Ulrike Bieritz im Gespräch mit Egon Bahr (Bild: rbb)
Audio: Inforadio | 27.01.2016 | Vis à vis

Interview | Eduard Geyer gratuliert Energie zum 50. - "Ich denke, die ganze Republik war richtig stolz auf Cottbus"

Eduard Geyer ist untrennbar mit der erfolgreichsten Epoche des FC Energie Cottbus verbunden. Der 71-Jährige lebt inzwischen in Dresden, aber noch immer zieht es ihn in die Lausitz. Den Spitznamen "Ede Gnadenlos" will er nicht kommentieren, gewinnen will er aber immer noch.

rbb: Herr Geyer, wie geht es Ihnen, wenn Sie aus Ihrem Dresdner Zuhause jetzt nach Cottbus kommen?

Die Strecke bin ich genügend gefahren und wenn ich Richtung Cottbus fahre, habe ich eigentlich immer ein gutes Gefühl. Ich komme gerne hierher, ich treffe hier viele Menschen, die mir wohlgesinnt sind. Und ich versuche zweimal in der Saison zu den Spielen von Energie zu gehen. Und wenn ich hierher komme, weil ich ja auch lange Zeit hier allein gelebt habe, da kenne ich natürlich auch die Restaurants - meinen Italiener sozusagen.

Cottbus war zehn Jahre lang Ihre zweite Heimat. Das ist immerhin ein Fünftel der Geschichte von Energie. Wie sehr ist dieser runde Geburtstag auch Ihr Jubiläum?

Man darf natürlich die Anfänge nicht vergessen, wie das gekommen ist. Mit der Umsiedlung von Aktivist Brieske-Senftenberg 1963 nach Cottbus wurde die Energie-Mannschaft erstmal ins Leben gerufen. Dann war Energie jahrelang eine Fußballmannschaft, die ständig so hoch und runter fuhr. Also so ein bisschen eine Abstiegsmannschaft war, die so akzeptiert war. Aber später nach der Wende, wo vieles drunter und drüber ging und viele sich neu orientieren mussten, haben wir viel Gutes getan - und den Menschen, denke ich, auch Selbstwertgefühl gegeben, Selbstvertrauen. Wenn ich mir die Bilder jetzt angucke, wie die Menschen sich euphorisch ausgedrückt haben nach den Spielen gegen Karlsruhe oder Hannover, dann war das natürlich auch ein Stück Befriedigung für uns alle, die den Fußball hier groß gemacht haben.

Sie führten die Mannschaft von der Regionalliga bis in die Bundesliga, erreichten 1997 das DFB-Pokalfinale. Fans wollten Ihnen sogar ein Denkmal setzen oder eine Straße nach Ihnen benennen. Fühlen Sie sich heute eigentlich noch genügend anerkannt in Cottbus?

Das reicht mir schon. Natürlich: Als Ehrenbürger von Cottbus hat man - glaube ich - die Möglichkeit frei mit der Straßenbahn zu fahren. Aber ich habe damals gesagt: Statt eine Skulptur zu schnitzen, sollen sie es lieber dem Nachwuchs geben. Ich weiß, dass es eine Holzskulptur gab, aber ich weiß nicht mehr, wo die gelandet ist.

Cottbus ist keine Metropole, noch dazu mit einem recht dünn besiedelten Umfeld nahe der polnischen Grenze. Ist Ihnen bewusst, dass Sie maßgeblich mit den Erfolgen von Energie den Namen der Stadt deutschlandweit bekannt gemacht haben?

Das war, denke ich, uns allen bekannt. Viele haben in der Kohle gearbeitet, wurden arbeitslos und haben dann gesehen, dass man mit Arbeit, Engagement und Leidenschaft auch ein paar Dinge bewegen kann. In der ersten Zeit fiel es vor allen Dingen den Auswärtigen schwer zu erkennen, dass Cottbus nicht direkt in Polen ist und - mit sorbischen Straßenschildern - eine eigenständige Stadt ist. Es wurde ab und zu auch mal  mit Chemnitz verwechselt. Das war natürlich für uns in der Zeit, wo wir erfolgreich mit Fußball waren, auch ein bisschen eine Beleidigung. Wir hatten es wirklich sehr, sehr schwer, Spieler von Köln oder Bremen nach Cottbus zu holen. Jetzt hat Cottbus zumindest im Fußball einen Namen. Man weiß, wo das ist und hat natürlich damit auch eine bessere Chance, Fußballspieler hierher zu holen.

