SV Rot-Weiß Viktoria Mitte, Kreisliga B (Foto: rbb/Peter Rauh)

Viktoria Mitte bolzt sich durch - Das Herzblut in Kreisliga B

Das wahre Gesicht des Fußballs zeigt sich nicht bei den Gutverdienern der 1. Liga sondern bei den Amateuren. Die Männer von Viktoria Mitte schwitzen jede Woche ohne Geld, Zuschauer und mit wenig Aussicht auf Erfolg. Dafür gibt es hier noch echte Leidenschaft. Von Dennis Wiese  

Nichts beschreibt das Dilemma des SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 besser als das erste Saisonspiel. Endlich geht es wieder los, nach monatelanger Pause. Während in den Profiligen die Vorfreude bei Mannschaft und Fans besonders groß ist, die Stadien prall gefüllt sind, zeigt sich in der 10. Liga, der Kreisliga B, Staffel 1, das wahre Gesicht des Amateurfußballs.

Anderthalb Stunden vor dem Anpfiff gegen den Neuköllner Verein Cimbria Trabzonspor ist Treffen für die Spieler - gerade einmal zehn Kicker sind zum ersten Saisonspiel gekommen. Es ist immer noch Urlaubszeit, die vielen Studenten von Viktoria Mitte genießen die Semesterferien. Passenderweise ziehen pünktlich zum Treffen Gewitter und Starkregen über die Stralsunder Straße und die Rumpftruppe von Trainer Christian Rötzer (53) läuft auf. Rötzer weiß, vor Oktober kann man sowieso noch nicht mit der vollen Besetzung rechnen. "Dann sind die meisten Spieler wieder da. Wir haben ja auch keine Vorbereitung wie man das von den Profis kennt. Wir müssen uns unsere Kondition in den Spielen holen."

SV Viktoria Mitte begrüßt die Besucher (Foto: rbb/Peter Rauh)
Vor dem Anpfiff begrüßt die Mannschaft die Fans

Ab der 70. wird die Luft knapp

Um überhaupt elf Mann zusammenzukriegen, ruft die junge Truppe (der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 20) Mike Wessel an, den Torwart aus der Altherrenmannschaft. Für den heißt es nun: kicken statt Kaffee und Kuchen. Mike kommt rechtzeitig vorbei, zur zweiten Halbzeit bequemt sich sogar ein zwölfter Spieler zu den Rot-Weißen. Wenigstens einmal auswechseln in 90 Minuten, bitter nötig bei den Hobbyfußballern, die Kräfte schwinden, sagt Linksverteidiger Marcel Bimmler: "Das ist eine alte Viktoria-Krankheit: Ab der 70. Minute wird die Luft knapp."

Aber der Verein aus dem Brunnenviertel zwischen Mitte und dem Weddinger Gesundbrunnen schlägt sich wacker, geht sogar mit 1:0 in Führung. Die Gäste aus Neukölln, mit 18 Spielern und Aufstiegsambitionen angereist, wechseln aber munter durch und drehen das Spiel: 56., 64., 79., 80. Minute. Am Ende unterliegt Viktoria Mitte mit 1:4. Überraschend gut gespielt, aber wieder verloren - wie immer.

In der letzten Saison belegte die Viktoria den vorletzten Platz, kassierte in 25 Spielen mehr als 100 Gegentore.

Das Personalproblem bereitet Trainer Christian Rötzer große Sorgen. "Es kommt vor, dass der Trainingsplatz in der Woche voll ist – und am Sonntag zum Spiel sind wir dann wieder keine elf Mann, weil jeder was Besseres vor hat. Andere Trainer können da besser planen."

Ziel: nicht absteigen

Es ist das schwere Los der Hobbykicker, dass so manche Lücke gestopft werden muss. So hat Viktoria Mitte noch immer keinen richtigen Torwart: Die eigentliche Nummer 1, Valentin Donath, macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in Mosambik. Der Trainer würde gerne Routinier Jens Hakenes ins Tor stellen. Der 38-Jährige kann aber zu selten, weil er als zweifacher Familienvater die Kids hüten muss. Also wurde Eigengewächs Dennis Brixel aus dem Mittelfeld ins Tor beordert.

Flexibilität und Kreativität sind die größten Tugenden des Zehntligisten, der zumindest auf einige Größen bauen kann. Wie Johannes Justinger (25), der Posaune spielende Sparkassenangestellte, in der Abwehr, Sportstudent Lars Claußen (28) als Schaltzentrale und "Spiritus Rector" im Mittelfeld oder Rik Fortmann (28), genannt der Baum, weil er knapp 1,90 Meter groß ist. Vom Vereinsboss Elias Bouziane kommt gerne der Nachsatz, dass Fortmann diesen Körper aber nicht einzusetzen weiß und deshalb fast jeden Zweikampf verliert.

Wenig Aussicht auf Erfolg, keine Zuschauer am Kunstrasenplatz in der Stralsunder Straße und doch gehen die Kicker Sonntag für Sonntag ihrer Leidenschaft nach. Bis zum Juni 2017 stehen insgesamt 28 Spiele in der 10. Liga an. Das Saisonziel lautet: nicht absteigen, wenn möglich schönen Fußball spielen und die "dritte Halbzeit" genießen. Die findet bei schönem Wetter vor dem kleinen grünen Holzhäuschen am Platz statt. Dieses bewirtet die treue Seele Bernd Stauch. Er ist Anfang 60, gebürtiger Saarländer. Der Fußball hat ihn irgendwann nach Berlin verschlagen. Jetzt schaltet Bernd das Licht als erster an und als letzter wieder aus und reicht die Kaltgetränke – zehn Sorten hat er im Angebot. Pils geht bei den Spielern immer am besten. Egal, ob sie wieder verloren oder doch mal gewonnen haben.    

Beitrag von Dennis Wiese

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