Berlin freut sich über Sporterfolge -
"Nie mehr zweite Liga"
Hertha BSC kehrt zurück in die Bundesliga, die Eisbären und die BR Volleys sind meisterhaft und auch der Amateursport vermeldet Rekordzahlen: Berlin ist im Sport zurzeit endlich mal eine echte Metropole.
"Nie mehr, nie mehr, zweite Liga, nie mehr, nie mehr, nie mehr!". Mit diesem Gesang wollen die Fans am Sonntag im Olympiastadion die Rückkehr von Hertha BSC in die Bundesliga feiern. Über 70.000 Zuschauer werden erwartet zum letzten Saisonspiel in der 2. Liga, zu Gast sind dann die Kicker des FC Energie Cottbus.
Ab August dürften zu den Heimspielen der Berliner auch wieder viele Zuschauer aus Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg anreisen. Schließlich ist Hertha BSC der einzige Fußball-Erstligist in der Region. Wer in Ostdeutschland Dortmund, Bayern oder Schalke gern mal live im Stadion erleben möchte, kann das ab August auch wieder im Berliner Olympiastadion.
Aufstiegstrainer der "Alten Dame": Jos Luhukay.
Hertha geht in die Mitte der Metropole
Zum Aufstieg tut Hertha auch etwas fürs Image. Der Club, dem in den Augen vieler noch immer der Charme alter Westberliner Betulichkeit anhaftet, feiert seine Aufstiegsparty im Postbahnhof, im szenigen Friedrichshain, in der Mitte Berlins.
Jetzt muss Hertha in der kommenden Saison nur noch die Klasse halten. Trainer Jos Luhukay scheint der richtige Mann für diese Mission. Der Holländer genießt wegen seiner unnachgiebigen und zugleich unspektakulären Art große Anerkennung bei Experten und Fans.
Mai 2012: Hertha wird zur Fahrstuhl-Mannschaft. Nach 2010 muss Hertha erneut in die Zweite Liga. Nach zwei Relegationsspielen und dem Skandal-Rückspiel gegen Düsseldorf steigen die Berliner ab. Hertha geht juristisch dagegen vor - und unterliegt. Noch während der Verhandlungen...
...verpflichtet Hertha den Niederländer Jos Luhukay als neuen Trainer. In der Abstiegssaison hatte insgesamt vier Trainer verschlissen.
Der Reihe nach waren dies: Markus Babbel (Entlassung vor der Winterpause), Michael Skibbe (entlassen nach vier Niederlagen in der Liga und einer Pleite im Pokal), Interims-Trainer René Tretschok und Otto Rehhagel.
Luhukay und Hertha-Manager Michael Preetz holen vor der Saison 2012/13 prominente Spieler an die Spree - Sami Allagui (links) kommt vom FSV Mainz 05 und Sandro Wagner vom SV Werder Bemen. Raffael, Patrick Ebert und andere verlassen den Verein.
Die Saison startet alles andere als vielversprechend: 2:2 gegen Paderborn, 1:3 gegen den FSV Frankfurt. Vor allem die Pleite in der ersten Pokalrunde gegen Wormatia Worms (Regionalliga Südwest) gibt wenig Anlass zur Hoffnung.
Erst ein mühsames 2:1 gegen Regensburg leitet die Wende ein; der Derby-Sieg gegen Union Berlin am 4. Spieltag (2:1) bringt dann den endgültigen Stimmungsumschwung.
Eine lange Serie ohne Niederlagen und mit Siegen gegen Aalen, 1860 München und Bochum führt die Herthaner am 9. Spieltag auf einen Aufstiegsplatz. Den geben sie bis zum Ende der Saison auch nicht mehr her.
Aufsteiger Eintracht Braunschweig wird zum dauerhaften Aufstiegskonkurrenten. Am 11. Spieltag kommt es zum Aufeinandertreffen. Ein frühes Tor von Kruppke (25.) kann Ramos nach Berliner Sturmlauf in der 75. Minuten zum 1:1-Endstand ausgleichen.
