
-
Ihre Chansons haben Millionen fasziniert. Vor 50 Jahren starb Edith Piaf, ihre Stimme betört bis heute. Zu ihrem 50. Todestag erinnern im Berliner Wintergarten sechs deutsche und französische Sängerinnen mit einer musikalischen Hommage an Edith Piaf.
Das Video zum Beitrag liegt aus lizenzrechtlichen Gründen nicht vor.
Im schwarzen Kleid ins Scheinwerferlicht – so trat Edith Piaf stets auf. Dieses Lied ist ihr Vermächtnis. Was auch immer geschehen sein mag: sie hat nichts zu bereuen.
Katharine Mehrling, Sängerin
"Sie hat einfach wahnsinnig viel in ihrem Leben erlebt. Weil sie eben alles ausprobiert hat und alles gewagt hat und alles gegeben hat und hingefallen ist und gescheitert ist und wieder aufgestanden ist, deshalb hat sie sich nichts vorzuwerfen, deshalb hat sie auch nichts zu bereuen. Weil sie gelebt hat."
Zwanzig Jahre ist es her, dass Katharine Mehrling Piafs Chansons für sich entdeckt hat. Piafs Stimme voller Wut, Schmerz und unbändiger Lebensfreude hat nicht aufgehört, sie zu faszinieren. Eine Weile hat sie sogar in Paris gelebt, um Piafs Lebensgefühl nachzuspüren.
"Man könnte das Wort Paris auch durch 'Piaf' ersetzen", hat Marlene Dietrich einmal gesagt: So sehr sind die Stadt und die Sängerin miteinander verbunden. Zwei Mythen. Wobei die Piaf an ihrem eigenen kräftig mitgewirkt hat - so schreibt es der Musikwissenschaftler Jens Rosteck in seiner Biographie.
Das tatsächliche Drama ihres Lebens verstärkte die Piaf noch durch ihren Erfindungsreichtum. Das beginnt schon bei der Geburt. Auf den Treppenstufen dieses Hauses soll sie geboren sein - mitten im Dezember. Die Piaf, ein Kind aus der Gosse? Hätte doch mal jemand in die Geburtsurkunde geschaut.
Jens Rosteck, Musikwissenschaftler
"Es war eine ganz normale Krankenhausgeburt, aber das hat sie sich eben zusammenfantasiert, weil es viel dramatischer war. Der Vater musste dann irgendwie einen Streifenpolizisten holen, dieser Streifenpolizist hat dann seine Pelerine ausgebreitet, auf der ist sie entbunden worden. Das stimmte aber alles gar nicht. Für sie war halt wichtig, dass sie auf der Straße von Paris auf die Welt kam."
Trotz der kleinen Schwindeleien: Dieses Leben war große Tragödie und überwältigende Erfolgsgeschichte zugleich. Ein Straßenkind, das zum Weltstar wird. Ediths Kindheit: ein Elend. Sprechen lernt sie im Bordell ihrer Großmutter, mit ihrem Vater übernachtet sie in Hauseingängen. Mit ihm tritt sie im Zirkus auf und als Sängerin auf der Straße. Als sie 1935, 20-jährig, entdeckt wird, hat sie die beste Schule für die Bühne schon hinter sich.
Jens Rosteck, Musikwissenschaftler
"Sie wusste, wenn jemand auf der Straße an ihr vorbeigeht und stehenbleiben soll, muss sie bestimmte Dinge bei ihm auslösen können. Das hatte sie als ganz kleines Kind gelernt. Das steckte ihr in der Seele, in ihrem Blut."
Ein extremes Leben - Krankheiten, Morphium, verzehrende Leidenschaft. Sie sei zehn Mal glücklicher, zehn Mal unglücklicher als andere, sagt sie.
Edith Piaf (1962)
"Je crois que je suis toujours dix fois plus malheureux..."
Das Publikum liebt sie gerade für ihr schonungsloses Leben. Sie wird Ikone, Nationalheiligtum.
Pariser Journal (1962)
"Zweitausend Menschen versuchen, sie mit den Händen zu berühren, denn das soll Glück bringen."
Männer hatte sie viele - von langer Dauer war keine Amour. Noch 1962 heiratet sie Theo Sarapo, einen 20 Jahre jüngeren, singenden Friseur. Auch mit ihm singt sie vom Wesen der Liebe, die sie nie dauerhaft fand, wohl auch nicht finden wollte.
Katharine Mehrling, Sängerin
"Ich glaube, die Piaf war geboren, zu lieben, zu leiden und zu singen und zu geben und die Menschen zu berühren. Eine dauerhafte Beziehung hätte ihrer Kreativität nicht gut getan. Ich glaube, sie brauchte auch diese Extreme in ihrem Liebesleben, um so sein zu können auf der Bühne, wie sie war."
Jedes Lied von Edith Piaf ist wie ein Theaterstück, sagt Katharine Mehrling. Mit einem Chanson-Abend zu Edith Piafs Todestag erinnert die Sängerin - gemeinsam mit deutschen und französischen Kolleginnen - an ihr großes Vorbild.
Als Edith Piaf vor 50 Jahren vom Krebs und vom Leben entkräftet stirbt, steht Paris still. Das Begräbnis: ein Massenauflauf. Ein Trauernder stürzt im Gedränge in die Gruft. Am nächsten Tag findet man 200 verlorene Schuhe auf dem Friedhof.
Jens Rosteck, Musikwissenschaftler
"Das war eben auch etwas, was ihr gefallen hätte. Sie wollte, dass das noch mal ein letztes großes 'spectacle' wird. Insofern ist sie ihrer Zeit tatsächlich voraus, da sie diese Massenhysterie eben auch bedient hat und eben auch diesen Künstlertypus, der leidende, sich selbst zerstörende Künstler, den hat sie sozusagen eingeführt."
Einmal hat Edith Piaf ihr erbostes Publikum vor einem Konzert vier Stunden warten lassen. Am Ende haben sie sie dennoch gefeiert. Man ahnt warum.
Autor: Steffen Prell







