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Der Bahnhof Friedrichstraße wurde nach dem Krieg zum wichtigsten Verbindungsglied zwischen Ost und West. Besucher, Spione und Flüchtlinge nutzten den Grenzübergang. Mit neuen Dokumenten und vielen Zeitzeugen rekonstruiert der Berliner Autor Philipp Springer die Geschichte dieses ungewöhnlichen Ortes.
Fast unwirklich erscheint Winfried Kranz heute der Bahnhof Friedrichstraße - diese Normalität, dieser Alltag. Vor 25 Jahren wollte der frühere Lokführer von hier in den Westen fliehen.
Winfried Kranz, ehemaliger Lokführer
Ich habe das Betriebsgelände aufgesucht und habe durch die Kenntnisse Zutritt zu der Lokomotive gehabt, weil grundsätzlich ein Schiebefenster immer so war, dass man die Lok betreten kann, und habe mich in der Kühlkammer versteckt. Und hatte organisiert, dass diese Kühlkammer so blockiert war, dass sie normalerweise nicht mehr zu öffnen gewesen wäre."
Es ist der 29. Januar 1988, 3 Uhr nachts, als er sich mit Uniform in eine der winzigen Kühlkammern zwängt.
Winfried Kranz, ehemaliger Lokführer
"So bin ich in diese Lok reingeklettert und so wurde ich dann aus der Kühlkammer rausgeholt und bin auf dem Bahnsteig im Grunde genommen verhaftet worden. Und da standen auch noch alle Reisenden unter diesem gelben Streifen und haben das alles mitbekommen. Ich musste mit erhobenen Händen an die Lok und wurde dann abgetastet und verhaftet."
Um 6:10 Uhr wird er abgeführt, verhört und zu zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt. Für Winfried Kranz wird der Bahnhof Friedrichstraße zur Endstation einer Sehnsucht. Der Historiker Philipp Springer erzählt seine Geschichte, als eine von vielen, die sich am Bahnhof der Tränen abspielte. Aus Stasiakten, Archiven, Zeitzeugeninterviews entwirft er eine Chronik über einen Ort, der seit 1945 kein "normaler" Bahnhof mehr war.
Philipp Springer, Historiker
"Hier gingen Menschen über die Grenze, hier versuchten Menschen zu fliehen, hier wurden Spione ein- und ausgeschleust sowohl westliche als aber auch östliche. Also, ein ganz zentraler Punkt für die Geschichte Berlins, aber auch für den Alltag der Menschen in der Stadt."
Wie auch für Gisela Trostorf. Die gelernte Triebwagenführerin arbeitete im Lohnbüro des Bahnhofs. Doch wenn es knapp mit dem Personal war, durfte auch sie auf die "Westbahnsteige": Sie bekam dann eine "Betretungskarte", ging durch unterirdische Gänge, an unzähligen Grenzposten vorbei und stand plötzlich dort, wo sonst kein DDR-Bürger hindurfte.
Gisela Trostorf, ehemalige Reichsbahnerin
"Wo wir hier stehen auf dem Bahnsteig B, das war der Westteil, da kam Otto-Normalverbraucher ja gar nicht hin. Und da drüben, das war der Bahnsteig A, da waren die Fernzüge, die Interzonenzüge. Die haben wir immer vor Augen gehabt, aber man konnte nicht durchgucken. Hier war eine Trennwand, die war undurchsichtig, unüberbrückbar, und hier oben war so ein Laufsteg gewesen, wo die Grenzer auch patrouilliert haben und ihren Dienst verrichtet haben und die ganzen Bahnhöfe immer im Blick hatten."
Jeder Fluchtversuch, jede Provokation, jeder Anschlag sollte verhindert werden. An diesem sensibelsten Grenzübergang Berlins lagen die Nerven blank. Auch Gisela Trostorf fertigte damals einen Zug ab und sah auf dem Westbahnsteig plötzlich ein verdächtiges Paket.
Gisela Trostorf, ehemalige Reichsbahnerin
"Ick denke, was war denn das, was hat denn der rausgestellt. Der Zug fuhr weiter und jetzt hat der da was hingestellt. Und da hab ich echt gedacht, ist das eine Bombe oder was? Und habe die Grenzorgane verständigt. Und gesagt: Das und das ist mir eben passiert. Da haben sie den ganzen Bahnhof abgesperrt. Und dann kamen sie da an und denn haben sie geguckt: Und denn war das eine Reiseschreibmaschine."
Gisela Trostorf erlebte hier den Westen im Osten. Der Bahnhof Friedrichstraße, 1882 als Europas modernster Verkehrsknotenpunkt über fünf Etagen errichtet, wurde im Kalten Krieg zu einem hermetisch überwachten Grenzposten.
Philipp Springer, Historiker
"Das war dann das Problem für die Macher des Grenzregimes 1961. Man musste so einen Ort, der für Begegnung steht, für Kommunikation, musste man für einen Grenzübergang umbauen."
Ein Grenzübergang, der bald an seine Grenzen stieß. Als 1964 auch Ostrentner in den Westen reisen durften, stiegen die Zahlen der Ein- und Ausreisenden - auf zehn Millionen im Jahr 1988. Trotz Zwangsumtausch von 25 DM pro Tag, trotz Kontrollwahn. Es blieb die Freude - und der Schmerz beim Abschied.
Heinrich W., ehemaliger Passkontrolleur
"Das war tagtäglich. Man gewöhnt sich dran. Da vorne in der Vorkontrolle, da spielten sich Dramen ab."
Heinrich W. war Passkontrolleur beim MFS, der Stasi. Er will nicht erkannt werden. Er machte hier nur seinen Job, sagt er.
MfS-Schulungsfilm
"Rein äußerlich könnte unsere Tätigkeit als ein bloßes Registrieren oder Kontrollieren von Pässen erscheinen. Doch das trifft nicht das eigentliche Anliegen unserer tschekistischen Arbeit."
Heinrich W., ehemaliger Passkontrolleur
"Es hat ja auch Spaß gemacht, dadurch, dass man so viele Pässe in den Händen hielt und sich mit Leuten unterhalten konnte. Aus dem Westen. Es kam ja auch zu Gesprächen. Wir waren ja nicht grundlos beim MfS. Und wenn sich die Gelegenheit ergab, haben wir natürlich auch versucht Informationen zu sammeln."
So wurden potentielle IMs oder Spione gewonnen, Schmuggler enttarnt oder politische Verdächtige gemeldet. An jedem 12-Stunden-Tag gab es mindestens eine Verhaftung - wenn wieder ein Ausreisewilliger den Grenzern seinen DDR-Pass vorzeigte und damit in den Westen wollte.
Heinrich W., ehemaliger Passkontrolleur
"Die wussten genau, was kommt, und die wussten auch, dass sie jetzt eingeknackt werden, denn es war der Versuch des ungesetzlichen Grenzübertritts. Ja, und dann sind die zwei oder drei Jahre in den Kahn gegangen in der Hoffnung, dass sie ausgelöst, freigekauft werden."
An diesem Bahnhof gab es viele Reisen ohne Wiederkehr. Auch Winfried Kranz wurde im November 1988 vom Westen freigekauft. Da hatte er neun Monate umsonst gesessen. 14 Tage vor seiner Flucht war sein Ausreiseantrag genehmigt worden. Er wurde nur nicht informiert. Der Bahnhof Friedrichstraße ist der eigenwilligste Grenzort der Geschichte, deren Grenzen man nicht mal mehr ahnt.
Autorin: Marina Farschid








