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Wie schwierig es mit der Liebe ist, wie überwältigend der Beginn, wie schwer der Abschied - davon erzählt der Schriftsteller Uwe Timm in seinem neuen Roman . Zwei Paare verlieben sich über Kreuz - ein doppelter Ehebruch. Uwe Timm ist mit "Vogelweide" auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis gelandet.
Er ist der Meister des Intimen, einer, der private Gesten mit solch einfühlsamer Schärfe beschreibt, dass in ihnen die ganze Gesellschaft aufscheint. In seinem neuen Buch erzählt Uwe Timm über die Ehe. Er fragt, was Paare in unserer freizügigen Konsumwelt noch zusammenhält. Oder: warum das Begehren, ein leidenschaftlicher Ehebruch, auch dann eine Beziehung aus den Angeln heben kann, wenn die Partner an die wahre Liebe glauben.
Uwe Timm, Schriftsteller
"Das Interessante ist, dass es auch mit größtem bestem Vorsatz passieren kann. In dem Moment, wo dieses Begehren über diesen Vorsatz, zusammen zu bleiben und die Liebe einzuhalten, siegt, anarchisch hinein platzt. Das war der Auslöser und es hat lange gedauert, bis ich dazu kam, darüber zu schreiben."
Große gesellschaftliche Themen in persönlichen Geschichten - darum geht es in allen Büchern von Uwe Timm, seit er in der Folge der 68er Bewegung zu schreiben begann. Ob er von einem ehemaligen Jungrevoluzzer erzählt, der als Taxifahrer jobbt, oder seine eigene Hamburger Familie erforscht, die nationalistisch deutsch war.
Uwe Timm, Schriftsteller
"Ich habe zuhause eine sehr deutsche Erziehung genossen. Mein Vater war Soldat, das hieß Pflichterfüllung, Gehorsam, Fleiß. Das wurde 1968 ja alles in Frage gestellt, und man selbst stellte sich auch in Frage: das Autoritäre, das man noch in sich hatte."
Uwe Timm nimmt aktiv an der Studentenbewegung teil. In einer späteren Erzählung erzählt er rückblickend über den Tod von Benno Ohnesorg, der ein Freund von ihm vom Studienkolleg war. Politisiert geht er zum SDS, tritt in die DKP ein.
Uwe Timm, Schriftsteller (1969)
"Bei uns sollen Betriebsschutzgruppen unsere Fabriken vor den Arbeitern schützen. Was halten sie davon?"
Auch damals erfasst er den Moment politisch wie privat. In der Bibliothek fällt ihm seine spätere Frau Dagmar auf, die mit ihm Germanistik studiert. Er ergreift die Initiative.
Uwe Timm, Schriftsteller
"Ich habe das also gepackt, bin hingegangen, habe sie zum Tee eingeladen, mit der Folge, dass wir innerhalb von einer Woche wussten, dass wir heiraten."
44 Jahre ist Uwe Timm mit seiner Frau verheiratet, viel länger als so viele Paare in ihrer Generation - und die Paare in seinem neuen Buch. Gerade deshalb hat ihn das Thema auch literarisch umgetrieben. Denn es sind ja "seine" 68er, die das freizügigere und weniger verbindliche Partnerschaftsmodell eingeführt haben - und dessen Folgen Uwe Timm nun beschreibt.
Uwe Timm, Schriftsteller
"Wenn man davon überzeugt ist, mit jemandem zusammen sein zu wollen, dann ist das dieses Versprechen, bezogen auch auf Kinder, dass es auf eine lange Zeit hält und diese ganzen Achterbahnfahrten, die es im Alltag gibt, mit durchsteht. Ich denke, es ist ein Unterschied, ob man von vornherein sagt, diese Ehe, dieses Zusammensein ist heute so verflüchtigt, das spielt überhaupt keine Rolle mehr."
Wenn er zwischen seinen Schreibstunden am Friedhof in seiner Friedenauer Nachbarschaft spazieren geht, ist das für ihn auch eine Erinnerung, dass das Leben kein beliebig verfügbares Konsumgut ist - und dass man deshalb für Werte im Leben kämpfen muss.
Uwe Timm, Schriftsteller
"Dieser Jugendlichkeitswahn ist etwas, was sich gegen den Tod richtet, permanent. Das führt eben zu einer merkwürdigen Wurschtigkeit. Was heute so fehlt, ist ein Moment der Empörung."
Wachmachen, die Sinne schärfen, das will Uwe Timm bis heute, aber ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Wie in seinen bisherigen Büchern erzählt er auch in seinem neuen Roman "Vogelweide" ebenso unterhaltsam wie eindringlich, dass wir das Gesellschaftliche vor allem durch unsere private Entscheidungen verändern.
Autor: Norbert Kron










