Sportpolitik: Pressekonferenz Doping-Opfer-Hilfe zu Bilanz 25 Jahre deutsche Einheit am 18.11.2015 in Berlin. Die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Verein (DOH), Ines Geipel spricht zu den Gästen (Quelle: Rainer Jensen/dpa).

Interview | Ines Geipel von der Doping-Opfer-Hilfe - "Sport kann Muskeln trainieren, aber Moral eben nicht"

Sie war eine Weltklasse-Läuferin - heute ist Ines Geipel als "staatliches Dopingopfer" der DDR anerkannt. Am Dienstag hat die Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe der russischen Whistleblowerin Julia Stepanowa in Berlin einen Preis überreicht. Im Interview spricht Geipel über die Doppelmoral im Leistungssport - und was Athleten dringend bräuchten.

rbb|24: Frau Geipel, was bedeutet Ihnen der Anti-Doping-Preis, den Sie heute verliehen haben?

Ines Geipel: Der Anti-Doping-Preis für die Dopingopfer-Hilfe ist immer die Möglichkeit, auch ein Korrektiv zu sein für den organisierten Sport und damit auch öffentlich zu werden. Man hätte sich ja vorstellen können, dass ein DOSB, ein IOC oder eine IAF Julia Stepanowa öffentlich würdigt. Julia und Witali (Stepanowas Mann, ein Läufer und früherer Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur, d. Red.) leben unter schwierigsten Bedingungen, sie bräuchten wirklich die helfende Hand - und das geschieht nicht. Deswegen denken wir, dass der Preis genau das Richtige für beide ist.

Ihre Mails werden vom russischen Geheimdienst gelesen, sie wird observiert, sie hat Angst, sie hat ein kleines Kind."

Ines Geipel über Julia Stepanowa

Warum verdienen die beiden Ihrer Meinung nach einen solchen Preis?

Julia Stepanowa erhält den Preis als aktive Athletin, die aus einem aktiven Staatsdopingsystem aussteigt. Sie hat damit ihr Leben riskiert und auch als Sportlerin ausgesetzt. Ihre Mails werden vom russischen Geheimdienst gelesen, sie wird observiert, sie hat Angst, sie hat ein kleines Kind. Wir haben diesen Preis zum ersten Mal mit 10.000 Euro dotiert und mit vielen Spendern diese Summe gesammelt. Das ist auch eine Geste.

Wir halten nach wie vor die Situation der Whistleblower im Sport für hochkarätig gefährlich. Im Grunde bleiben sie wie ewige Ortslose. Und da wollen wir jetzt die Hand reichen, damit es an der Stelle ein bisschen leichter wird. Außerdem wollen wir sowohl unsere nationale Antidoping-Agentur NADA, aber eben auch die WADA und auch das IOC auffordern, Hilfsstrukturen für Whistleblower im Sport international aufzubauen. Dafür war diese Preisverleihung ein wichtiger Akzent.

Seit Jahrzehnten wird im Spitzensport gedopt. Warum wird dieses Übel anscheinend nicht konsequent bekämpft?

Den Preis einer Dopinggeschichte zahlen immer die Athleten. Alle anderen, egal, ob Sportfunktionäre, Trainer, Ärzte und auch Medien verdienen daran. Und solange das so ist und es keine verbindliche Ächtung gibt, gerade von Sportfunktionären, Trainern und Ärzten, solange werden wir dieses Karussell nicht aufbrechen.

Dopingopfer schaden sich nicht nur physisch, sondern auch psychisch – eine Hilfe bei Langzeitschäden wäre also angebracht. Wieso passiert da nicht genug?

Sie denken ethisch und logisch, aber so geht es nicht zu im Sport. Der Sport kann wunderbar Muskeln trainieren, aber Moral eben nicht. Und diese kategorische Verweigerung des Schadens, den er ja jeden Tag anrichtet, geht ja von der Annahme aus, dass dieses makabrere Karussell als "never ending story" weiter besteht.

Nur, das Jahr 2016 war ja nun ein Jahr, in dem mehr Desaster nicht hätte sichtbar werden können. Es gibt null Ideen, wie man den organisierten Sport weiter aufstellen soll. Die Diskussion über die Leistungssportreform im Land ist trostlos, weil sie keine Reform ist. Man kann nicht 30 Prozent mehr Medaillen fordern, sozusagen das Leitmotiv DDR aufstellen, und dann gleichzeitig ausrufen: aber bitte alles sauber. Der Sport und die Politik operieren hier mit der Lüge und das können wir als DOH nicht mehr hinnehmen

Aber die Öffentlichkeit kann doch nur zu Stande kommen, wenn Sportfunktionäre, Vereine oder betroffene Sportler sie in Ihrer Arbeit nicht behindern.

