- Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

Der berühmte Kritiker und Intellektuelle, der über Jahrzehnte hinweg die literarischen Debatten der Nachkriegszeit prägte, starb am Mittwoch im Alter von 93 Jahren. Stilbruch erinnert an den Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki.

Marcel Reich-Ranicki war der Mann, der uns das Lesen lehrte. Wie kein anderer konnte er loben – und gnadenlos tadeln.

Marcel Reich-Ranicki

"Ein gutes Buch, ein schlechtes Buch. Vielleicht macht das den Erfolg aus. Ein wirklich gutes Buch!"

Marcel Reich-Ranicki

"Wer sich keine Feinde machen will, der soll nicht Kritiker werden, sondern Buchhalter – und als Frau… Hebamme vielleicht."

Immer klar, immer deutlich. Kritik muss verständlich sein – das war sein Credo. Damit ist er zu dem Literaturkritiker Deutschlands geworden: zuerst bei der ZEIT; dann in der FAZ und im Literarischen Quartett. Literatur - für ihn eine Frage von Liebe – und Hass.

Marcel Reich-Ranicki
"Die meisten Bücher auf Erden sind schlecht, das ist nun mal so. Da muss man als Kritiker sagen: weg, weg, weg – um Platz zu schaffen."

Sein Leben: ein jüdisch-polnisch-deutsches Schicksal. Wie alles begonnen hat, schildert er in seinem Buch "Mein Leben" – millionenfach verkauft und verfilmt. Schon als kleiner Junge liebt er die deutsche Literatur.

freistehende Szene

"Du fährst in das Land der Kultur, hörst du? Das Land der Kultur!"

Marcel, in Polen geboren, wird mit 9 Jahren nach Berlin geschickt. Geht zur Schule, erlebt den Aufstieg Hitlers – und bleibt von vielem ausgeschlossen.

Marcel Reich-Ranicki
"Ich war schon ein Außenseiter, verurteilt zu einem ziemlich traurigen Leben. Das alles bedeutete: Wie verbrachte ich meine freie Zeit? Ich las viel sehr viel. Sehr viel."

Doch die Nation, deren Bücher er so liebt, will ihn vernichten. Er muss Deutschland verlassen, kommt schließlich ins Warschauer Ghetto – wo er seine Frau Teofila kennenlernt. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht.

freistehende Szene

"Los!"
"Halt stehenbleiben!"

Sie überleben im Untergrund. Ihre Familien werden hingegen von den Nazis ermordet.

Marcel Reich-Ranicki
"Wir hatten Glück und wir wissen beide, meine Frau und ich, sie allein hätte nicht überlebt und ich allein hätte nie überlebt."

Ihre Ehe hält ein Leben lang. 1958 kehren die Reich-Ranickis nach Deutschland zurück. Marcel Reich-Ranicki schreibt für Zeitungen, macht Literaturkritik wieder populär.

freistehend
"Dann werden wir hier über Literatur reden, unter freiem Himmel…"

und wird schnell bekannt für seine scharfe Zunge.

Marcel Reich-Ranicki
"Martin Walser ist ein Schriftsteller mit großem Talent, leider kann er es noch immer nicht bewirtschaften."

Martin Walser, Peter Handke, Günther Grass: Einige verzeihen ihm seine bissigen bisweilen brutalen Besprechungen nie. Das Publikum aber liebt ihn für seine Klarheit.

freistehend

Löffler: "Hängen wir es niedriger."
Marcel Reich-Ranicki: "Noch niedriger können wir es nicht hängen!"


Bis zum Schluss bleibt er ein streitbarer Geist – den Fernsehpreis 2008 für das Literarische Quartett? Abgelehnt!

Marcel Reich-Ranicki
"Ich nehme diesen Preis nicht an!"

Einer seiner letzten großen Auftritte dann im vergangenen Jahr im Bundestag bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Das Erlebte lässt einen nie los, sagte er einmal.

freistehend
"Die Aussiedlung … nur ein Ziel: den Tod"

Marcel Reic-Ranicki

Ich bin zufällig am Leben geblieben. Unwahrscheinlich, aber so ist es."


Autorin: Anna Bilger

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