Zum Ende der Hinrunde muss Hertha bei Energie Cottbus ran. Lange Zeit sieht es nach einem eher müden 1:1 aus, doch dann trifft Ronny aus dem Nichts zum 2:1. Hertha bleibt zum 15. Mal in Folge unbesiegt und baut den Vorsprung auf Platz drei auf vier Punkte aus.
Die Winterpause verbringt Hertha auf Platz zwei, zwei Punkte hinter Braunschweig und schon beruhigende zehn Zähler vor Kaiserslautern. Ronny glänzt mit neun Toren und sieben Vorlagen.
Die Rückrunde beginnt furios: In den ersten 45 Minuten gegen Ingolstadt passiert nichts, dann dreht Hertha auf und gewinnt 5:1. Danach: Derby-Zeit. Union führt mit 2:0, doch Ramos (per Kopf) und ein faszinierender Freistoß von Ronny (86.) retten Hertha einen Punkt im eiskalten Olympiastadion.
23. Spieltag, Montagabend, Topspiel gegen Kaiserslautern zuhause. Kaiserslautern spielt ab der 33. Minute nur noch mit zehn Mann, Hertha tut sich schwer. In der 68. Minute ballert Peer Kluge Hertha zum 1:0-Sieg, die Berliner sind neuer Tabellenführer. Auch die Niederlage eine Woche später gegen Dresden ändert daran nichts.
Hollywood pur am 8. April: Hertha muss gegen Verfolger Braunschweig ran, wieder ein Montag, wieder daheim. Der eigentlich schon gewechselte Ronny unterschreibt einen neuen Vertrag, so steht es auf der Anzeigetafel. Die Fans jubeln, Ronny trifft doppelt, der Aufstieg ist nahezu perfekt.
Der 29. Spieltag hätte es schon bringen können, aber die Herthaner vertagen den Aufstieg und gehen gegen Ingolstadt in Energiesparmodus: Am Ende heißt es 1:1 in Ingolstadt. Aber zuhause gewinnen ist ja auch viel schöner.
52.135 Zuschauer pilgern am 21. April 2013 ins Berliner Olympiastadion, weil sie miterleben wollten, wie Hertha BSC zum sechsten Mal in die Bundesliga aufsteigt.
Doch lange Zeit tut sich im Olympiastadion herzlich wenig, und selbst Herthas Brasilianer Ronny findet kein Mittel gegen die sicher stehende Sandhausener Abwehr.
Erst fünf Minuten vor Schluss gelingt Pierre-Michel Lasogga der alles entscheidende Treffer zum 1:0. Als ein Ramos-Kopfball von der Latte zurückspringt, steht Lasogga goldrichtig und schiebt den Ball mit dem linken Fuß über die Linie.
Endlich geschafft: Torschütze Pierre-Michel Lasogga (Mitte) und Änis Ben-Hatira feiern mit den Fans. Das 1:0 gegen den SV Sandhausen bedeutet den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga.
Am 34. Spieltag gegen Cottbus rettet Brooks kurz vor Schluss die Meisterfeier und den Punkterekord. Danach...
...gab es dann die Meisterschale der 2. Liga. Hertha ist wieder erstklassig.
Die Gesichter des Jahres: Ronny und Trainer Luhukay mit der Meisterschale und in Bier getränkt.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit nennt die Empfangshalle im Roten Rathaus schon "Hall of Fame".
Gute Nachwuchsarbeit
Es war ein insgesamt großartiges Frühjahr für die Berliner Proficlubs. Im Eishockey konnten sich die Eisbären ihren siebten Meistertitel innerhalb der letzten neun Jahre sichern. Dass die Puckjäger die Szene in Deutschland so dominieren, liegt unter anderem an der guten Nachwuchsarbeit, die in Hohenschönhausen geleistet wird.
In altersgerechten Gruppen und Mannschaften werden dort derzeit über 200 Nachwuchsspieler der verschiedenen Altersklassen trainiert und betreut. Um Erfolgsrezept der Eisbären-Nachwuchsarbeit gehört auch, dass das Training auf dem Club-Gelände und der Unterricht an der benachbarten Sport-Eliteschule genauestens aufeinander abgestimmt.