Wie ist das Phänomen zu erklären, dass Energie Cottbus nach der Wende der mit Abstand erfolgreichste ostdeutsche Verein wurde und nicht die großen Traditionsvereine wie Dynamo Dresden, Carl Zeiss Jena, Magdeburg oder Lok Leipzig?

Wenn man von der Größe ausgeht und von der Historie von Cottbus als Fußballmannschaft, dann war das natürlich ein phänomenaler Verdienst von denen, die die Mannschaft und den Verein geführt haben. Aber grundsätzlich, denke ich, haben die anderen Vereine einfach mehr Fehler gemacht als wir. Wir hatten ja auch bestimmt nie mehr Mittel, wir waren sogar vielleicht - was die finanziellen Möglichkeiten anging - schlechter besattelt. Aber wir haben gekämpft und hart gearbeitet, das muss man anerkennen. Aus dem Grund hatten wir vielleicht auch das Quäntchen Glück, erfolgreichen Fußball zu spielen.

Das Wunder nahm seinen Lauf, als Sie mit Energie als damaliger Drittligist am 15. April 1997 im DFB-Pokalhalbfinale Bundesligist Karlsruhe in einem denkwürdigen Match mit 3:0 niederrangen und sensationell ins Pokalfinale einzogen. Eine Sternstunde?

Ja, das war ein einmaliges Spiel, das man nicht vergessen kann. Der Tag fängt an mit blauem Himmel, mit Sonne, etwas frisch, aber sehr angenehm und dann fängt das plötzlich an zu schneien. Dadurch war das nur noch ein Kampfspiel und da gehörte Leidenschaft, Biss und der Wille zu bestehen dazu. Durch den Aufstieg mit Hannover, durch die zwei Relegationsspiele hatten wir ja schon etwas Großes für unsere Region und unseren Verein geschafft.

Nach drei weiteren Jahren ging es dann zur Jahrtausendwende sogar in die erste Bundesliga. Wohl kaum einer hatte Ihnen damals den Klassenerhalt zugetraut, aber es dauerte drei Spielzeiten, bis Energie Cottbus wieder runter musste. War das nicht auch so ein bisschen Genugtuung für Sie?

Was heißt Genugtuung? Man arbeitet ja als Trainer, um Erfolg zu haben, um eine Mannschaft voranzubringen, Spieler zu entwickeln und den Verein zu repräsentieren. Ich bin der Meinung, dass dort, wo man Trainer ist, man auch Spuren hinterlassen muss. Und Spuren sind in erster Linie Erfolge. Natürlich war das was Großes für uns und für die Region. Wir waren natürlich auch eine ganze Zeit das Aushängeschild für den Osten Deutschlands und das hat uns schon stolz gemacht.

Wie haben Sie das empfunden, als es dann nach der zweiten Zweitligasaison hieß, dass ein anderer für Eduard Geyer kommt?

In dem Moment war das natürlich nicht so angenehm. Ich habe immer gedacht, wir sind so stark als Verein, dass wir oder der Trainer selbst entscheidet, wann er geht. Es gab damals keine Veranlassung zu sagen, dass wir einen Schlussstrich ziehen. Ich habe das schon ein paar Mal wiederholt. Es ist inzwischen so viele Jahre her, dass ich darüber jetzt schmunzeln kann.

"Die hab'n doch 'n Ritzel an der Dattel"

Aber die Sternstunden bleiben in Erinnerung und dazu gehört auch der 1:0-Sieg gegen Bayern München.

