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In der Nacht zum 4. September 2009 werden zwei Tanklaster in Afghanistan auf deutschen Befehl bombardiert. Viele Menschen kommen dabei um - Taliban, aber auch Zivilisten. Die Umstände sind bis heute nicht ganz aufgeklärt. Vier Jahre später rekonstruiert der ARD- Film "Eine mörderische Entscheidung" was damals geschah.
4. September 2009, amerikanische Kampfjets nehmen zwei Tanklastwagen bei Kunduz ins Visier. Angefordert hat sie die Bundeswehr. Die Militärs gehen davon aus, dass Taliban mit den Tanklastern Anschläge planen und geben den Befehl zur Bombardierung.
In einer Mischung aus Spielfilm und dokumentarischen Bildern rekonstruiert der Film die Entscheidung und ihre verheerenden Folgen. Unzählige Todesopfer und Schwerverletzte. Die Bundeswehr, die das Land wieder aufbauen soll, hat Menschen getötet. Eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Raymond Ley, Regisseur
"Durch dieses Ereignis 2009 hat sich der Paradigmenwechsel ergeben. Bisher war es eine wie auch immer geartete Auseinandersetzung, danach durfte Herr Gutenberg sagen, es ist Krieg. Klein hat auch diesen Schlüssel umgelegt."
Oberst Georg Klein. Er war der befehlshabende Offizier beim Luftangriff in Kunduz. Er gilt als besonnener Soldat. Kein Rambo am Hindukusch.
Im Film spielt Matthias Brandt den Oberst, gibt ihm ein sympathisches Gesicht.
Das Dokudrama "Eine mörderische Entscheidung" versucht zu ergründen, wie es zu dieser Eskalation kommen konnte. Ausführlich schildert es die Wochen vor dem Bombardement, in der die Bundeswehr zunehmend in Gefechte verwickelt wird.
Deutsche Soldaten sterben.
Raymond Ley, Regisseur
"Dass Sergej Motz starb, das war der erste deutsche Soldat in einem Gefecht nach dem Zweiten Weltkrieg. Das hat auch Klein verändert, das sagt er auch im Untersuchungsausschuss, das hat uns alle beeinflusst. Das hat ihn auch für kommende Entscheidungen anders aufgestellt."
Berlin fordert eine härtere Gangart. Oberst Klein gerät in einen Gewissenskonflikt.
In dieser angespannten Lage entführen Taliban die zwei Tanklaster und bleiben damit stecken. Im Lager der Bundeswehr beobachten die Offiziere das Geschehen. Der Oberst muss entscheiden: besteht eine unmittelbare Gefahr für seine Soldaten. Nur dann darf er laut Völkerrecht angreifen.
Tatsächlich strömen hunderte Dorfbewohner zum Fluss, um Benzin abzuzapfen. Darunter viele Kinder. Die Militärs bewerten die Situation anders.
Ließ sich der Oberst also verleiten, wollte er Stärke zeigen, ließ er bombardieren, weil er überzeugt war, Gefahr für seine Soldaten abwenden zu müssen?
Die entscheidende Frage bleibt bis heute: Wer waren diese Menschen, die im Feuer starben. Waren sie Taliban oder Zivilisten. Und vor allem, wie viele sind gestorben? Von 17 bis zu 170 Toten ist zunächst die Rede. Die Bundeswehr scheint wenig um Aufklärung bemüht.
Der Berliner Fotograf Marcel Mettelsiefen wollte es genau wissen, recherchierte monatelang in Afghanistan, sprach mit Angehörigen. Am Ende hatte er 91 Todesopfer identifiziert.
Marcel Mettelsiefen, Fotojournalist
"Man hat einfach vergessen, zurückzuschauen, genau hinzuschauen, zu gucken, wer gestorben ist. Die innerpolitische Schlammschlacht, wir waren damals kurz vor den Wahlen 2009, die hat den Blick einfach komplett von Afghanistan abgewendet."
Oberst Klein schweigt bis heute zu den Ereignissen. Nur einmal musste er sich öffentlich vor dem Untersuchungsausschuss rechtfertigen. Anhand der Originalprotokolle zeigt der Film einen Bürokraten in Uniform.
Matthias Brandt
"Ich finde es gut, dass noch einmal so eine Diskussion in Bewegung kommt. Weil ich finde, dass in diesem Kontext zu viele Fragen nicht beantwortet sind, aber wir haben ein Anrecht darauf, dass diese Fragen beantwortet werden als Bürger dieses Landes."
Der Film gibt keine klaren Antworten, er verurteilt nicht. Er führt uns aber mitten hinein in den schwer durchschaubaren Krieg und konfrontiert uns mit der Frage: Wie hätten wir entschieden?
Autorin: Birgit Wolske










