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Reaktordruckbehälter im früheren Kernkraftwerk Rheinsberg (Archivbild aus dem Jahr 2004; Quelle: dpa Bildfunk)

Ehemaliges AKW Rheinsberg

Atomausstieg mit Brandenburger Know-how

Die Debatte über die Stilllegung deutscher Atomreaktoren lässt die Frage nach der Zukunft der kontaminierten Anlagen aufkommen. Erfahrungen zum Rückbau von Kraftwerken gibt es im brandenburgischen Rheinsberg. Bereits seit 1995 wird dort ein ehemaliger DDR-Atommeiler Stück für Stück in seine Einzelteile zerlegt.

Die Atomkatastrophe in Fukushima bedeutet in letzter Instanz für alle deutschen Kernkraftwerke das Aus. Bis 2022 soll das letzte Kraftwerk vom Netz gehen. Die sieben ältesten Atomkraftwerke und der Pannenreaktor Krümmel waren im März 2011 unmittelbar nach den Vorfällen in Fukushima temporär abgeschaltet worden. Sie werden nun nach dem Atomkompromiss der Bundesregierung endgültig stillgelegt. Allerdings soll ein Meiler davon als Reserve in einer Art Stand-by-Betrieb mögliche Engpässe im Winter abdecken.

Der Großteil der restlichen deutschen Atomkraftwerke soll bis 2021abgeschaltet werden. Drei Kraftwerke können auch noch bis 2022 laufen. Was passiert aber im Anschluss mit den endgültig stillgelegten Kraftwerksanlagen?

Versiegelung oder schneller Rückbau?

Das Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks in Rheinsberg (Archivbild aus 2007, Quelle: dpa Bildfunk)

Gelände des ehemaligen KKW Rheinsberg. 

Für die Entsorgung solcher Kernkraftwerke gibt es zwei Konzepte. Das eine sieht vor, sie über mehrere Jahrzehnte zu versiegeln, um in dieser Zeit einen Teil der Strahlung abklingen zu lassen. Erst dann sollen die Atomkraftwerke abgerissen oder besser gesagt rückgebaut werden. Die zweite mögliche Lösung ist, bereits mehr oder weniger sofort nach der Stilllegung mit dem Abbau der Anlage zu beginnen. Denn der allein dauert weit länger, als man für den Bau eines Kernkraftwerkes benötigt.

Wie das zweite Konzept funktioniert, lässt sich unter anderem im brandenburgischen Rheinsberg beobachten. Der dortige Atomreaktor war 1966 in Betrieb genommen worden. Im Sommer 1990, kurz vor der deutschen Wiedervereinigung, erfolgte die Abschaltung. Die Anlage entsprach wie die anderen DDR-Kernkraftwerke nicht den Sicherheitsstandards der Bundesrepublik. Fünf Jahre später wurde mit dem Rückbau begonnen. Das war technisches Neuland und eine immense Herausforderung für die Arbeiter vor Ort: Nie zuvor war bis dato in Deutschland ein vom Netz genommenes Kernkraftwerk nach der Stilllegung auch wieder abgebaut worden.

Vorteil: Die Erfahrung der Mitarbeiter

Hinweisschilder rund um das ehemalige Kernkraftwerk Rheinsberg (Archivbild aus 2007, Quelle: dpa Report)

Seit 1995 wird die Anlage rückgebaut. 

Für Michael Schönherr, Leiter des Rückbauprojektes in Rheinsberg, steht außer Frage: "Sofortiger Rückbau ist die beste Alternative." Seine Begründung ist einfach. Wenn stillgelegte Kernkraftwerke gleich abgerissen werden - und nicht erst nach bis zu 40 Jahren Versiegelung - kann der Abriss noch von Mitarbeitern durchgeführt werden, die das Kraftwerk selbst auch betrieben haben. Ein unschätzbarer Vorteil, denn sie kennen die Anlage schließlich am besten.

