Blick auf den Trainingsplatz von Viktoria Berlin (Quelle: rbb/Stephanie Baczyk)

Fußball | Integrationshürde Spielerpass - "Lasst die Kinder einfach spielen!"

Er ist so groß wie eine Karteikarte – wahlweise blass-gelb oder grün: Der Spielerpass beim Fußball. Ohne ihn dürfen Kinder und Jugendliche nicht im Ligabetrieb eingesetzt werden. Gleiches gilt für minderjährige Flüchtlinge. Nur die warten teils Monate auf den Pass. Von Stephanie Baczyk

Es ist kalt an diesem Abend in Berlin Lichterfelde. Der Wind pfeift durch die Tornetze auf dem Kunstrasenplatz am Ostpreußendamm. Es nieselt. Olaf Orywall vom Fußball-Klub Viktoria Berlin zieht den Reißverschluss seiner dunkelblauen Sportjacke zu. Hauptsache dick einpacken. Noch eine halbe Stunde, dann geht das Training los. Orywall betreut hier in Lichterfelde eine Jugendmannschaft, die 5. C des FC Viktoria.

Spielerpass-Mappe (Quelle: rbb/Stephanie Baczyk)
Wer keinen Spielerpass hat, darf an keinen Punktspielen teilnehmen

Das lange Warten auf den Spielerpass

Der Mann mit der blauen Mütze lacht viel – er macht das, was er gerne macht. Nur bei einem Thema wird Orywall ernst: Wenn es um die fehlenden Spielerpässe für die Flüchtlingskinder in seiner Mannschaft geht. Die dürfen aktuell zwar beim Training mitmachen – aber nicht an Punktspielen teilnehmen. Für Orywall ein Unding. "Ich habe vier Anträge laufen – seit Mitte November", sagt er und schüttelt den Kopf. "Bei einem deutschen Jungen gebe ich die Geburtsurkunde und den alten Spielerpass ab – und zwei Wochen später habe ich den neuen Spielerpass."

Das Problem: Bei Minderjährigen, die im Ausland Fußball spielen wollen, gelten strengere Regeln von Seiten des Weltverbands FIFA. Die Erziehungsberechtigten müssen einen Berg an Unterlagen rankarren – und beispielsweise nachweisen, dass ihre Kinder mit dem Fußballspielen kein Geld verdienen. Eltern müssen belegen, dass sie wirtschaftlich abgesichert sind. Es geht um Kinderschutz, erklärt Ilona Mittelstädt vom Berliner Fußball-Verband auf Nachfrage. "Es gibt EU-Staaten, in denen es vorgekommen ist, dass Kinder – beispielweise aus Ghana – mit Versprechungen gelockt wurden und zum Schluss auf der Straße gelandet sind.  Dem wollen wir vorbeugen", sagt sie.

Keine Geburtsurkunde – keine Chance

So weit, so verständlich. Aber ein ausländisches Kind muss auf dem Weg zum eigenen Spielerpass noch ganz andere Hürden bewältigen. Im Fall der Flüchtlingskinder aus dem Irak, aus Syrien oder Afghanistan scheitert ein schnelles Zusammentragen und Ausfüllen der Unterlagen auch an den mangelnden Deutsch-Kenntnissen der Eltern. Sie sind auf die Ehrenamtlichen aus den Vereinen angewiesen, die dabei helfen, die jeweiligen Formulare und Unterschriften zusammen zu suchen.

Die hatten keine Lust mehr, weil sie immer wieder nur verströstet worden sind und haben dann gesagt, sie wollen nicht mehr.

Werner Maas, Trainer beim FC Stern 1900 (Steglitz)

Dass die Beantragung des Spielerpasses zu einer echten Herausforderung werden kann, weiß auch Werner Maas. Er ist Trainer beim Steglitzer FC Stern 1900, coacht dort die 2. B-Jugend. "Ist keine Geburtsurkunde da, geht gar nichts – auch im Amateurbereich nicht", ärgert sich Maas, auch wenn er weiß: "Da kommt man nicht drum rum. Das sind Jugendliche und da braucht es nun mal den Nachweis, in welcher Altersklasse die spielen dürfen." Die Krux an der Sache: Viele haben keine Geburtsurkunde bei sich, weil sie Hals über Kopf ihr Zuhause verlassen mussten. Und das bedeutet: Weiter warten.

"Schade um die Kinder!"

Training ja - Punktspiele nein. Maas hat erlebt, wie die anfängliche Euphorie der Jugendlichen nach und nach in Frustration umgeschlagen ist - drei Jungs haben sein Team freiwillig verlassen. "Die hatten keine Lust mehr, weil sie immer wieder nur verströstet worden sind und haben dann gesagt, sie wollen nicht mehr. Das ist schade um solche Kinder", berichtet der 57-Jährige. "Die wollen, aber dürfen nicht." Allerdings: Maas hat auch positive Erfahrungen gemacht. Mittlerweile, sagt er, habe sich die Wartezeit für die Nachwuchskicker deutlich verringert.

Nach wie vor kompliziert ist es, wenn die Kinder ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind - als unbegleitete Flüchtlinge. Dann ist der Vormund entweder eine Senatsstelle oder das Jugendamt. Und dann kann es auch mal Wochen und Monate dauern, bis eine fehlende Unterschrift für den Spielerpass vorliegt. "Es wäre ein großer Fortschritt, wenn es dort mehr Stellen gäbe", sagt Karlos El-Khatib vom Berliner Fußball-Verband, "um schneller zu prüfen, ob die Kinder in die Fußballvereine können. Gerade weil es für die Integration extrem wichtig ist."

