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Das Themenjahr "Zerstörte Vielfalt" widmet sich auch Berliner Künstlern, die nach 1933 verboten wurden, vertrieben oder ermordet. Doch die Show sollte auch unter den Nazis weitergehen, was Karrieren ermöglichte, die es sonst vermutlich nie gegeben hätte. So wie die der Tänzerin Lysa Kayser-Corsy.
Sie will einfach nur berühmt werden und dafür macht sie alles - die Tänzerin Lysa Kayser-Corsy. 1940 ist sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mit ihrem Mann tritt sie auf. Unterhaltung unterm Hakenkreuz. Die erst jetzt aufgetauchten Dokumente geben einen Einblick in eine Karriere, wie sie nur in dieser Zeit möglich ist.
Vera Kattermann, Neue Arbeitsgemeinschaft für Zeitgeschichte + SozioAnalysen e.V.
"Mein Eindruck war, das das eine Frau war, die bereit war für Ihre Darbietung von Kunst und für ihren persönlichen Ruhm, das ist jetzt hart gesagt, aber eigentlich über Leichen zu gehen."
Eine Karriere im Nationalsozialismus - im Nachlass der Künstlerin kann man erkennen, wie aus einer zweitklassigen Tänzerin eine Berühmtheit wird. Lysa Kayser-Corsy, die mit bürgerlichem Namen Liselotte Schmidt heißt, wird Mitglied der Reichstheaterkammer, ist mit den höchsten Offizieren auf Du. Moralische Bedenken kennt sie nicht.
Künstler sollen unterhalten, ablenken, die Massen für den Nationalsozialismus begeistern im Rahmen der "Kraft durch Freude"-Programme. Diese Auftritte bescheren Kayser-Corsy und ihrem Mann ein unbeschwertes Leben, ein großes applaudierndes Publikum, obwohl sie nur eine Tänzerin zweiten Ranges ist.
Vera Kattermann, Neue Arbeitsgemeinschaft für Zeitgeschichte + SozioAnalysen e.V.
"Wenn man so die Korrespondenz liest, preist sie sich selbst immer wieder, sie hätte großartige, einzigartige Erfolge. Es ist eine sehr umfassende Inszenierung, und da fängt es an Sinn zu machen, wenn man das persönliche Motiv mit der nationalsozialistischen Ideologie zusammenführt, da wird wie ein Schuh draus, dass es auf einmal psychologisch so prägnant wird, ja, natürlich hat das so funktioniert."
Berlin in den 20er Jahren. Nie zuvor gibt es mehr Varietés und Cabarets. 1922 hat Berlin 170 davon. Hier heißt es: hoch die Gläser, hoch das Bein.
Lysa Kayser-Corsy wird 1907 in München geboren. Sie besucht die Filmschule, will Tänzerin werden, auch gegen den Willen ihrer Eltern. Mit ihrem Mann Carlo tritt sie als Akrobatin und Tänzerin schon in den 20er Jahren in verschiedenen Lokalitäten auf, aber ohne besonderen Erfolg.
Vera Kattermann, Neue Arbeitsgemeinschaft für Zeitgeschichte + SozioAnalysen e.V.
"Man bekommt aus dem Nachlass den Eindruck, wie hart es war, wie mühsam es war ihre Engagements einzufädeln, und das hat sich erst mit Kriegsbeginn geändert."
Über 4.000 Künstler müssen aufgrund ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Herkunft zwischen 1933 und 1945 das Land verlassen. Oder bekommen Berufsverbot wie Gret Palucca, die durch ihren expressionistischen Ausdruckstanz in ganz Deutschland bekannt ist. Oder Mary Wigman, damals eine Berühmtheit.
Das ist die Zeit von Lysa Kayser-Corsy. Sie plant, wie sie zum Frontbühnenstar werden kann. "Die deutsche Tanzbühne" heißt es in den Programmheften "bringt deutsche Kultur in tänzerischer Form nahe." Sie tritt an den Fonten in ganz Europa auf, und an Orten wie Lublin, in einem der ersten Konzentrationslager.
Bernd Tallig, Freund von Lysa Kayser-Corsy
"Sie ist auch im KZ aufgetreten, ich weiß nicht mehr in welchem. Also, alles was man gesagt hat, das stimmt alles gar nicht, die Leute sind am Typhus gestorben, weil die hygienischen Verhältnisse nicht so waren, aber ansonsten haben die nichts auszustehen gehabt, die sahen alle gut aus."
Bernd Tallig vor ihrem Haus in Friedenau. Nach dem Krieg eröffnet Lysa Kayser-Corsy hier eine Ballett- und Mannequin-Schule. Tallig ist 1972 ihr Schüler und ihr Vertrauter.
Der Versuch weiterhin als Tänzerin aufzutreten scheitert, ihr Mann verlässt sie. Die Ballettschule hält sie knapp über Wasser. Ihre Karriere im Nationalsozialismus hat sie immer verdrängt. Sie stirbt 1987. Eine Frau, die sich bis zum Schluss, so scheint es, nie mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt hat.
Bernd Tallig, Freund von Lysa Kayser-Corsy
"Auf der einen Seite war sie sehr bestimmend, da musste man dann darüber weggehen, wenn sie dann eine Meinung hatte, hat es keinen Sinn gemacht ihr zu widersprechen, das hat sie nicht gelten lassen."
Die jetzt aufgetauchten Dokumente geben Einblick in eine Künstlerkarriere, die so nur bei völliger Verdrängung der Naziverbrechen möglich war.
Autorin: Yvonne von Kalinowsky