Sie kennen bestimmt die Sätze von Thomas Bach oder anderen Sportfunktionären. Da heißt es dann immer, dass es so ein paar schwarze Schafe gibt, so ein, zwei Prozent. Das seien die ewigen Betrüger und die versauen im Grunde den Sport. Die Realität sieht aber genau umgedreht aus: Wir haben ungefähr 60 bis 80 Prozent Betrüger und 20 Prozent saubere Athleten.

Wir sind jetzt noch bei der Evaluierung des DDR-Schadens, Stichwort Staatsdoping, aber es gibt immer mehr Opfer auch nach 89. Gerade diese DDR-Trainer haben ihre Athleten aggressiv gedopt, weil sie ja in das neue Vereinssportsystem hinein wollten. Bei uns in der Beratungsstelle melden sich Athleten bis zum Jahr 2015. Also die Mär, dass nach 89 alle Chemie aus dem Sport verschwunden sei, ist totaler Blödsinn. Daran hängt viel, dass wir in Verbund mit Medien und Öffentlichkeit, hoffentlich bald auch mit mehr Stimmen aus der Gesellschaft heraus, sehr viel deutlicher diese maximale Vergiftungstendenz im Sport angehen - um Jugendliche und tolle Talente zu schützen.

Wie kann man sich ihre Arbeit vorstellen, wieviel haben Sie noch vor sich?

Wir betreuen aktuell mehr als 900 Geschädigte vollständig im Ehrenamt, wir brauchen Hilfe an allen Ecken und Enden, denn es geht jetzt darum, eine professionelle Hilfsstruktur aufzubauen. Es gab keinerlei Aufarbeitung in Sachen Osteuropa und Sport oder in Russland und China. Es braucht ja auch diesen internationalen Blick - der geht nur mit Dokumentation, mit Wissen, mit Erzählungen, Datenbanken aufbauen. Es gibt wirklich Arbeit ohne Ende, schließlich ist das ja 30, 40 Jahre blockiert worden.

Sie haben jahrelang dafür gekämpft, als Dopingopfer anerkannt zu werden. Jetzt helfen Sie anderen und müssen sich immer wieder mit Gegenwehr auseinandersetzen. Was treibt Sie noch an?

Jeder erkämpfte Euro in Sachen Körperschaden in Deutschland bedeutet so etwas wie 1.000 Euro. Bei einem Auto ist eine Versicherung schnell dabei, 15.000 Euro Sachschaden fest zu stellen. Das ist eben bei Körpern was ganz anderes.

Ich orientiere mich an so etwas wie heute, an einer Veranstaltung, die öffentlich wahrgenommen wurde und an den Geschichten, die jeden Tag bei uns in der Beratungsstelle landen. Da fällt sich abwenden sehr schwer. Da bleibt am Ende des Tages gar keine Zeit, sich zu fragen, ob man Lust hat oder nicht.

Wer jetzt fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR immer noch seine eigene Geschichte leugnet und damit lügt, bleibt eben eingebunden in dieses Lügensystem."

Geipel über andere gedopte Ex-Spitzensportler aus der DDR

Was andere Sportgrößen aus der ehemaligen DDR angeht: Was meinen Sie, sollten sich da mehr melden oder sogar outen?

Wer jetzt fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR immer noch seine eigene Geschichte leugnet und damit lügt, bleibt eben eingebunden in dieses Lügensystem. Wir haben natürlich gehofft, dass DDR-Stars wie zum Beispiel Marita Koch, Marlies Göhr oder Kristin Otto die Geschichte und die Aufarbeitung der Opfer unterstützen würden. Aber wenn etwas passiert, dann sind es Diskreditierung oder ziemlich rüde Attacken.

Wir wären viel stärker, wenn die Stars gesagt hätten: Wenn das mit Acht-, Zehn-, Zwölfjährigen passiert ist, erst Steroide und dann Wachstumshormone drauf, dann muss denen heute geholfen werden. Ich glaube, da hätte eine Katarina Witt einiges leisten können, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre.

