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Im November 1927 trennen sich im Berliner Hotel Adlon Carl und Thea Sternheim. Er ist einer der meistgespielten Dramatiker des 20. Jahrhunderts - und ein katastrophaler Ehemann. Sie hätte durchaus das Talent zu einer großen Schriftstellerin gehabt - wenn er sie denn gelassen hätte. Die Geschichte ihrer Liebe und ihres Leidens kann man jetzt nachlesen.
"Nach überirdischen, jungen Liebesglück...habe ich das Recht Dir zu sagen", schreibt der berühmteste Theaterautor der Weimarer Republik Carl Sternheim im Hotel Adlon, "wie Du mir ein viertel Jahrhundert Start, Weg und Ziel eines nicht gewöhnlichen Lebens unvergesslich...für mich gewesen bist." Ein Abschiedsbrief an seine Frau Thea, die ihn am Vorabend nach 25 Ehejahren verlassen hat.
Monika Melchert, Literaturwissenschaftlerin und Autorin
"Im praktischen Alltagsleben sind sie immer wieder an Grenzen gestoßen, dieses Explosive in dieser Ehe, das hat mich fasziniert, wie die Frau auch versucht es auszuhalten, aber irgendwann darunter beinahe auch kaputt geht."
In "Abschied im Adlon" erzählt Monika Melchert die Geschichte einer stürmischen und erstaunlichen modernen Ehe. Sie hat sie in Thea Sternheims Tagebüchern entdeckt.
Carl Sternheim wächst in Berlin auf, in einer jüdischen Bankiersfamilie, die bald alles Geld verliert. Schon früh interessiert er sich fürs Theater, will Schriftsteller werden. Er ist egozentrisch und hochgradig depressiv und wird schnell wieder aus dem Wehrdienst entlassen.
1905 lernt er Thea kennen und verfällt ihr sofort. Die reiche Tochter eines Schraubenfabrikanten ist noch verheiratet, ebenso wie er. Dann wird Thea von Carl schwanger. Ein Skandal - der Thea nicht weiter stört. In Carl sieht sie die Möglichkeit aus den Zwängen ihres luxuriösen, aber konventionellen Lebens auszubrechen.
Als ihre Tochter Dorothea, genannt Mopsa zu Welt kommt, scheint das Glück vollkommen. Thea wird Carls Muse und Mäzenin. Die Millionen-Erbin bringt das Geld ein, Carl gibt es aus. Sie ziehen in ein Schloss bei München, nennen es "Bellemaison". Dann beginnen die Konflikte.
Monika Melchert, Literaturwissenschaftlerin und Autorin
Obwohl sie die reiche Erbin ist, will eigentlich ein normales Familienleben, bekommt das zweite Kind, den Sohn Klaus, aber Sternheim will immer auf großem Fuße leben, will präsentieren. Er hat Personal im Haus, er ist ein Snob."
Seinen Geltungsdrang und seine Sucht nach Eleganz verarbeitet Carl Sternheim in dem Bühnenstück "Der Snob". Es wird im Deutschen Theater uraufgeführt. Max Reinhardt, oftmals zu Gast im Schloss "Bellemaison" inszeniert das Stück höchstpersönlich.
Die Sternheims reisen oft nach Berlin, logieren im Hotel Adlon. Hier treffen sie ihre alten Freunde, die intellektuellen Stars der Zeit wie Paul Cassirer, Gerhart Hauptmann oder Walter Rathenau.
Kurz vor dem ersten Weltkrieg ziehen die Sternheims nach Belgien. Dort lernen sie den Militärarzt und Lyriker Gottfried Benn kennen. Thea ist begeistert von Gottfried Benns Gedichten, beginnt selbst zu schreiben. Anfangs ist auch ihr Mann angetan.
Monika Melchert, Literaturwissenschaftlerin und Autorin
"Zuerst hat Sternheim sie ermutigt, sie hat also sehr zögernd ihm ihre ersten Versuche vorgelesen, die dann später in dem Roman 'Sackgassen' eingehen, aber je mehr sie schreibt, je länger über die eine Geschichte hinaus geht, macht er ihr klar: Frauen können nicht schreiben."
Er demütigte sie, wo er nur kann, lässt keine Gelegenheit aus, um sie mit anderen Frauen zu betrügen. Dann versöhnen sie sich wieder. Irgendwann hält Thea dieses Auf und Ab nicht mehr aus - an ihrem 44. Geburtstag, den sie im Hotel Adlon feiert, trifft sie eine Entscheidung - und verlässt Carl.
Monika Melchert, Literaturwissenschaftlerin und Autorin
"Die Tochter erinnert ihn daran, dass die Mutter Geburtstag hat, darauf sagt Sternheim: 'Ich habe andere Sorgen, darum kann ich mich nicht kümmern' - das ist für Thea Sternheim der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt."
"Abschied im Adlon" - ein bewegendes Buch über ein Traum- und Alptraumpaar aus dem letzten Jahrhundert und eine unlebbare Liebe.
Autorin: Margarete Kreuzer