Brief an den Heimatverband – im Kriegsgebiet

Ein Aspekt, der für Trainer und Nachwuchsspieler gleichermaßen schwer zu begreifen ist: Sobald das Kind das 10. Lebensjahr erreicht hat, muss der Heimatverband kontaktiert werden. Um zu klären, ob es einen bestehenden Vertrag gibt.  "Problem hierbei ist natürlich, dass wir keine Antwort bekommen aus sehr vielen Ländern – gerade aus den Ländern, in denen Krieg herrscht", erklärt El-Khatib. "Wir müssen 30 Tage abwarten, erst dann wird eine vorläufige Spielerlaubnis erteilt." Dazu kommt: Will das Kind bei einem Verein kicken, dessen erste Mannschaft im Profigeschäft - sprich in der ersten bis vierten Liga - zu finden ist, schaltet sich die FIFA ein und prüft höchstpersönlich. Heißt: Noch länger warten.

Es gefällt mir wirklich gut, hier zu spielen mit den anderen Jungs, aber ich möchte auch in der Liga spielen. Weil ich auch ein bisschen gut bin.

Ayas aus Afghanistan

Dass die vorherrschenden Regeln eine schnelle Integration erschweren, ist in den Augen des Deutschen Fußball-Bundes Quatsch. "Die Integration der jungen Flüchtlinge sieht erstmal so aus: Sie kommen an und brauchen Abwechslung von ihrem Alltag. Sie können nichts tun. Da geht es erstmal um eine sinnvolle Beschäftigung und da kann der Fußball helfen", sagt DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg. Er betont, es sei wichtig zu wissen, "dass diese Spieler nicht noch in irgendeiner Weise gebunden sind durch eine gültige Spielerlaubnis."

"Ich möchte auch in der Liga spielen!"

Zurück auf dem Kunstrasenplatz am Ostpreußendamm in Lichterfelde. Das Training läuft. Unter den Jungs ist auch der 12-jährige Ayas aus Afghanistan. Er wohnt im Flüchtlingsheim nebenan. "Ich bin seit einem Jahr und drei Monaten hier. Ich bin hierhergekommen, weil es in unserem Land Krieg gibt", erklärt er mit kindlicher Sorgfältigkeit, dann aber huscht ein Lächeln über sein Gesicht: "Es gefällt mir wirklich gut, hier zu spielen mit den anderen Jungs, aber ich möchte auch in der Liga spielen. Weil ich auch ein bisschen gut bin."

Auch Olaf Orywall sieht natürlich, dass seine Schützlinge durch das regelmäßige Fußballtraining aufblühen - Kontakte zu anderen Jugendlichen knüpfen und neue Freunde finden. Er hofft, dass sie bald ihren Spielerpass in den Händen halten, "denn in drei, vier Monaten, wenn der Pass da ist, dann ziehen die aus in eine andere Wohnung und wer weiß, vielleicht ans andere Ende der Stadt und dann geht das alles wieder von vorne los."

Beitrag von Stephanie Baczyk

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Wer miteinander spielt, führt keinen Krieg gegeneinander.

  2. 8.

    "Blöde FIFA-Regeln. Lassen die Kinder nicht spielen ! ... Evtl. hilft ja die Bakschisch-Methode ?!".

    Äh. Ja. Ihnen auch besten Dank für Ihren Beitrag.

  3. 7.

    Ich zitiere Sie : "Also bin ich dafür, diese Spielerpässe den Kindern unkompliziert zu ermöglichen,
    was spricht denn dagegen?".
    Ich freue mich darüber, dass Sie ebenso wie ich für den regelgerechten Spielerpass-Erwerb sind.

  4. 6.

    Ja und wer behauptet denn was Anderes? Dass man für ein Punktspiel einen Spielerpass braucht ist doch eine Binse! Also bin ich dafür, diese Spielerpässe den Kindern unkompliziert zu ermöglichen, was spricht denn dagegen? Sie brauchen keine Angst haben, die wilden muslimischen Horden werden beim Anpfiff schon nicht widerrechtlich auf den Mittelkreis rennen und den Ball kapern.

  5. 5.

    Oben im Artikel: " ... Training ja - Punktspiele nein. ...".
    Teil Ihres Statement: " ... wenn sie sich einfach nur im Verein betätigen wollen. ...".
    Mein Eindruck:
    Die Kinder / Jugendlichen wollen offensichtlich .. mehr .. als nur "im Verein spielen".
    Meine Meinung:
    Das sollen sie auch, aber nach .. hier .. geltenden Regeln, und nicht nach "Lust und Wellenschlag".

  6. 4.

    Ihre rassistischen Andeutungen à la Bakschisch können Sie sich sparen. Es geht einfach nur um Kinder, die Fußball spielen wollen. Mich interessiert null, wo diese jungen Kicker herkommen, wenn sie sich einfach nur im Verein betätigen wollen. Was stört Sie das? Oder wollten Sie nur mal wieder ein bisschen gegen Ausländer motzen? Was für ein armseliges Dasein müssen Sie haben.

  7. 3.

    Ich kann durchaus verstehen, dass Sie meinen, für mitteleuropäische Breiten noch ungewöhnlichen
    Vorschlag, wie von Ihnen beschrieben, ablehnend bewerten. Damit geben Sie mir zu erkennen, dass
    Sie ein Vorgehen gemäß FIFA-Regeln zwar als beschwerlich, jedoch als richtig empfinden.

  8. 1.

    Blöde FIFA-Regeln. Lassen die Kinder nicht spielen ! ... Evtl. hilft ja die Bakschisch-Methode ?!

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