"Das Mädchen Wadjda" (Quelle: Koch Media / Neue Visionen)

- 'Das Mädchen Wadjda'

In Deutschland leben Frauen ganz selbstverständlich mit ihren Freiheit - das ist nicht überall auf der Welt so. Der Film "Wadjda" zeigt das. Es ist der erste Kinofilm, der im streng islamischen Königreich Saudi-Arabien gedreht wurde - von einer mutigen Regisseurin und einem Berliner Produzententeam.

Wadjda träumt davon, Fahrrad zu fahren.

In Saudi Arabien ist dieser Wunsch unerfüllbar - zumindest für Frauen. Im streng islamischen Königreich dürfen Frauen bislang weder Auto- noch Radfahren. Sie müssen sich in der Öffentlichkeit verschleiern.

Vieles, was für hier selbstverständlich ist, gilt in Saudi Arabien als unehrenhaft. Wie zum Beispiel sich auf offener Strasse fotografieren oder filmen zu lassen. Oder mit fremden Männern zu sprechen.

Der Film erzählt, wie der Traum einer 10-Jährigen fest gefügte Regeln und damit das ganze Leben durcheinander bringen kann. Denn Wadjda will nicht aufgeben: Sie will Fahrrad fahren lernen.

Es ist ein kleines Wunder, dass Haifaa al Mansour diese Geschichte verfilmt hat - in einem Land, in dem Kinos verboten sind, nur wenige Frauen überhaupt arbeiten. Die saudische Regisseurin hat das Unmögliche geschafft: Sie hat den ersten Kinofilm in Saudi Arabien gedreht - zusammen mit dem Berliner Filmproduzenten Roman Paul. Monatelang hat er dafür gekämpft, dass aus einer kühnen Idee ein Spielfilm wird.

Roman Paul, Produzent

"Der erste Investor ist gleich mal abgesprungen, als er gehört hat, wir drehen in Saudi Arabien und nicht in den Emiraten, da ist die Tür gleich mal ins Schloss gefallen. Wir hörten dann sehr extreme Statements, was wir da vorhätten, wäre ja der helle Wahnsinn."


Schließlich klappt die Finanzierung und sie bekommen eine offizielle Drehgenehmigung. Ein deutsches Team wird eingeflogen, weil es in Saudi Arabien keine Filmindustrie gibt. Deutsche und Saudis, Männer und Frauen auf einem Filmset, schon die Dreharbeiten sind eine Kulturrevolution.

Roman Paul, Produzent
"Es geht jetzt vielleicht nur um ein Mädchen, das Fahrrad fahren will, aber eigentlich geht es um so viel mehr. Es ist ein Film, der wirklich wichtig ist. Der ist wichtig für die Menschen da. Und er ist auch wichtig für die Menschen hier. Er trägt zur Völkerverständigung bei, wenn man dort dreht als Team aus Deutschland mit Team aus Saudi Arabien, das man sich da zusammengestellt hat, das ist der erste Culture Clash zunächst. Und dann ist es aber auch Verständigung zwischen zwei sehr extrem voneinander entfernten Kulturen."


Der Film zeigt wunderbar beiläufig, wie groß die Unterschiede sind. Und er erzählt, in was für einer widersprüchlichen Welt Mädchen wie Wadjda aufwachsen. Wadjdas Mutter sucht ein Kleid, mit dem sie ihren Ehemann zu Hause hinter verschlossenen Türen bezirzen will. Das knallrote Kleid als Kontrast zur schwarzen Abaya, dem Ganzkörperschleier.

Religiöse Regeln bestimmen das Leben jedes einzelnen bis ins Detail. Wie kompliziert sie das Alltagsleben machen können, bekommt auch das Filmteam und Regisseurin Haifaa Al Mansour zu spüren.

Haifaa Al Mansour, Regisseurin

"Wir leben in einer getrennten Gesellschaft, oft musste ich mich verstecken, weil die Konservativen keine Frau zusammen mit Männern auf der Straße sehen wollen. Selbst wenn ich gar nicht zu sehen war, kamen sie und verlangten, dass das Filmteam abhaut."

Roman Paul, Produzent
"Manchmal hat, sie ist schon sehr sehr emotional, es dann einfach auch nicht mehr auf dem Stuhl gehalten und dann ist sie rausgerauscht und wir haben immer geschrien: Komm zurück, komm zurück. Rein ins Auto, rein ins Auto. Haifaa war dann am Set, und dann haben wir versucht, sie zu überreden, dass sie wieder zurück in den Van geht, und dann hat sie gesagt: Ihr seid ja schlimmer als die schlimmsten Hardliner."


Wenn Wadjda heimlich ihre Runden dreht, ist das wie ein Akt des Aufbegehrens - gegen überkommene Regeln und absurde Ängste.

Roman Paul, Produzent

"Die Geschichte Wadjdas steht sicherlich dort für die Geschichte einer neuen Generation von Frauen. Haifa geht es darum, auch darzustellen, dass man auch entgegen von Regeln gesellschaftlicher Natur, die dort herrschen, eigene Wünsche durchsetzen kann."


Haifaa Al Mansour, Regisseurin
"Die junge Frauengeneration will ganz normal leben, sich verlieben, Freundschaften schließen, sie will nicht mehr isoliert sein."


Zwei starke Frauen, Hauptdarstellerin und Regisseurin, stehen für ein Land im Umbruch. Sie wollen Fußball spielen und Fahrrad fahren. Das ist in Saudi Arabien übrigens seit kurzem offiziell erlaubt.


Autorin: Katharina Wenzel

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