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Friedrich Sellow war Naturforscher und Entdeckungsreisender. Vor knapp 200 Jahren erkundet er im Auftrag Preußens die Urwälder Brasiliens. Kistenweise schickt er Pflanzen, Mineralien, Insekten und Zeichnungen nach Berlin. Doch er selbst kehrt nicht zurück...
Am Rio Doce, im Süden Brasiliens. Es ist der 4. Oktober 1831. Der Naturforscher Friedrich Sellow wird an diesem Tag sterben. Mit nur 42 Jahren…
Seine Tagebücher sind erhalten geblieben, ebenso wie sein gesamter Nachlass. Deshalb weiß man heute: Die letzte, unvollendete Reise führt ihn in ein gefährliches Gebiet. Zwischen Naturgewalten und den kriegerischen Botocuden-Indianern…
Carsten Eckert, Wissenschaftshistoriker/Museum für Naturkunde Berlin
"Der Tod ist mysteriös. Es bleibt offen, ist er verunglückt in den Stromschnellen, die tatsächlich sehr gefährlich waren aus Übermüdung oder anderen Gründen? Oder ist er eventuell von den Botocuden umgebracht worden? Das ist die Frage."
Seine Tagebücher werden seit zwei Jahren vom Wissenschaftshistoriker Carsten Eckert entziffert. Friedrich Sellow hält akribisch fest, was ihm begegnet: jede Felsspalte und jede indianische Vokabel. Er zeichnet Missionsanlagen, in denen manche Indianer leben. Nur ganz selten verrät er etwas über sich selbst.
Carsten Eckert, Wissenschaftshistoriker/Museum für Naturkunde Berlin
"In seinen ersten Reisen nach Montevideo besucht er z.B. ein Theater, wo ihn allerdings nicht das Stück interessiert, was in Spanisch aufgeführt wird, sondern die von Flöhen strotzenden Stuhlreihen. Und da beschwert er sich. Aber nichtsdestotrotz sehen wir einen Menschen, der sehr, sehr vielseitig interessiert ist und das macht den Naturforscher natürlich aus."
Friedrich Sellow sammelt buchstäblich alles, was er in dieser geheimnisvollen neuen Welt finden kann. Im April 1814 kommt er in Brasilien an. Auf seinen Reisen wird er über 12.000 Pflanzen sammeln, tausende Tiere erlegen und präparieren. Eines exotischer als das andere. Er findet – lange bevor die Dinosaurier entdeckt werden - ein fossiles Riesengürteltier. Er schickt es stückchenweise nach Berlin. Eine Sensation! Die Funde Friedrich Sellows werden der Grundstock für die südamerikanische Sammlung des Naturkundemuseums.
Ein kostbarer Schatz! Und eine mühevolle Arbeit. Diese Präparate dürfen nur in ungepanschtem Alkohol verschickt werden. (Schwierig im Dschungel!) … Und die 2000 Mineralien, handtellergroß, kann Sellow nur nachts aus den Felsen schlagen.
Carsten Eckert, Wissenschaftshistoriker/Museum für Naturkunde Berlin
"Aus den Aufzeichnungen kennen wir Passagen, die für uns erst rätselhaft erschienen, dann aber doch logisch, dass Sellow mitten in der Nacht Steine um 22:30 oder 0:05 Uhr gibt es Angaben, gesammelt hat. Und das kommt dadurch zustande, dass im brasilianischen Sommer, der bei uns der Winter ist, es drückend heiß ist und es fast nur nachts möglich ist, unterwegs zu sein."
Friedrich Sellow hat sich schon als Kind auf ein Abenteuer-Leben vorbereitet: Er schläft auf dem nacktem Boden und isst rohes Fleisch. Der Gärtnersohn aus Potsdam will, wie Alexander von Humboldt, die Welt bereisen. Er trifft Humboldt in Paris und wird von ihm gefördert. Ihm verdankt er auch, dass er im Auftrag der Preußischen Regierung durch Brasilien reist. Das Land hat sich gerade erst für Europäer geöffnet. Sellow soll in Südbrasilien und Uruguay nicht nur die Flora und Fauna erforschen, sondern auch Bodenschätze finden. Preußen will – wie England, Frankreich, Österreich – das Land ausbeuten. Die Opfer sind die Einheimischen. Friedrich Sellow trifft auf Indianerstämme wie die Botocuden. 1831 – im seinem Todesjahr – sind sie fast ausgerottet.
Sellows Zeichnungen, die im Naturkundemuseum aufbewahrt werden, sind einzigartig. Sie zeigen eine versunkene Welt. Zu seiner Zeit wird Friedrich Sellow unterschätzt. Berlin sieht ihn nicht als Wissenschaftler, sondern als Handwerker. Immer wieder fühlt er sich gedemütigt.
Sabine Hackethal, Kunshistorikerin/Museum für Naturkunde Berlin
"Man muss sich dann vorstellen. 17 Jahre durchs Land reisen, unter den unterschiedlichsten, aber sehr strapaziösen Bedingungen und immer um Geld bettelnd oder um Geld bittend und ihm war klar, die Zeit ist begrenzt, die er noch arbeiten kann."
Lange schon will er zurück nach Berlin, endlich seine Sammlungen auswerten. Doch das tun schon andere für ihn. Gegen seinen Willen. Als er davon erfährt, im fernen Brasilien, fühlt er sich um seinen wissenschaftlichen Ruhm betrogen. In den Morgenstunden des 4.Oktober 1831 bricht er zu seiner letzten Reise auf - zum Rio Doce…
Sabine Hackethal, Kunshistorikerin/Museum für Naturkunde Berlin
"Er hat sich alleine von seinen Begleitern getrennt, obwohl sie gesagt haben, das ist ne schwierige Gegend, da sollte man nicht alleine hingehen. Da ist er dort hingegangen und nachdem er sich längere Zeit sich nicht blicken ließ, sind sie ihm gefolgt und am Strand, am Ufer lagen seine Kleider und ein zur Beobachtung aufgestelltes Instrument und von Sellow fehlte jede Spur. Und zwei Tage später haben dann Einheimische seinen Leichnam weiter flussabwärts gefunden."
Mit seinem Tod gerät Friedrich Sellow in Vergessenheit. Nicht einmal ein Bild ist von ihm geblieben. Aber seine Erkundungen von Brasilien werden noch Generationen von Forschern beschäftigen.
Autorin: Marina Farschid