Wenn man Spiele angeht, egal wie der Gegner heißt, muss man auch immer versuchen, Spiele zu gewinnen oder zumindest den Gedanken haben. Die Mannschaft hat sich dort topfit präsentiert, die Zuschauer waren heiß, dazu kam wirklich, dass Bayern uns unterschätzt hat und ich denke, an diesem Tag haben die Bayern sich auch ein bisschen in die Hose geschissen. Sie hatten Angst, weil wir die Zweikämpfe bissig angegangen sind, wir haben mehr mit dem Schiedsrichter diskutiert als alles andere und am Ende haben wir 1:0 gewonnen. Ich denke, die ganze Republik war richtig stolz auf Cottbus.

Sie sind ein Typ, der sowieso immer gewinnen will. Haben Sie deshalb den Namen "Ede Gnadenlos" bekommen?

Das weiß ich nicht. Ich bin konsequent und versuche Erfolg zu haben. Alles andere haben die Medien reingebracht. Die will ich auch nicht kommentieren. Aber grundsätzlich geht es mir darum - auch wenn ich mit meinen Kindern Schach oder Halma spiele - zu gewinnen. Aber ich muss natürlich auch ab und zu mal ein bisschen nachlassen, ab einem bestimmten Alter sind die dann so pfiffig, dass sie auch mal gewinnen müssen und wollen.

Sie haben einmal Schlagzeilen gemacht als Sie mit einer Mannschaft aufliefen, die nur aus Ausländern bestand, 11 Ausländer. Und dann haben Sie noch hinterher bemerkt, dass die zwei, die Sie hinterher noch eingewechselt hatten, auch Ausländer waren.

Wir waren damals schon einen Schritt weiter als die Menschen, die heute darüber reden. Das hat sich mit der Zeit ja alles relativiert. Bayern München hat auch schon mit neun Ausländern gespielt. Nehmen Sie mal die ganzen Ausländer von Bayern weg, dann spielen die zweite Liga.

Sie sind jetzt 71 und im Ruhestand. Wenn noch einmal ein Angebot käme, würden Sie sagen 'Mache ich!'?

Ich bereue gar nichts. Ich bin eigentlich froh und glücklich, dass es so gekommen ist. Ich habe eine intakte Familie, ich habe zwei erwachsene Söhne, im Sommer kommt der vierte Enkel. Unsere Familie funktioniert und wir sind gesund. Toi, toi, toi! Ich habe ein paar Spuren hinterlassen und bin mit den Sachen zufrieden, so wie es gelaufen ist.

Was sagen Sie denn dazu, wenn Sie auf die Tabelle der dritten Liga gucken und Ihren ehemaligen Verein in Abstiegsnöten sehen?

Es gab ja eine Zeit, wo es ganz schlecht stand. Jetzt hoffe ich natürlich - sie haben ja jetzt zehn oder elf Spiele nicht verloren -, dass sie zumindest ins gesicherte Mittelfeld kommen. Grundsätzlich verfolge ich den Ostfußball sehr intensiv und wünsche natürlich auch den Ostvereinen Erfolg, dass sie zumindest nicht absteigen. Und wenn sie gegeneinander spielen, dann ist die Sympathie mal auf der einen, mal auf der anderen Seite.

Sie waren zehn Jahre bei Energie. Danach gab es zehn Jahre, in denen neun Trainer zum Zuge kamen. Der augenblickliche heißt Vasile Miriuta. Das war ja damals Ihr Schützling. Was sagen Sie über ihn und was trauen Sie ihm zu?

Ich hab damals auch nicht gedacht, dass er bei uns in Cottbus Trainer wird. Aber wie das so ist, die Zeit ist schnelllebig und er war ja auch ein sehr guter Fußballer. Die Ergebnisse haben erst einmal gezeigt, dass er auf einem guten Weg ist. Und jetzt gehört eigentlich die ganze Unterstützung Miriuta und dem Verein.

Herr Geyer, Sie werden zur großen Geburtstagsfeier nach Cottbus kommen. Was wünschen Sie dem Verein?

Dem Verein wünsche ich nur Erfolg, dass sie genügend finanzielle Mittel haben, um ihren Alltag zu bestehen und ich könnte durchaus schon ein paar Tipps mit abgeben (lacht).

Das Gespräche mit Eduard Geyer führte Stefan Frase. Diese Fragen und Antworten sind Auszüge aus einem ausführlichem Inforadio-Gespräch, das sie oben im Beitrag im Audio hören können. 

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