Ein Überblick über die Sportmetropole Berlin bietet die offizielle Seite des Senats.
Was den Eisbären im deutschen Eishockey gelungen ist, haben die BR Volleys wohlmöglich noch vor sich. Auch die Volleyballer können auf Dauer die Nummer eins zu werden. Anfang Mai holten sich die Berliner ihre zweite deutsche Meisterschaft in Folge. Vor zwei Jahren noch spielten die Volleyballer vor einigen Hundert Zuschauern in Charlottenburg, in einem Zweckbau aus den sechziger Jahren.
Inzwischen sind die Volleys im Prenzlauer Berg zu Hause, in der Max-Schmeling-Halle. Ihre Heimspiele sind zu regelrechten After-Work-Partys geworden, mit DJ und künstlichem Nebel. "Wir wollten Volleyball aus der verstaubten Schulturnhalle holen", erklärt BR-Manager Kaweh Niroomand. Nicht nur Meister-Macher Niroomand, der im Hauptberuf Chef einer großen Softwarefirma ist, hat Sport in Berlin inzwischen auch als Wirtschaftszweig entdeckt.
Jubel über die Meisterschaft bei den Berlin Volleys.
Im Internet gibt es das gemeinsame Super-Ticket
Schon vor Jahren hatten sich die sechs großen Berliner Profivereine zu einem gemeinsamen Vermarktungsportal im Internet zusammengetan. Unter www.berlin-sportmetropole.de bieten Hertha, Union, BR Volleys, Eisbären, Füchse und ALBA zum Beispiel ein Super-Ticket an. Zu besonders günstigen Konditionen kann der Fan hier gleich mehrere Sportveranstaltungen besuchen.
Sport in Berlin ist inzwischen ein Wirtschaftsfaktor, mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro. Das ergab kürzlich eine Studie der Industrie – und Handelskammer (IHK) und des Landessportbundes (LSB). Der Sport, ist dort nachzulesen, sichere 18.000 Arbeitsplätze in der Stadt, dazu zählten Jobs in Fitnesscentern, privaten Sportschulen, bei Sicherheitsfirmen und in Dienstleistungsunternehmen.
Fällt die Wahl der UEFA beim Thema Champions League-Finale auf Berlin?
Champions League-Finale 2015 soll nach Berlin
Nicht zuletzt aufgrund ihrer hervorragenden Wettkampfstätten ist die Hauptstadt auch immer wieder Bühne für sportliche Highlights von internationalem Renommee, wie ISTAF, Sechstagerennen oder DFB-Pokalendspiel. Auch das Champions League-Finale 2015 und die Leichathletik-Europameisterschaft 2018 würde Berlin gern ausrichten.
Der Titel Sport-Metropole gebührt Berlin nicht nur wegen der Erfolge der Profis und Hochleistungssportler. Auch der Breitensport boomt. In rund 2.500 Sportvereinen treiben inzwischen fast 600.000 Berlinerinnen und Berliner regelmäßig Sport. Das ist neuer Rekord. Wobei es deutliche Geschlechter-Unterschiede gibt, was die ausgeübten Sportarten angeht. Bei Frauen und Mädchen ist Turnen die klare Nummer eins. Jede dritte Sportlerin in Berlin ist eine Turnerin.
Populärste Männer-Sportart ist - sicher wenig überraschend – der Fußball. Weit über 100.000 Jungen und Männer spielen in Berlin Fußball im Verein. Nicht nur deshalb wird es wohl vor allem ein Männerchor sein, der am Sonntag singen wird: „Nie mehr, nie mehr, zweite Liga, nie mehr, nie mehr, nie mehr!“
Hertha steigt auch dank der Freistoßkünste von Spielmacher Ronny in die Fußball-Bundesliga auf. Nun steht fest: Er bleibt bis 2017. Dabei galt er lange nur als Anhängsel seines erfolgreichen Bruders Raffael.