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Weltweit sind die Kritiker hingerissen von ihr und ihrem Debutroman. Wenn man Taiye Selasi fragt, wo sie herkommt, gibt es keine einfache Antwort: Ihr Vater stammt aus Ghana, ihre Mutter aus Nigeria, sie selbst ist aufgewachsen in Amerika und lebt momentan in Rom. Zurzeit ist sie in Berlin unterwegs.
Ihr Name Taiye bedeutet übersetzt: Die Welt sehen und schmecken. Und das passt zu ihr.
Taiye Selasi, Schriftstellerin
"Ich liebe es unbändig, mir diese Welt anzusehen, in der wir leben. Ich will sie verstehen. Auch wenn es nur kleine Fetzen sind, die man erhascht - es ist ein Anfang."
Die Welt zu erkennen, ist ihr Antrieb: Taiye Selasi, Shooting Star des internationalen Literaturbetriebs, unterwegs in Berlin. Für vier Wochen ist sie in der Stadt. Und erkundet. Sie hat ein Ritual: In jeder Stadt, in die sie kommt, macht sie erst einmal ein Foto. Hier am Kudamm hat es ihr dieser Bär angetan.
Berlin ist Zwischenstopp in einem Leben, das keine Heimat kennt. Oder zumindest nicht nur eine: Taiye Selasi hat in New York und Delhi gelebt, zur Zeit wohnt sie in Rom und bald in Amsterdam. Sie weiß immer, wo es sie hinzieht, aber wo kommt sie eigentlich her?
Taiye Selasi, Schriftstellerin
"Mein Vater kommt aus Ghana, meine Mutter aus Nigeria, ich wurde in London geboren und bin in den USA aufgewachsen. Als ich jünger war, hat es mich furchtbar geärgert, wenn mir gesagt wurde, was ich alles nicht bin: Amerikaner sagten mir, ich sei nicht amerikanisch genug, Briten, ich sähe nicht britisch aus. Ghanaern oder Nigerianern war ich zu wenig afrikanisch. Alle vier Türen einer möglichen Identität wurden mir sozusagen vor der Nase zugeschlagen. Und da habe ich mir gesagt: Wenn sie mich nicht sein lassen, was sie sind, dann denke ich mir eben aus, was ich sein will."
Sie erfindet den Begriff der "Afropoliten" für Menschen wie sich: Weltbürger mit afrikanischen Wurzeln, jung, gebildet, erfolgreich. Und irgendwie heimatlos. In ihrem Debütroman erzählt Taiye Selasi von dieser Zerrissenheit, von einer Familie wie ihrer, die verstreut über die Kontinente lebt.
Taiye Selasi wuchs in Boston auf, ihre Mutter, eine Kinderärztin, zog sie und ihre Zwillingsschwester alleine auf. Der Vater hatte die Familie schon früh verlassen.
Taiye Selasi, Schriftstellerin
"Meine Mutter war sehr streng mit uns. Wenn meine Schwester oder ich mit einer Eins Minus nach Hause kamen, fragte sie, warum 'Minus'? Wenn wir 95 Prozent erreichten, fragte sie: Was ist mit den anderen 5 Prozent? Im Rückblick verstehe ich, warum sie so war: Sie wusste nur zu gut, dass sie zwei Kinder westafrikanischer Abstammung in einem Land großzog, in dem Westafrikaner nicht unbedingt als besonders intelligent angesehen wurden. Um eine Chance zu haben, mussten wir besser sein."
Taiye Selasi ist meistens die beste, sie studiert in Yale und Oxford. Arbeitet als Hedgefonds-Managerin an der Wall Street. Und doch schämt sie sich, wenn sie nach ihrer Herkunft gefragt wird. Weil sie dann zugeben muss, dass ihr ghanaischer Vater mit drei Frauen gleichzeitig verheiratet war. Dass auch Afrika ihr fremd ist.
Taiye Selasi, Schriftstellerin
"Als ich mit 15 zum ersten Mal das Dorf meines Vaters besuchte, habe ich mich unwohl gefühlt. Weil soviele meiner unmittelbaren Verwandten dort ohne fließend Wasser leben mussten. Und weil ich nicht einmal ihre Sprache sprach. Obwohl ich doch genauso aussah und ständig jemand in den schönsten, lyrischen, für mich vollkommen unverständlichen Worten auf mich einredete. Ich fühlte mich Zuhause und zugleich fremd. Und natürlich habe ich mich gefragt: Warum habe ich all diese Möglichkeit gehabt, und nicht mein Cousin?"
Diese Fragen haben Taiye Selasi zur Schriftstellerin gemacht: Was macht uns aus? Der Ort unserer Geburt? Oder die Schicht, aus der wir stammen? Nach Antworten sucht sie, wo immer sie ist. Auch in Berlin, als Wahl-Römerin, die in einer Kreuzberger Markthalle mit den Italienern vom Feinkoststand parliert.
Taiye Selasi will das Wesen der Menschen ergründen. Und sie merkt, dass es etwas gibt, was überall gleich ist.
Taiye Selasi, Schriftstellerin
"Die Suche nach Liebe. Wirklich, die ist überall gleich. Und überall geht es erstmal schief, bevor es klappt. Liebe macht uns groß und Liebe zerstört uns. Immer, immer wieder. Ob es die Liebe zwischen Mutter und Kind ist, zwischen Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau oder auch zwischen einem Bürger und seinem Land: Wir suchen immer nach Liebe, nach Zugehörigkeit, wir wollen zusammensein. Das ist die Heimat, nach der wir suchen."
Autor: Tim Evers










