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Jahrzehntelang waren Fernbuslinien in der Bundesrepublik verboten – mit einer einzigen Ausnahme: Berlin. Der staatlichen Deutschen Bahn sollte so keine unnötige Konkurrenz erwachsen. Doch mit dem Wegfall der alten Regelung entsteht ein völlig neuer Markt.
Nach Hamburg für neun Euro, nach Nürnberg für 22 oder gar bis Paris für 33 Euro? Mit dem Linienbus sind von Berlin aus schon heute viele Ziele in Deutschland und Europa preisgünstig zu erreichen. Doch Berlin war stets eine Ausnahme. Denn bis Dezember 2012 waren Fernbuslinien zwischen deutschen Städten verboten. Am 1. Januar 2013 aber kippte das Verbot – mit Auswirkungen auf die gesamte Verkehrsbranche.
Doch wer welche Linie plant, darüber ist bislang so gut wie nichts bekannt. Denn die Unternehmen wollen der Konkurrenz keinen Einblick in ihre Planungen geben. "Es gibt einige Unternehmen, die in den Markt einsteigen wollen", sagt Bastian Roet vom Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO). Aber die schotten sich ab. Keiner will den Start in den jahrzehntelang unterbundenen Markt verpatzen.
Neue Strecken auch vom Flughafen Schönefeld geplant
Bereits 1931 waren in Deutschland Fernbuslinien bis auf wenige Ausnahmen verboten worden. Um die staatliche Eisenbahn vor Konkurrenz zu schützen, wurde der Linienbetrieb in der Regel nicht genehmigt, wenn es parallel eine gleichwertige Zugverbindung gab. Und die gab es praktisch fast überall. Nur aus dem mauerumspannten West-Berlin waren wegen der eingeschränkten Bahnverbindungen nach Westdeutschland während der deutschen Teilung Fernbusse erlaubt. Diese Linien durften nach dem Fall der Mauer weiterbestehen und ausgebaut werden. Heute betreibt sie die Berlin Linien Bus GmbH (BLB), an der auch die Deutsche Bahn beteiligt ist. Auf rund 30 Buslinien steuert die BLB mehr als 300 Städte in Deutschland und Europa an.
Und das meist wesentlich günstiger als die Bahn selbst. Beispiel Hamburg: 27 Euro kostet die Fahrt von Berlin in die Hansestadt bei der BLB im Normalpreis - gegen 76 Euro mit der Bahn. Die braucht für die Strecke knapp zwei Stunden, der Bus, wenn er nicht im Stau steht, etwas über drei. Durch die Liberalisierung wird nun erwartet, dass die Preise für Busreisen nochmals sinken könnten.
Ein neuer Konkurrent der BLB ist bereits gestartet: Seit Ende November schon fährt MeinFernbus von Berlin nach Freiburg. "Das ging, weil wir begründen konnten, dass unser Angebot besser ist als das der Bahn", sagt Florian Rabe aus der Pressestelle des Unternehmens. Insgesamt betreibt MeinFernbus derzeit acht Linien – in Zusammenarbeit mit regionalen Partnern, die beispielsweise die froschgrünen Busse stellen. Alle Busse sind mit Wlan und Fahrradplätzen ausgestattet. Für dieses Jahr plant das Unternehmen zahlreiche neue Linien, auch von und nach Berlin. Da die Strecken ab Berlin aber erst ab Jahresbeginn beantragt werden können, rechnet Rabe nicht mit einem Start vor dem Frühjahr. Drei Strecken sollen im Laufe des Jahres vom neuen Flughafen Schönefeld aus starten, die Zulassung hat MeinFernbus bereits.
Auch Briten drängen auf den deutschen Markt
Ob Fahrgäste aus Brandenburg künftig nicht mehr bis Berlin fahren müssen, um mit dem Bus zu verreisen, ist derzeit schwer absehbar. "Wir können uns vorstellen, dass es auf unseren Strecken Haltepunkte in Brandenburg gibt", so Rabe. Doch Konkreteres könne er noch nicht sagen. Für den Geschäftsführer der Deutschen Touring GmbH hingegen ist bereits klar: "Brandenburg ist für uns nicht so interessant. Viele Haltepunkte verlängern die Fahrzeiten." Mit der Deutschen Touring konnten Passagiere bislang nur zu europäischen Zielorten gelangen, unter anderem aus Berlin. Ab sofort sind durch die Marktöffnung auch deutsche Ziele möglich.
Der Omnibusunternehmer-Verband schätzt, dass sich neben mittelständischen Busunternehmen, die ihr Angebot ausweiten wollen, bundesweit letztlich zwei bis drei große Anbieter durchsetzen werden. Zu letzteren würden sicher die Deutsche Post und der Verkehrsclub ADAC gehören, die gemeinsam den gelben Postbus reaktivieren und ein bundesweites Fernbusnetz aufziehen wollen. Ähnliche Pläne hat auch das britische Busunternehmen National Express geäußert. Die Deutsche Bahn, die in Deutschland bislang der größte Busbetreiber ist, hat zwar laut ihrem Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg ein fertiges Konzept für ein bundesweites Fernbusliniennetz in der Schublade, will jedoch vorerst in Wartestellung bleiben. Der Markt sei momentan nicht so attraktiv, um als Vorreiter in einen Ausbau der Aktivitäten zu investieren.
Rund zwei Millionen Fahrgäste auf Berliner ZOB
Ob MeinFernbus oder der neue Postbus – künftig können nicht nur neue Linien, sondern auch neue Haltepunkte in Berlin beantragt werden. Bisher starten die meisten Linien am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Charlottenburg. "Was die Liberalisierung für den ZOB konkret bedeutet, ist noch nicht absehbar", sagt die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Petra Rohland. Man müsse abwarten, was die Busunternehmen beantragen. "Wir gehen davon aus, dass nicht alle Busunternehmen, die aktuell den ZOB nutzen, von dort weggehen. Denn die Lage des ZOB ist durch die Nähe zur Autobahn und die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ideal."
Durch die Liberalisierung könnte die Auslastung des ZOB aber auch steigen. Aktuell liegt sie bereits bei 85 Prozent. Im Jahr 2012 hat sich die Zahl der Busse auf rund 64.000 und die Zahl der Fahrgäste auf rund zwei Millionen summiert. Deshalb soll der ZOB ab diesem Jahr ausgebaut werden. Doch trotz dieser Pläne bezweifelt Andris Mamis vom Verband Paneuropäischer Reisebusbahnhöfe stark, dass der ZOB den künftigen Anforderungen gewachsen sein wird. Die Anlage sei insgesamt veraltet und kundenunfreundlich. "Das was hier geplant ist, ist ein Tropfen auf den heißen Stein, das wird vorne und hinten nicht ausreichen. Im europäischen Vergleich ist die Situation am ZOB katastrophal."
Auch die froschgrünen Busse von MeinFernbus fahren am ZOB ab. Doch das Unternehmen hat bundesweit mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen."Viele andere Städte haben gar keinen Busbahnhof", so Rabe."Einmal wurde uns bereits ein Schotterplatz in einem Industriegebiet angeboten – ohne jegliche Anbindung. Da haben wir dankend abgelehnt."
Annette Bräunlein
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
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