Archivbild: Elmedin Kikanovic, hier beim Sieg zum Saisonauftakt gegen die Telekom Baskets Bonn, war in Gießen überragender Alba-Spieler (Quelle: imago/Bernd König)

Basketball | Alba Berlin zieht ins Top 16 des Eurocup - Ruhepuls 180

Es sah lange aus wie ein typisches Alba-Spiel dieser Saison: Vernünftig begonnen, die Konzentration verloren, wieder rangekämpft und am Ende enttäuscht. Am Mittwochabend aber zerschmetterten die Berliner ihre Zweifel. Sie gewannen ihr entscheidendes Eurocup-Match in Vilnius - zurück bleibt Schnappatmung. Von Sebastian Schneider

Wenn man einen Ort in Europa aussuchen müsste, an dem man als Basketballer auf keinen - auf gar keinen - Fall zum entscheidenden "Do-or-die"-Spiel antreten muss: er läge in Litauen. Ein bitterkalter Dezemberabend in Vilnius, auf den Baumwipfeln liegt feiner Schnee. Im Norden der Hauptstadt steht ein wuchtiger gelb-grauer Kasten, er hat Ähnlichkeit mit der Arena am Berliner Ostbahnhof.

Hierher sind am Mittwoch 5.650 Menschen gekommen. Sie tragen Pudelmützen und rot-schwarze Schals, sie tröten und schreien. Sie wollen nur eines: Alba verlieren sehen. Gelingt das ihrem Herzensklub Lietuvos Rytas, ist die Europareise der Berliner für diese Saison so gut wie zu Ende.

Handfestes Tohuwabohu

Ruhige Zeiten verlebt eine Profimannschaft während einer Saison nur selten, aber die vergangenen Wochen waren für Alba ein handfestes Tohuwabohu. Mal überzeugt, mal tief enttäuscht, dazu die dritte Nachverpflichtung dieser noch jungen Spielzeit: Carl English ersetzte den überraschend verzichtbaren Dominique Johnson.

Im Eurocup war der Schwung der ersten Spiele schnell verfolgen - um das Saisonziel nächste Runde zu erreichen, brauchten die Berliner in Vilnius deshalb unbedingt einen Sieg. Das hatte dort in den drei Partien davor keiner geschafft.

Denkmalgeschützter Mitteldistanzwurf genügt nicht

Alba eröffnet dieses so wichtige Spiel entschlossen. Der ehemalige Berliner David Logan (16 Punkte) trifft zwar sofort einen Dreier (und guckt dabei immer noch unnachahmlich gleichgültig). Aber Dragan Milosavljevic (19) antwortet mit einem wunderschönen Zug zum Korb und Elmedin Kikanovic trifft seinen denkmalgeschützen Mitteldistanzwurf: Die Beine leicht gespreizt, den Rücken steif, schickt er den Ball im hohen Bogen durchs Netz. Die beiden zeigen gleich, warum sie an solchen Abenden zu mehr zu gebrauchen sind, als irgendwer sonst im Team.

Alba führt noch, aber Vilnius bewegt den Ball jetzt mit seinen kleinen, wuseligen Sprintern ausgezeichnet. Der US-Amerikaner Drew Gordon und die laufenden Schrankwände Arturas Gudaitis und Adam Lapeta (2,17 Meter in der Standardausführung) erledigen das Heben und Wuchten unter dem Korb.

Zeitweise fangen sie vorne so viele Rebounds, dass Vilnius vier Würfe hintereinander bekommt - und ja irgendwann treffen muss: 21:14 für die Gastgeber, Mitte des ersten Viertels.

Hünen, so elegant wie mittelgroße Kunstturner

Die Einheimischen als basketballverrückt zu bezeichnen, wäre übrigens eine schamlose Untertreibung – nirgendwo sonst in Europa hat der Sport einen so hohen Stellenwert. In dem winzigen baltischen Land leben nur 2,9 Millionen Einwohner, aber jedes Jahr bringt es eine Schar exzellenter Basketballer hervor: Menschen, die sich trotz einer Länge von mehr als zwei Metern beinahe so elegant bewegen können, wie ein mittelgroßer Kunstturner.

Die Natur hat das nicht vorgesehen – aber den litauischen Talentsuchern und Trainern entgeht seit Jahrzehnten kein Hüne, der einigermaßen geradeaus laufen kann. Zu Sowjetzeiten stellten die Litauer zeitweise alle Leistungsträger des UdSSR-Teams, die Weltklassespieler Šarūnas Jasikevičius und Šarūnas Marčiulionis schafften es von Vilnius bis in die NBA.