Das Interview führte Friedrich Rößler

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5 Kommentare

  1. 5.

    In einer Kaffeerunde bei Frau Merkel hat Frau Geipel vor Jahren die Renten für die sog. Staatsdopingopfer der DDR klar gemacht. Nur darum geht es ihr!Dabei lief es im Grunde genau wie im Westen: Siehe die in der ARD vorgestellte Studie von Simon Krivec, nur dass die Anabolika die Trainer/Ärzte und nicht wie im Westen der Athlet besorgt haben. In beiden Fällen von den Krankenkassen bezahlt! Der DDR Sportführung blieb gar nichts anderes übrig als mitzuziehen. Aber Frau Geipel schwingt immer wieder die polit-moralische Keule gegen den DDR-Sport. Die DDR-Sportler haben genau wie im Westen gewusst was sie da schluckten und viele Eltern haben das in den Clubs für ihre Kinder unterstützt.Unbenommen meine Haltung: Trainer, Ärzte und Funktionäre, die Minderjährigen die Mittel untergeschoben haben, gehören bestraft. Der Teufelskreis von Dopingeinnahme und Entwicklung von nicht nachweisbaren Gegenmitteln ist Internat. nicht zu durchbrechen. Deshalb keine Dopingkontrollen mehr.

  2. 4.

    Sehr sehr schwaches Interview... unglaublich und sehr schade ! genau eine (geographische) hälfte des problems wurde eiskalt nicht angeführt. alles, was gesagt wurde, stimmt. aber es ist nicht die wahrheit, es ist eine glatte lüge.
    also doch: russen-bashing (wahrscheinlich eher nachträgliches sowjetunion-bashing), ddr-bashing...
    so wird das problem doping nie und nimmer gelöst !
    nicht nur eine katarina witt hätte einiges leisten können, auch zum beispiel eine annegret richter. birgit dressel kann es nicht mehr leisten.

  3. 3.

    Erstaunlich! Bei manchen "Whistleblowern" freut man sich im Westen (ohne ihre Angaben zu überprüfen oder überprüfen zu können), bei anderen fordert man fast die Todesstrafe (siehe Snowden)! Ist schon krank!
    Es muss halt dem System nützen - oder dem Russlaned-Bashing.

  4. 2.

    Naja....
    Jetzt geht es den meisten doch nur wieder ums kassieren. Jeder in der damaligen DDR wusste vom Doping, jeder Sportler oder jedes Elternpaar von minderjährigen Sportlern.
    Damals haben alle bewusst das Doping ignoriert, weil Spitzensportler privilegiert waren, ins Ausland reisen konnten, Devisen besaßen usw. oder weil sie im Rampenlicht standen und berühmt waren.
    Heute will man nichts gewußt haben und will geglaubt haben, dass die kleinen PIllen damals Vitamine waren?
    Für mich ist das größtenteils Heuchelei und Anbiederei.
    Natürlich habe ich großes Mitleid mit den ehemaligen Sportlern, die heute durch das Staatsdoping unter körperlichen oder phyisischen Schäden zu leiden haben. Kein Mitleid habe ich aber mit denen, die behaupten, nie von Doping auch nur gehört zu haben. Sie hätten aussteigen können, jederzeit. Es hätte Repressalien gegeben, das ist klar. Das wollten viele nicht, ebensowenig wie sie die Privilegien aufgeben wollten.

  5. 1.

    Werte Frau Geipel.
    Ein Lesenswertes Interview mit klugen Fragen und schon hundert mal gegebenen Antworten.Das mag nicht ihre Schuld sein,weil sie halt einen ziemlich einsamen Kampf führen.Windmühlenartig.
    Allerdings Sie sind leider genau so befangen wie ihre "Gegner"
    Denn ihre Forderung nach Aufarbeitung in Rußland,dem Osten überhaupt oder China,läßt das größte und erfolgreichste Dopingland der Welt ,die USA total außen vor.
    Auch Briten Franzosen und wer weiß noch ,kommen bei ihnen nicht vor und ihre vorgefaßte Meinung.es gehe ihnen nur um Staatsdopping,die halte ich für menschenverachtend.
    Denn dann müßten sie endlich sagen ,worum es ihnen eigentlich geht und wann sie endlich selbst den Kampf um Dopping aufnehmen.lassen Sie doch Ideologie und Politik hinter sich und beginnen sie aufrichtig den Kampf bei sich selbst.
    Paul Horn

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