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Berlin von unten: In den 30er Jahren taten sich arme Tagelöhner und Laufburschen zu Cliquen zusammen, um ein bisschen soziale Wärme zu finden. Von diesen "Blutsbrüdern" erzählt der 1932 erschienene Roman von Ernst Haffner, der von den Nazis verboten und öffentlich verbrannt wurde. Jetzt 80 Jahre später wird das Buch ein zweites Mal verlegt. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht vor.)
Anfang der 30er Jahre hat Berlin zwei Gesichter: Im Westen leben die Reichen und im Osten sind Armut, Obdachlosigkeit und hunderte Cliquen Zuhause. Rund um den Alexanderplatz ist das Revier der Blutsbrüder. Zehn streunende Jungs, die sich als Notgemeinschaft zusammen tun, um zu überleben. Davon erzählt der nun wiederveröffentlichte Berliner Roman "Blutsbrüder" aus dem Jahr 1932 - und der Autor ist ein Unbekannter. Wer war dieser Ernst Haffner?
Peter Graf, Verleger
"Zu Ernst Haffner gibt es so gut wie nichts. Krakauer, Siegfried Krakauer hat eine der Rezensionen zu dem Buch geschrieben, er kannte ihn so ein wenig, in seinen Notizen findet sich immer mal wieder der Hinweis auf Hafner. Und er schreibt, dass Haffner Journalist gewesen ist, dass er wohl auch Sozialarbeiter war und das weiß man."
Aber es gibt noch nicht einmal ein Foto von Ernst Haffner. Und Ende der Dreißiger verlieren sich seine Spuren gänzlich, es ist sein einziges Buch geblieben: "Blutsbrüder" erzählt sehr direkt und ungeschönt vom Treiben dieser jugendlichen Außenseiter im Großstadt-Moloch. Sie arbeiten als Laufbursche, als Schneeschieber, drehen krumme Dinger und sie gehen schließlich auch anschaffen. Ein großer Reportage-Roman aus der Vorhölle der Armut - so lange verschollen.
Peter Graf, Verleger
"Ja, es ist eigentlich erstaunlich, weil die Literatur der Weimarer Zeit extrem gut erforscht ist. Was ich rausgefunden habe ist, dass es in der Sozialforschung immer mal wieder als Referenztitel genannt wird, wenn es um Jugendkultur geht."
Blutsbrüder hieß ursprünglich "Jugend auf der Landstraße Berlin". Und er hat eines der letzten Exemplare des verschollenen Romans. Der Soziologie Rolf Lindner war schon vor 30 Jahren von Haffner begeistert, sein Forschungsgebiet sind auch "die wilden Cliquen" der Weimarer Zeit.
Rolf Lindner, Soziologe
"Das war ein ganz stark beachtetes Zeitphänomen, allerdings fast ausschließlich nur aus Fürsorgeperspektive mit den entsprechenden Ausfällen gegenüber den verbrecherischen Jugendlichen und so weiter. Und da war halt Ernst Haffner der Einzige, der erstens ein schriftstellerisches Talent hatte und zweitens tatsächlich die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen einfing ohne sofort, sozusagen, verurteilend über sie her zu fallen."
Haffner erzählt in Schlaglichtern die Lebenswege von Jungen, die größtenteils aus Fürsorgeanstalten fliehen, um der schwarzen Pädagogik und dem Drill zu entkommen: Willi klemmt sich bandagiert unter den D-Zug Köln-Berlin und erträgt acht Stunden auf der Achse unter dem Zug, weil er die Holzklasse nicht zahlen kann - er überlebt, landet schließlich am Alex und lernt die Blutsbrüder kennen.
Haffners Sprache hat den Sog und die Kraft der lauten, dreckigen Straße: Sein Buch hat eine verblüffende Aktualität. 3000 jugendliche Obdachlose leben hier und heute in Berlin.
Der Roman schreit eigentlich nach einer Verfilmung. Rolf Lindner war der Erste, der vor über 30 Jahren ein Konzept für eine Serie schrieb.
Rolf Lindner, Soziologe
"Tatsache war, dass zu der Zeit die Döblin-Verfilmung von Fassbinder 'Berlin Alexanderplatz' realisiert wurde, dass das dann einfach zu viel war, in dem gleichen Milieu zur gleichen Zeit - da dies noch mal ein doch relativ großes Projekt gewesen wäre."
Die Realisierung scheiterte, denn dieses Milieu aus Döblins "Berlin Alexanderplatz" ist tatsächlich auch das Revier der "Wilden Cliquen" - hier zwischen Schlesischem Bahnhof und Alex treiben sich die Blutsbrüder in unzähligen Kaschemmen herum, hier im proletarischen Osten sind sie heimisch, im Westen wartet eine andere Welt, dort werden sie von pelztragenden Freiern benutzt. Diese Cliquen-Welt, jenseits der Swing Partys, ist kaum im Bewusstsein heute.
Peter Graf, Verleger
"Man muss sich vorstellen, der Erste Weltkrieg war nicht lange vorbei, die Weltwirtschaftskrise, die Familien sind zerbrochen, das Elend war allgemein und überall präsent und dann war möglicherweise das Elend dieser Jugendlichen nur ein Teil eines noch viel größeren Elends."
Der Roman hatte damals zu wenig Zeit, um richtig bekannt zu werden, letztlich verbrannten die Nazis Ernst Haffners Buch. Nun steigen die Blutsbrüder aus der Versenkung auf. Und sie wollen entdeckt werden - in diesem großen Roman.
Autor: Sascha Hilpert