Dennoch gab es auch in Rheinsberg immer wieder Überraschungen. So ging man zu Beginn noch von 10.000 Tonnen radioaktivem Abfall aus, den es abzubauen galt. Schon kurz darauf jedoch erhöhte sich die geschätzte Abbaumenge auf 30.000 Tonnen. Mittlerweile ist man bei 40.000 Tonnen angelangt. Die Gesamtmasse des abzubauenden Kraftwerks beläuft sich auf 330.000 Tonnen.

Zerlegung im Wasser

Reaktordruckbehälter im früheren Kernkraftwerk Rheinsberg vor dem Abtransport (Archivbild aus dem Jahr 2007; Quelle: dpa Bildfunk)

2007: Reaktordruckbehälter vor dem Abtransport. 

Zerlegt wurden viele der kontaminierten Kraftwerksteile unter Wasser in einem extra dafür hergestellten Schutzbehälter. Denn Wasser kühlt nicht nur, es schirmt auch einen großen Teil der Strahlung ab. Für die Arbeiten innerhalb des Behälters wurden Roboterwerkzeuge eingesetzt. Bislang wurden während des Abbaus nur vereinzelt ungewollte radioaktive Kontaminationen gemeldet. So gab es zum Beispiel einmal Berichte über radioaktive Wasserspuren an Castorbehältern, größere Pannen oder gar Unfälle blieben aber bis heute aus.

Mittlerweile ist der gesamte Reaktordruckbehälter ausgebaut, doch auch mehr als 20 Jahre nach Stilllegung des Atommeilers sind in Rheinsberg noch 140 Mitarbeiter beschäftigt. Die kontaminierten Teile des Kernkraftwerks wurden bis 1998 nach Morsleben gebracht. Der wesentlich höher belastete Abfall kam danach ins Zwischenlager Nord nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt handelt es sich um 1.610 Kubikmeter Betriebsabfälle, eine für Kernkraftwerke überschaubare Menge, denn das Atomkraftwerk Rheinsberg hatte mit 70 MW nur eine relativ kleine Leistung.

Rückbau länger als vorgesehen

Die zurückgebaute Reaktoranlage des Kernkraftwerkes Rheinsberg (Archivbild 2010, Quelle: dpa Bildfunk)

2010: Die zurückgebaute Reaktoranlage. 

Trotzdem sind die Kosten des Rückbaus enorm. Und das Geld muss aus dem Bundeshaushalt bezahlt werden, denn für das Kernkraftwerk aus der ehemaligen DDR wurden keine Rücklagen gebildet. 420 Millionen Euro sind dafür eingeplant. Ein Großteil dieser Millionen ist allerdings schon ausgegeben. Und schon jetzt ist sicher, dass der Rückbau länger dauern wird als vorgesehen. 

Den wesentlichen Teil des Reaktors wollen die für das Kernkraftwerk zuständigen Energiewerke Nord bis 2014 abgebaut haben, zwei Jahre später als ursprünglich geplant. Bis zur "grünen Wiese", die statt des Kernkraftwerkes dann wieder dort entstehen soll, ist es aber auch danach noch ein langer Weg. Denn übrig sind dann immer noch die Gebäude der Anlage, die ebenfalls noch auf radioaktive Belastungen überprüft werden müssen, bevor sie entkernt und abgerissen werden können.

Kostenpunkt Endlagerung

Und für die Endlagerung des Abfalls, so schätzt Rückbau-Leiter Michael Schönherr, müssen noch einmal rund 60 Millionen Euro zusätzlich veranschlagt werden. Wie hoch diese Kosten dann tatsächlich einmal sein werden, kann bislang noch keiner sagen. Denn ein Endlager für hochradioaktiven Abfall gibt es bis heute nicht. Nirgendwo auf der Welt.

Andreas B. Hewel

Stand vom 03.06.2011

Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 03.06.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.

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Strommasten, Windräder und Schriftzug Energie für die Zukunft (Quelle: dpa/rbb)

Infos im WWW

Energiewerke Nord

Ehemaliges Kraftwerk Rheinsberg

Die Homepage der Energiewerke Nord mit Informationen zur Demontage des Kraftwerks. [ewn-gmbh.de]

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