- 'Geraubte Mitte'

Erst haben die Nationalsozialisten das Haus des jüdischen Geschäftsmanns Jakob Intrator zwangsversteigert. Später wurden sie von der DDR enteignet. Joanne Intrator, die Ur-Enkelin, hat lange um das Erbe gekämpft und doch nur Geld und nie Recht bekommen. Eine der vielen Geschichten aus der Ausstellung "Geraubte Mitte".

Aufgewühlt steht Joanne Intrator vor dem einstigen Familienbesitz in der Wallstraße. Am morgen ist sie aus New York angekommen. Endlich hat sie jemanden gefunden, der die komplizierte Geschichte des Hauses öffentlich macht: Benedikt Goebel, Historiker und Ausstellungsmacher. Sie erzählt, wie es 1938 zur Zwangsversteigerung kam - und von ihrem langen Kampf vor Gericht. Zuletzt war Joanne vor 13 Jahren hier. Damals hat sie das Haus zwar zurückbekommen, musste aber die Erbin derer, die das Haus billig ersteigert hatten, ausbezahlen.

Joanne Intrator
"Ich würde ihr am liebsten sagen: Wie konnten Sie es nur wagen? Diese Nerven. Was haben Sie sich gedacht? Wie rücksichtslos kann man sein? Es hat sie überhaupt nicht bekümmert, welche Geschichte das Haus hat. Auch ihre Anwälte hat es nicht interessiert. Es gab weder Sympathie noch Mitgefühl. Es war ihnen egal."


Die einstigen Profiteure der Zwangsversteigerung sind ebenfalls enteignet worden: 1973, zu DDR-Zeiten. Eine verfahrene Situation. Joannes' Vater hat bis zu seinem Tod nie daran geglaubt, dass er je einen Cent vom Haus in der Wallstraße wieder bekommen würden.

Joanne Intrator
"Er war extrem pessimistisch. Und niemand aus der Familie war besonders interessiert an den Einzelheiten. Außer mir. Ich war immer neugierig, was damals passiert ist."

Als junger Jurist verliert der Vater 1933 seine Stelle und flieht später nach Amerika, lange vor seinen Eltern. Anhand ihrer Briefe kann die Familiengeschichte erzählt werden - in der Ausstellung über geraubten Grundbesitz in Berlin-Mitte.

Dicht besiedelt war die historische Altstadt. Doch an die Geschichte ihrer jüdischen Besitzer erinnert: nichts. Oft sind nur noch Grünflächen geblieben. Bei Joanne gab es zumindest das Haus noch. Wie eine Löwin habe sie darum gekämpft, erzählt die Psychologin. Sieben lange Prozessjahre.                

Joanne Intrator
"Die Nachfahren der Arisierer behaupten, mein Vater habe das Gebäude verloren, weil er ein schlechter Geschäftsmann war. Das war eine Abscheulichkeit. Damit konnte ich nicht leben. Dieses Gefühl hat mich vermutlich durch all die Prozesse getrieben, hat mir Energie gegeben, zu kämpfen. Weil das eine große Ungerechtigkeit war."


Als Zumutung empfindet sie, dass sie vor Gericht beweisen musste, dass ihr Großvater, Jakob Intrator, das Haus tatsächlich wegen antisemitischer Repressalien versteigern lassen musste. Wie alle Juden musste er hohe Steuern zahlen, fast die Hälfte des Vermögens. Kredite wurden ihm verweigert, Mieten nicht bezahlt. Das hat ihn ruiniert, bevor ihm die Flucht nach Amerika gelang. All das hat Joanne für den Prozess recherchiert. Und sie hat auch herausgefunden, dass die Käufer von damals NSDAP-Mitglieder waren und mit Nazi-Emblemen ihr Vermögen machten.

Joanna Intrator
"Ich habe bestätigt bekommen, dass Nazi-Flaggen in diesem Gebäude hergestellt wurden. Das Verheerendste war für mich aber, dass hier auch die Armbinden mit dem Judenstern hergestellt wurden. Eine Million Stück, bis September 1941, in unserem Gebäude, und dass Zwangsarbeiter beschäftigt wurden."


Dass die damaligen Käufer Nazis waren, ist für Joanne klar. Ausbezahlt hat sie die Erbin dennoch. Sie wollte endlich ihre Ruhe. Viele solcher Geschichten gibt es, aber nur wenige Nachfahren haben ihren Besitz wieder bekommen. Denn da ist nichts mehr. Abgerissen von den Nationalsozialisten. Bomben und die DDR-Stadtplaner vollenden die Zerstörung. Jetzt aber gibt es für einige dieser Grünflächen neue Bebauungspläne - was nun?

Benedikt Goebel, Kurator "Geraubte Mitte"

"Das Land Berlin wird die Grundstücke ausschreiben und dann wird das Land Berlin etliche Milliarden Euro einnehmen durch den Verkauf dieser Grundstücke, und diese Frage stellt sich dann enorm, wie das Land Berlin in Besitz gekommen, war das gerecht und wollen wir daran festhalten, dass es angeblich gerecht gewesen ist, was da an Entschädigung bezahlt worden ist nach der Wende."


Mit vergleichsweise geringen Summen wurden die jüdischen Nachfahren damals abgespeist, denn Grün- und Straßenflächen sind ausgenommen von den Rückgabe-Gesetzen. Aber jetzt: gerecht klingt anders für Joanne.

Joanne Intrator

"Das wäre traurig, wenn das Neue in Berlin-Mitte auf gestohlenem Besitz gründen würde. Das wäre korrupt. Es ist gut, daran in der Ausstellung zu erinnern. Das könnte der Stadt die Integrität geben, die sie für das nächste Jahrhundert braucht."


Wo immer also das Land Berlin nun in Mitte Bauland verkauft, ob am Petri- oder Alexanderplatz: Über jüdische Geschichte, den ehemaligen Besitz, darf kein Gras wachsen.


Autorin: Petra Dorrmann 

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