In diesen Höhen schwebt an diesem Mittwochabend keiner der lituaischen Stars bei Rytas: Gegen den größten Rivalen Zalgiris Kaunas, der in der Euroleague antritt, hat der Klub im Kampf um die besten Talente kaum Chancen. Gudaitis und der 24-jährige Zwei-Meter-Schütze Rokas Giedraitis (16) aber können es mit den Berlinern mehr als aufnehmen - sie treffen auch dann, als Alba hektisch wird.

Größtes Problem bleibt die Verteidigung

Bis auf einen Punkt kämpfen sich die Berliner zwischenzeitlich heran, Milosavljevic spielt ohne jede Furcht, Kikanovic macht eh sein Ding - da kann auf den Rängen tröten, wer will. Aber irgendwann kommt den Gäste dann doch wieder ihre Konzentration abhanden. Sie verlieren viel zu oft den Ball, blocken nicht aus, rotieren falsch in der Defense. Zur Pause führt Vilnius mit 54:47 - für Alba an sich ein guter Wert, gerade für ein Auswärtsspiel. Rytas' 54 Punkte aber sind viel zu viel. Sie zeigen, dass die Verteidigung Berlins größtes Problem bleibt.

Nach der Pause geht es ähnlich fix voran: Vilnius trifft wie irre von draußen, auch Logan packt noch weitere einarmige Blitzdreier aus. 60 Prozent ihrer Versuche hauen die Gastgeber von draußen rein. Alba muss alles auf's Parkett schmeißen, um den Kontakt nicht abreißen zu lassen - und das kostet sichtlich Kraft. Mit 72:67 gehen beide in die entscheidenden zehn Minuten.

Der konstante Kikanovic sieht inzwischen ziemlich geschafft aus, er schnauft ganz schön. Aber davon haben sich schon viele täuschen lassen. Der 2,10 Meter große Mann aus Tuzla trifft immer wieder, im Dunstkreis der Zone. Er macht 29 Punkte, Vilnius ist gegen sein Wurfgemälde aus den Achtzigern machtlos. Irgendein Alba-Fan in der rot-schwarzen Menge schreit: "Auf geht's!". Es steht 74:73.

33TonyGaffney (Quelle: Alba/camera4)
Albas Verteidigungskrake Tony Gaffney machte am Ende die entscheidenden Dinge: Er brachte Blocks, Steals, und jede Menge Dampf.

Letzter Einwurf: Drei Sekunden vor Schluss

Im Basketball ist Nachdenken tödlich, alles geht so schnell, dass die entscheidende "Crunch Time" eines Spiels immer eine Reise ins Unbewusste ist. In den letzten Minuten dieser Partie wirkt es, als verdichte sich das Beste der Berliner, je mehr der Druck ansteigt - vielleicht haben sie auch einfach keine Puste mehr zu überlegen.

Kikanovic und Milosavljevic prügeln den Ball durch den Ring, Miller trifft einen Dreier von der Seite. Alba führt plötzlich mit sechs Punkten. Aber das ist das Tückische an diesem Sport: Zwei Minuten sind lang wie eine Stunde. Logan trifft wieder. Allmählich guckt er böse.

Tony Gaffney aber, dieser sehnige Bostoner mit einem Grinsen wie ein Ministrant nach der Sonntagsmesse, er scheint Alba diesen Sieg zu sichern: Zum zweiten Mal in diesem Viertel blockt er seinen viel stärkeren Gegner weg, als der schon zum beidhändigen Dunk ansetzt. Er hat ohnehin lange Arme, aber jetzt wirkt er in der Verteidigung größer, als er ist - und steckt nun in den Köpfen der Anderen. Gaffney ballt die Fäuste, er brüllt Richtung Hallendecke, dort, wo die Ehrentrikots der Rytas-Legenden hängen.

Dann bekommt Vilnius den letzten Einwurf - drei Sekunden vor dem Ende. Alba führt mit winzigen zwei Punkten, die Schiedsrichter pfeifen plötzlich ein Foul. David Logan, der eisigste Schütze der Gastgeber, geht an die Freiwurflinie. Fast 90 Prozent seiner Würfe trifft er von dort. Auf seiner schweissnassen Stirn spiegelt sich das Scheinwerferlicht.

Logan könnte jetzt ausgleichen, aber Logan vergibt. Die Sirene lässt Albas Spieler aufspringen und schreien - sie haben mit 99:97 gewonnen und die nächste Runde erreicht.

Tatort Vilnius

Beitrag von Sebastian Schneider

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Gratulation. Selten einen besseren Spielbericht egal in welcher Sportart gelesen. So macht es Spass.

  2. 2.

    Gratulation - spannendes Spiel und ein spannend geschriebener Bericht.

  3. 1.

    Ein guter Beitrag (besonders der denkmageschütutzte Mitteldistanzwurf, grins) und Glückwunsch an ALBA!

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