Berta Drews und Heinrich George c/o dpa

- Heinrich George


 
Sie lernten sich 1930 am Staatstheater Berlin kennen: Heinrich George und die aufstrebende Schauspielerin Berta Drews. Kurz darauf heiraten sie. Heinrich George stirbt 1946 in einem sowjetischen Gefangenenlager, seine Frau überlebt ihn um mehr als 40 Jahre. Erst jetzt erscheint ihr Briefwechsel, der einen neuen Blick auf den legendären Theatermacher erlaubt. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht vor.)

Welche schauspielerische Urkraft er hatte: das zeigt der improvisierte Tanz von Heinrich George im Film "Der Postmeister", bei dem er jede Regieanweisung ablehnte.

Jan George, Sohn
"Er hat ja seine Stärke behalten da drin, sonst hätte er ja seine Aktivitäten, die er entwickelt hat, nicht gemacht und mit den Leuten probiert und Stücke gemacht und Sketche gemacht, Leseabende und alles. Das hat ihn ja auch am Leben erhalten. Denn er hat gesagt, wenn ich nicht mehr spielen kann, dann sterbe ich sowieso. Also, das war ja so ein Verrückter. Das kann man ja nicht anders sagen. Das geht aber auch aus den Briefen hervor."

Szenen aus dieser Puschkin-Verfilmung spielte er auch seinen russischen Bewachern vor, als er nach dem Krieg, 1945, in Hohenschönhausen in sowjetischer Gefangenschaft war. Das Spiel, der unablässige Wille, neue Rollen einzustudieren, war das Einzige, was dem völlig Abgemagerten Hoffnung und Kraft verlieh.

Jan George
"Manchmal merkst du, wie er resigniert, im nächsten ist er wieder oben. Aber er hat gelitten, das muss man sagen. Er hat es überspielt, auch in den Briefen."


Georges ältester Sohn Jan pflegt in seinem Zehlendorfer Haus das Andenken des Vaters. Zum 120. Geburtstag von Heinrich George erscheint nun zum ersten Mal der Briefwechsel, den der Schauspieler in der Gefangenschaft mit seiner Frau Berta Drews führte. Die heimlich heraus geschmuggelten Kassiber zeigen die schwankende, verletzliche Seite des immer so kraftstrotzend wirkenden Großschauspielers.

Jan George
"Sie müssen sich also ganz schnell auf dieser Bühnenbegegnung ineinander verliebt haben. Und George hatte noch eine andere Freundin, die musste er loswerden sozusagen. Und dann hat meine Mutter doch gesiegt in diesem Kampf um George. Natürlich hat auch dazu beigetragen, dass ich unterwegs war."


Das Buch, in dem die Briefe veröffentlicht sind, ist eine Neuauflage der Memoiren von Georges Frau Berta Drews. Die Schauspielerin und Mutter von Jan und Götz George schrieb sie kurz vor ihrem Tod 1986.

Als junge Schauspielerin kommt sie 1929 nach Berlin, lernt dort den Theatersuperstar George kennen. Schon bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt, im "Götz von Berlichingen", funkt es zwischen den beiden.

Jan George
"Er hatte plötzlich Verantwortung über einen Betrieb mit 400 Menschen. Die waren ja im Sinne der Nationalsozialisten keine saubere Truppe, die waren ja alle ein bisschen anrüchig für die Nazis. Er musste, weil er die Persönlichkeit hatte, weil er der Chef war, immer ein bisschen mehr auf die Pauke hauen, den Herren von der Reichskulturkammer gegenüber."


Die Geburt des Sohnes verändert den umtriebigen Lebemann George. An Bertas Seite schafft er sich am Wannsee ein Zuhause. Sie treten auch gemeinsam im Film auf - eine wahre berufliche und familiäre Idylle, die jäh durch die Machtergreifung der Nazis gestört wird.

George, ehemals Kommunist, muss sich mit Machthabern arrangieren, wenn er weiter der Volksstar sein will. Er tritt nie in die Partei ein, aber macht Zugeständnisse und bekommt von Goebbels die Intendanz des Schillertheaters übertragen. Gleichzeitig versucht er seine schützende Hand über linke und jüdische Schauspieler zu halten, die er weiter beschäftigt.

Jan George
"Das war ein totaler Schock. Denn wir haben immer damit gerechnet, dass er freigelassen wird. Wir haben immer gehofft, das wird ja irgendwann. Wir hatten ja kein Schuldbewusstsein. Wir haben gesagt, er ist hier geblieben, er stellt sich, er klärt alle Fragen, alle Sachen auf. So war es ja auch teilweise. Aber es hat nichts bewirkt."


Auch nach der Zerstörung des Schillertheaters im Krieg, will George unbedingt weiter spielen und lässt sich in der "Wochenschau" als niemals aufgebender Volksliebling instrumentalisieren.

Auch der Durchhaltefilm "Kolberg", wo Heinrich George den kriegsführenden Kommandanten ums Weiterkämpfen anfleht, zeigt, wie er sich zu Kriegsende vor den Propagandakarren spannen ließ.

Als die Russen Berlin erobern, sind diese Filmbilder noch in Erinnerung: ein gefundenes Fressen für Denunzianten. George wird in Hohenschönhausen inhaftiert, verschwindet ein halbes Jahr später im Speziallager Sachsenhausen. Die Kassiber, die er bis Silvester 1945 an seine Frau schickt, sind das Letzte, was die Familie hört. Dann nur noch Ungewissheit - bis zur Todesnachricht.

Er war nie Nazi, nie Antisemit, wollte immer nur auf der deutschen Bühne stehen, die ihm die Welt bedeutete. Deshalb machte er, ähnlich wie Rühmann oder Gründgens, gute Miene zum bösen Spiel der NS-Diktatur. Doch Heinrich George zahlte dafür einen viel höheren Preis.


Autor: Norbert Kron

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