

Baumjohann würde aber in der Debatte um die Stimmung und Zuschauerzahlen von Hertha BSC von den professionellen und selbst ernannten Sportexperten entgegen geschleudert bekommen: "Dann spielt erstmal konstant guten Fußball!" Weil der Verein in den vergangenen Jahren eben nicht gerade für großstädtischen Fußball stand, haben sich auch wohlmeinende Fußball-Interessierte abgewendet. "Hahohe" wurde dann wirklich nur noch in ein paar Sportkneipen im Wedding skandiert.

Union Berlin, BVB oder Werder Bremen sind Konkurrenz

Eine neue Fan-Basis aufbauen dauert, zumal die Hälfte der aktuell in Berlin lebenden Bevölkerung zugezogen ist und ihre Fußball-Vorlieben in eigenen Fankneipen innerhalb des S-Bahn-Rings ausleben kann. Dass die Stadt jahrzehntelang geteilt war und der Osten mit Union Berlin seinen eigenen identitätsstiftenden Verein hat, kommt erschwerend hinzu.

Bekommt das Olympiastadion damit nun die Absolution? Zumal die Diskussion um eine eigene Arena Geschmäckle bekommt, wenn man weiß, dass der Mietvertrag mit Hertha im kommenden Jahr ausläuft und dann bis 2022 verlängert werden müsste. Man munkelt, das Hertha-Management wolle mit der Diskussion am Mietpreis schrauben.

Seit dem vergangenen Samstag steht fest, das Olympiastadion ist nicht rehabilitiert. Dass es bei Hertha BSC mit der Stimmung nicht so recht klappen will, verwundert die wenigsten, aber dass selbst beim Klassiker von "La Mannschaft" gegen das englische Fußballteam nichts ging, außer von den Fans von der Insel, lässt die Debatte erneut aufflammen.

 

Die Website Sport1.de berichtet unterdessen, das Stimmungsproblem habe einen ganz anderen Ursprung. "Durchgestylte Choreographien mit Hinweisen vor der Kurve wie 'bitte Papptafeln hochhalten' und ein Vorprogramm mit lärmender Musik aus den Stadionlautsprechern gehören zum Marketingprogramm des DFB. Die Zuschauer sind ein Event-Publikum, das nur passiv konsumiert anstatt aktiv die Mannschaft zu unterstützen", heißt es und die Reaktionen bei Twitter unterstreichen das.

 

4.000 Engländer im Stadion waren am Samstag in Berlin lauter als die restlichen 67.400 Menschen. Englands Trainer Roy Hodgson war von der Unterstützung seiner Fans begeistert: "Danke an unsere Fans. Sie haben mit ihren Gesängen gezeigt, wie 4.000 Menschen in einem so großen Stadion eine Riesenstimmung machen können."

Professioneller, aber auch langweiliger

Es ist etwas kaputt gegangen in der Beziehung zwischen der Mannschaft und den Fans. Seit das deutsche Team von Manager Oliver Bierhoff als Marke inszeniert wird, wirken die Spieler noch professioneller, rhetorisch geschulter, gestylter - langweiliger. Bierhoff sagte im vergangenen Jahr, er werde im Ausland immer wieder damit konfrontiert, dass die deutsche Elf, "die Mannschaft", "The Mannschaft", "La Mannschaft" sei. PR-mäßig wird es deshalb jetzt auch genau so gemacht, eben wie bei der "Seleção" aus Brasilien, den "Azzurri" aus Italien oder eben den "Three Lions" aus England.

Das Herz der deutschen Fans scheint da nicht so recht mitzuwollen. Über fehlende Stimmung bei Spielen von "La Mannschaft" wird sich immer wieder beklagt - auch wenige Minuten nach dem Anpfiff am Dienstag beim Testspiel gegen Italien in der Münchner Allianz-Arena kamen bereits Beschwerden.

 

Ein wenig erfüllt sich die Prophezeiung selbst: Obwohl in München der viel zitierte Rekord-Meister in einer eigenen Fußball-Arena spielt und meistens auch mit stolz geschwellter Brust und Mia-san-Mia auf den Lippen gewinnt, soll auch dort keine Stimmung aufkommen.

Schon die Fußball-Website 90min.com fragte vor dem Spiel am Dienstag besorgt: "Machen die Münchner Fans die miese Stimmung von Berlin vergessen?" Sie beantworten sich ihre Frage im Artikel gleich selbst. "Doch wer denkt, die schwache Stimmung in Berlin war ein einmaliges Erlebnis, der täuscht." Und weiter: "Auch die Fans im Süden gelten als zurückhaltend, die Allianz Arena ist nur selten ein stimmungsvolles Stadion - weder bei Spielen des FC Bayern München noch bei Spielen der Nationalmannschaft".

Hertha BSC befindet sich mit den Problemen im Olympiastadion also in prominenter Gesellschaft.

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Ein leeres Berliner Olympiastadion vor dem Spiel gegen Ingolstadt (Quelle: imago / Stefan Bösl)

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Die Stadion-Pläne von Hertha BSC werden immer konkreter. Offenbar werden dabei auch Standorte in Brandenburg geprüft. Doch braucht der Fußball-Bundesligist wirklich eine neue Fußball-Arena? Reicht das Olympiastadion nicht aus? Was meinen Sie?

Beitrag von Anke Fink

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