- 'Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen'

Erst mit 38 Jahren erfährt Jennifer Teege durch einen Zufall, wer ihr Großvater war. Und es ist ein Schock: Amon Göth, der 1946 hingerichtete KZ-Kommandant, bekannt aus dem Film "Schindlers Liste", war plötzlich Teil ihrer Familie. Wie Jennifer Teege lernt, mit diesem Wissen umzugehen, erzählt sie jetzt in einem Buch. (Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht vor.)

Sie ist erfolgreiche Werbetexterin, verheiratet, hat zwei Kinder. Doch auf einmal gerät Jennifer Teeges Leben aus den Fugen.

Jennifer Teege, Autorin

"Ich war in einer Bücherei und habe ein Buch aus dem Regal gezogen, von dem ich den Inhalt nicht kannte und auch den Autor nicht. Und dieses Buch war über meine Mutter, also die Lebensgeschichte meiner Mutter, die Tochter von Amon Göth.“


Sie erfährt, dass Amon Göth - als KZ-Kommandant verantwortlich für die Ermordung Tausender Juden - ihr Großvater ist. Amon Göth ist eine der Hauptfiguren in Steven Spielbergs "Schindlers Liste". Im KZ tötet er aus purer Lust, grausam und sadistisch. Auch Jennifer Teege hat den Film als junge Frau gesehen. Damals wusste Jennifer Teege noch nicht, dass der Massenmörder ihr Großvater ist.

Jennifer Teege, Autorin

“Es war für mich zu diesem Zeitpunkt ja außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass es sich um meinen Großvater handelt. Insofern habe ich den Film in Erinnerung, aber nicht als einen, ja auch die Figur als etwas, was mit mir zu tun gehabt hätte in irgendeiner Art und Weise.“

Eine schwarze Frau mit einem ihr unbekannten Großvater, der KZ-Kommandant war? Wie kann das sein? Jennifer Teeges Eltern sind Monika Göth, Amon Göths Tochter, und ein aus Nigeria stammender Student. Sie lernen sich Ende der Sechziger Jahre in München kennen. Jennifer wird geboren, die Beziehung zerbricht. Monika Göth bringt ihr Baby in einem Kinderheim unter. Jennifer kommt in eine Pflegefamilie, wird adoptiert und nimmt deren Namen an. Der Kontakt zur Mutter bricht ab. Niemand hat mit ihr über die Familiengeschichte gesprochen.

Jennifer Teege liest

"Ich komme mir vor, als sei ich unter falschem Namen unterwegs gewesen, als hätte ich alle betrogen. Dabei bin ich diejenige, die betrogen wurde: Um meine Geschichte. Um meine Kindheit. Um meine Identität. Ich weiß nicht mehr, zu wem ich gehöre."

Jennifer Teege will sich der Vergangenheit stellen. In ihrem Buch "Amon" erzählt die 43-jährige berührend und ehrlich, wie belastend die Suche nach ihren Wurzeln, nach ihrer Identität war. Wenn sie heute darüber spricht, wirkt sie sachlich, fast abgeklärt, dabei hat sie lange unter Depressionen und Alpträumen gelitten.

Jennifer Teege, Autorin

"Ich hab geträumt, dass ich in einem See schwimme und neben mir sind Leichen, die von irgendwo aufploppen und es kommen immer mehr."

Jennifer Teege sucht Hilfe in einer Psychotherapie und sie macht sich auf die Reise in die Vergangenheit ihrer Familie. Sie fährt nach Krakau und in das nahegelegene KZ Plaszow. Sie will sehen, wo ihr Großvater Kommandant war. Sie fragt sich: Ist das Böse auch in mir?

Jennifer Teege, Autorin

"Der Gedanke, ob ich etwas von meinem Großvater in mir trage, der war da. Ich habe mich schnell davon distanziert, aber es war so, dass ich zum Beispiel bei meiner Therapeutin nachgefragt habe, ob ich denn auch in mir irgendwelche Züge trage, von denen ich nichts weiß.“


Jennifer Teege erfährt auch, dass diese Szene aus "Schindlers Liste" der Wahrheit entspricht: Ihr Großvater Amon Göth hat in seiner Villa, mitten im KZ, wilde Gelage gefeiert, während um ihn herum das Morden weiterging.

An seiner Seite: Ruth Irene Göth, Jennifer Teeges Großmutter. Diese Frau, die Jennifer als liebevolle Oma in Erinnerung hat, war stumme Zeugin der grausamen Morde im KZ.

Jennifer Teege, Autorin

"Meine Großmutter war für mich schwierig in der Auseinandersetzung, schwieriger als mein Großvater. Meinen Großvater, den konnte ich schneller abhaken, da konnte ich mich distanzieren, aber mit meiner Großmutter hat mich erstens etwas verbunden, weil ich die noch kannte als Kind und weil ich, so sagt man zumindest, ihr in vielen Dingen auch ähnlich bin."

Es ist eine große Kraft zu spüren, wenn Jennifer Teege erzählt, wie sie die Vergangenheit aufarbeitet - und auch etwas Unbedingtes. Sie trifft ihre Mutter Monika Göth wieder. Es ist ihr Buch, das Jennifer in der Bücherei entdeckt hatte. Nach Jahren des Schweigens verlangt Jennifer Teege nun Antworten. Aber Monika Göth fühlt sich von der Tochter überfordert. Und die muss akzeptieren, dass sie ihren Weg ohne ihre leibliche Mutter gehen muss.

Jennifer Teege, Autorin

"Ich habe gesehen, was für eine zerstörerische Wirkung dieses Familiengeheimnis auf mich hatte und auf die ganze Familie, wenn Dinge dieser Tragweite verheimlicht werden und das wollte ich anders machen."


Heute weiß sie endlich, wer sie ist, sagt Jennifer Teege. Und sie weiß, dass sie anders ist, anders als ihr Großvater. Jennifer Teege fühlt sich befreit und verantwortlich zugleich: Sie will und sie muss über ihre Familie sprechen.


Autorin: Katharina Wenzel

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