Freiheit im Intenet (Quelle: rbb)

- Freiheit im Internet

Die Kommunikation im Internet und übers Handy ist leicht abzuhören. Aber dass eine Mail wirklich so leicht zu lesen ist wie eine Postkarte ist den meisten Usern wohl erst seit der NSA-Affäre bewusst. Was ist von der unbegrenzten Freiheit im Internet heute eigentlich noch übrig geblieben?

"Der letzte Hügel vor Moskau" - so nannten die Geheim-Agenten den Berliner Teufelsberg. Von hier haben britischer und US-Geheimdienst im Kalten Krieg den gesamten Ostblock abgehört.

Daniel Domscheit-Berg ist zum ersten Mal hier oben. Er ist beeindruckt: Vom alten Horchposten aus scheint Ost-Berlin tatsächlich zum Greifen nahe. Daniel Domscheit-Berg setzt sich für Freiheit und Anonymität im Netz ein. Er hat Wikileaks mitgegründet, betreibt heute die Plattform Open Leaks, auf der Geheimnis-Schmuggler ihre Daten anonym veröffentlichen können. Das bekannt gewordene Ausmaß der Internet-Überwachung alarmiert ihn. 

Daniel Domscheit-Berg, Informatiker und Netz-Aktivist
"Allein das Wissen, dass es einen potenziellen Überwachungsapparat gibt, setzt ja die Schere im Kopf schon an: Ich fange an mich selbst zu zensieren, mir Gedanken zu machen, ob ich gerade etwas gesagt habe, was blöd war, was missverständlich war. Ich fange an, Dinge nicht mehr am Telefon oder nicht mehr per E-Mail. Oder wie auch immer."

Daniel Domscheit-Berg sieht in der NSA-Affäre aber auch eine Chance: Dass die Gesellschaft lernt, besser mit Medien umzugehen.

Wer jetzt begreift, wie leicht sich E-Mails abfangen lassen, schützt sich. Es gibt Programme, wie Vorhängeschlösser für Mails: nur Sender und Empfänger haben den digitalen Schlüssel.

Wer beim Surfen keine Spuren hinterlassen will, benutzt Tor, ein Programm, wie die 1.000 Häute einer Zwiebel: Es lenkt die Daten durch so viele Internet-Knotenpunkte weltweit, dass kein Geheimdienst mehr hinterher kommt.

Wie im richtigen Leben, ist auch im Netz die Anonymität eine Voraussetzung für Demokratie, sagt Daniel Domscheit-Berg.

Daniel Domscheit-Berg, Informatiker und Netz-Aktivist
"Genauso muss ich im Netz auch anonym bleiben können, Pseudonym, damit ich meinem politischen Willen Ausdruck geben kann. Damit ich vielleicht zu Themen, die mich persönlich privat betreffen, die man zu meinem Nachteil nutzen könnte oder wie auch immer… dass ich zu diesen Themen sanktionsfrei und folgenfrei sprechen kann."


Wie das geht, wollen auch diese Berliner lernen. Verschlüssel- oder Crypto-Partys wie diese boomen seit zwei Monaten. Früher haben hier Computer-Nerds um die Wette gefachsimpelt. Seit Edward Snowdens Enthüllung, kommen auch Otto-Normal-User vorbei. Und Frauen.

Susanne Berger, Ingenieurin
"Ich bin auch eine von diejenigen, die aufgeschreckt worden ist durch die Berichterstattung NSA und das Thema eigentlich weit weg bisher im Leben betrachtet hat."

Für den Jurastudenten Janosch sind anonym Surfen und verschlüsselt Kommunizieren nicht nur demokratische Grundrechte, sondern auch Mittel im politischen Kampf: Er verschlüsselt mit dem Vorsatz, Geheimdienste zu sabotieren.

Janosch, Jura-Student
"Es macht dem Geheimdienst einfach insgesamt schwieriger alle Kommunikation zu erfassen, und da, glaube ich, trage ich einfach einen Beitrag zu."


Im Riesenschredder auf dem Teufelsberg liegen noch die Akten-Krümel aus dem Kalten Krieg. Schon das Konzept eines Geheimdienstes erscheint dem Piraten-Mitglied Domscheit-Berg aus der Zeit gefallen.

Dass im Internet Terroristen unterschlüpfen, weiß er. Doch er findet: Das Recht auf das Private sollte deshalb nicht verloren gehen.

Daniel Domscheit-Berg, Informatiker und Netz-Aktivist
"Ich glaube, man findet Mechanismen, die auch funktionieren, die auch in der Gesellschaft getragen werden können. Aber darüber muss man erst mal drüber sprechen. Und das sind dann keine Lösungen, die ein Geheimdienst aufbaut, und die dann hinter verschlossenen Türen gemacht werden können, sondern das muss etwas sein, wo wir als Gesellschaft einen Konsens finden können."


Daniel Domscheit-Berg fordert, Datenmissbrauch strenger zu kontrollieren. Doch nationale Verbote können im weltweiten Netz ganz einfach umgangen werden.  Er glaubt stattdessen an einen Dialog der Weltgesellschaft im Netz, um so Lösungen zu finden. Die Piratenpartei, deren Mitglied er ist, nennt das Liquid Democracy.

Daniel Domscheit-Berg, Informatiker und Netz-Aktivist

"Das Internet ist, historisch betrachtet, aus meiner Sicht die größte Chance, die wir haben, für ein glückliches Miteinander auf der Welt. Es macht uns frei, weil es uns ermöglicht, auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren und eine gemeinsame Marschrichtung zu finden."


Dass viele jetzt darüber diskutieren, wieviel Freiheit im Netz wir aushalten können, tut dem Ganzen nur gut.


Autorin: Patricia Corniciuc

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