Wochendkriegerin (Quelle: rbb)

- 'Wochenendkrieger'

Was treibt Menschen dazu, sich als Monster-Krieger, Fürst oder Elfenprinzessin zu verkleiden und mit hunderten Gleichgesinnten in eine fantastische Ritterwelt einzutauchen? Der Dokumentarfilm "Wochenendkrieger" erzählt von der neuen Lust am großen Spiel.

Was geht hier vor? Es ist die Armee des "Untoten Fleisches", die sich gegen Eindringlinge in Mythodea zur Wehr setzt.

Dirk Neumann führt diese brutale Armee von 150 Leuten an - und das heutzutage mitten in Deutschland.

Erst letztes Wochenende hat er sich bei 35 Grad mal wieder eine Schlacht mit 6.000 anderen geliefert. Aber eigentlich ist er Parteisoldat bzw. Sekretär - bei den Grünen in Berlin.

Dirk Neumann, Parteisekretär

"So eine Woche Live-Rollenspiel ist wie drei Wochen Urlaub im Süden. Es ist etwas ganz anderes, man schlüpft zusätzlich noch in eine andere Rolle. Das hat für mich einen besonderen Reiz sich da auszuprobieren, auch mal etwas sein zu dürfen, was man im Alltag natürlich auf gar keinen Fall sein darf, nämlich zum Beispiel mal ein Arschloch."

Der Dokumentarfilm "Wochenendkrieger" versucht nun zu klären, was die Massen in die Fantasywelten treibt. Es geht um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse in einer Welt, der die klassischen Rollenbilder abhanden gekommen sind.

Der Film portraitiert fünf ganz unterschiedliche Spieler. Nicole kommt aus Groß-Ziethen, sie ist eher introvertiert und studiert Modedesign.

Szene aus "Die Wochenendkrieger"
"Vielleicht sollten wir noch einmal in die Schriften sehen, vielleicht gibt es dort noch einen Hinweis.“
"Welche Tochter nimmt schon ihre Mutter mit, und da ja Mama immer neugierig ist, bin ich da mal mit, für mich war es schwierig, wie man so viel Phantasie entwickeln kann, das man Gespräche in diesem Spiel findet."


Andreas Geiger, Regisseur

"Die haben unterschiedlichste Motivationen, also bei einer Protagonistin Nicole, die sagt über sich selbst, sie ist ein sehr schüchterner Mensch, die ist dann aufgestiegen zur Elfenkönigin, die hat dann selber den Mut entwickelt vor zwanzig anderen Elfen zu sprechen und dann Aufgaben zu übernehmen. Also, man sagt auch, das fördert soziale Kompetenz."


Sven spielt die "ölige Pestilenz".


Szene aus "Die Wochenendkrieger"
"Holt mir jemand her, der mehr hervor bekommt als Hä..."


Er ist Montagearbeiter bei VW in Wolfsburg, für einen Prinzen oder einen Zwerg hat er nicht die Figur. So schöpft er aus dem Vollen, aus dem eigenen Außenseiter-Naturell und spielt eine Art Quasimodo.

Nun gut, soziale Kompetenz ist nur die eine Seite der Medaille beim Live-Rollenspiel, das Ganze mutet schließlich auch wie ein großer Kindergeburtstag an - endlich wieder etwas spüren. Karneval für wilde Mädchen und rabaukige Jungs: Hat das nicht was Infantiles?

Dirk Neumann, Parteisekretär
"Nee, infantil würde ich es nicht nennen, es hat natürlich eine Komponente von Cowboy und Indianer, natürlich, ganz klar. Ich glaube, dass kommt in der modernen Welt oftmals auch einfach zu kurz."


Und so gehören auch beim Live-Rollenspiel der Großen die kleinen Spannungen einfach dazu.

Szene aus "Die Wochenendkrieger"
"Bevor hier irgendwas passiert, ist es 17 Uhr und dann bin ich ja noch nicht tot. Ich wollte um 16 Uhr tot sein."


Ja, hier ist für jeden was dabei, ob Ritter, Ork, Troll oder Elfe, raus aus der eigenen Haut.

Andreas Geiger, Regisseur 
"Ich denke schon, dass beim Rollenspiel mit den Spielern was passiert, also zumindest psychisch begeben die sich ja komplett rein in was, also nicht nur mit dem Zeigefinger am Joystick, die kommen auf jeden Fall gestärkt aus so einem Wochenende, aus so einer Schlacht raus. Klar, das ist Adrenalin, also echtes Adrenalin."


"
Wochenendkrieger" ist ein amüsanter Film über eine bizarre Freizeit-Parallelwelt: ein bisschen Laientheater, eine Prise Kreuzberger Maifestspiele und die große Lust an kindlicher Phantasie.


Autor: Sascha Hilpert

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