Filmregisseur Andreas Dresen (Bild: dpa)

- Andreas Dresen - der Filmemacher wird 50

Ob "Sommer vorm Balkon", "Wolke 9" oder "Halt auf freier Strecke": Seine Filme erzählen lebensnahe Geschichten, glaubwürdig und warmherzig. Andreas Dresen setzt die sogenannten einfachen Leute und deren Schicksale in Szene. Jetzt wird der Regisseur 50 Jahre alt.

Andreas Dresen: Er steht da und lächelt. Einfach so. Diese freundliche Gelassenheit - funktioniert die immer?

Andreas Dresen, Regisseur
"Bei mir funktioniert das auch nicht, ich bin auch nicht gelassen. Wenn sie mich vor einem Drehtag erleben, bin ich voller Anspannung und innerer Aufregung, voller Ängste - und ich glaube letztendlich geht es jedem so. Jeder der an so einen Drehort kommt, und je größer der Drehort ist, desto stärker sind diese Effekte. Da kann man das Flackern der Angst in den Augen der anderen sofort ganz schnell sehen. Bei mir natürlich auch, und wer mich kennt, sieht das auch."

Dieser Andreas Dresen entwaffnet jeden mit seiner Offenheit. Man glaubt ihn als guten Kumpel schon lange zu kennen. Ein Irrtum. Der Publizist Hans-Dieter Schütt hat sich ein halbes Jahr zu Gesprächen mit ihm getroffen. Intensive, sehr nahe Gespräche über die Kunst, mit dem Leben zu Recht zu kommen. Und da entdeckt man einen Dresen, hinter dessen Freundlichkeit mehr steckt.

Hans-Dieter Schütt, Buchautor
"Er ist in dieser Art seiner Freundlichkeit natürlich auch ein raffinierter, ein listiger Mensch, vielleicht unbewusst. Denn wenn man freundlichen Menschen gegenüber tritt, hat man immer das Gefühl, die Dinge regeln sich leicht. Es sind keine großen Widerstände. Aber Dresen ist - und das stellte sich auch bei den Gesprächen heraus und das bestätigen auch alle anderen, die mit ihm Filme drehen -  er ist ein sehr genauer, ein sehr genau  anspruchsvoller, ein unnachgiebiger Organisator solcher kollektiver Prozesse, wie sie nun einmal die Filmarbeit bedeutet."


Es sieht alles nach Spiel aus. Doch jede Szene ist genau durchdacht, von manchen Drehbüchern gibt es 14 Fassungen! Und es dauert schon mal sieben Jahre, bis ein Film endlich gedreht wird. Dresen will mit der Fiktion den alltäglichen Dramen so nah wie möglich kommen. Dabei setzt er mitunter auf das größte Risiko: Er lässt seine Schauspieler vor der Kamera improvisieren - da ist dann plötzlich alles echt.

Filmszene aus "Halbe Treppe"
"Was ist? Die Scheißnachbarn sind dir wichtiger, ja?!"


Wer sich als Schauspieler einem Regisseur so öffnet, muss ihm sehr vertrauen.

Hans-Dieter Schütt, Buchautor
"Und es ist ja so, wenn man zu einem Menschen tiefstes Vertrauen hat, fühlt man sich viel mehr in der Klemme oder viel mehr unter Druck, diesem Vertrauen gerecht zu werden, als wenn einem jemand fremd bleibt."


Andreas Dresen schafft eine fast familiäre Atmosphäre am Set - mit den stets gleichen Akteuren. Ein Kollektiv der Eingeschworenen, wo sich jeder von der Leidenschaft des Regisseurs anstecken lässt.

Andreas Dresen, Regisseur
"Manche der schönsten Ideen kamen von Teammitarbeitern. In 'Sommer vorm Balkon' gibt es eine kleine Szene, wo Nike in der Küche Kaffee kocht oder Frühstück macht, und der Truckfahrer, der sich bei ihr einnistet, duscht parallel im Bad. Wir haben das gedreht, und während sie so die Kaffeemaschine auffüllte mit Wasser, sagte der Oberbeleuchter: 'Also, wenn ich bei mir im Altbau in der Küche den Wasserhahn aufdrehe, wird die Dusche im Bad ganz schön heiß.' Da haben wir gesagt: 'Topidee.'"

Diesen ganz besonderen Blick für die Nebenschauplätze des Alltags hat er an der Filmhochschule in Babelsberg trainiert.

Andreas Dresen, Regisseur

"Wo es zum Beispiel so war, dass wir die ersten anderthalb Jahre eben Dokumentarfilm machen mussten. Ich sage ganz bewusst mussten, weil ich wollte ja eigentlich zum Spielfilm und wollte Spielfilm lernen und mit Schauspielern arbeiten. Dann hieß es an der Schule: Nee, Dokumentares gehört zum Grundlagen-Studium, jetzt geht ihr erst mal auf die Straße und lernt, wie die Leute wirklich leben, eh ihr eure Welt am Schreibtisch erfindet."

Dresen hat neben seinen Spielfilmen immer auch Dokumentarfilme gedreht –- ungefiltert den Leuten beim Leben zuschauen, wie dem Herrn Wichmann von der CDU - das ist ein großes Glück. Für beide Seiten. Herr Wichmann wurde zum Freund Dresens und Dresen macht jetzt ein wenig Politik. Er wurde als Laie Verfassungsrichter in Brandenburg.

Andreas Dresen, Regisseur
"Ich schwöre, das Richteramt getreu dem Gesetz nur der Wahrheit und Gerechtigkeit zu dienen."


Es ist alles gut gelaufen - in den letzten 50 Jahren? Andreas Dresen wächst in Schwerin auf, im Neubauviertel, mit der Mutter, der Schauspielerin Barbara Bachmann. Der Vater, Theaterregisseur Adolf Dresen, verlässt die Familie, lebt in Berlin und später im Westen. Er schenkt seinem Sohn eine Schmalfilmkamera. Die Weichen sind gestellt, obwohl der Vater ihm vom Künstlerleben abrät.

Im Nachlass seines Vaters findet Dresen seine erste Geschichte wieder. Er schrieb sie mit sieben - über eine traurige Lokomotive, die auf dem Abstellgleis steht und ihre erste Reise wagt.

Andreas Dresen, Regisseur
"Die Reise, die sie dann macht, führt nach Berlin und die Reise, die ich selber natürlich kannte, weil in dem Büchlein das Hochhaus, das ich da malte, da wohnte mein Vater in dem Alter und auch später mal hingefahren und war dann Wochenende öfter bei ihm, wenn er nicht bei uns war. Und insofern ist diese Geschichte auch ein kleines poetisches Gleichnis - ungewollt von mir als Kind geschrieben - auf mein damaliges Leben. Und die Geschichte endet mit der bemerkenswerten Quintessenz: Man kann ebend - mit D am Ende -  nicht alles haben."


Andreas Dresen gehört zu den wenigen Menschen, die Goethes Satz wirklich verstanden haben: Was ihr nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.


Autorin: Marina Farschid

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